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Kritik

Absolut überwältigend: «Crimson Desert» ist das «GTA» der Fantasyrollenspiele

«Crimson Desert» gelingt es tatsächlich, die vielen fantastischen Versprechen aus den Trailern wahrzumachen. Das Fantasy-Rollenspiel ist eine Wucht.

Eine gigantische Spielwelt. Grafik, die dich zu Tränen rührt. Drachen, die du fliegen und Bären, die du reiten kannst. Kreative Rätsel und dazu eine packende Story. Ein spektakuläres Kampfsystem aus Magie, Schwertkampf und – checks notes – Wrestling. Alles, was im Vorfeld zu «Crimson Desert» gezeigt wurde, sah zu gut aus, um wahr zu sein. Das südkoreanische Studio Pearl Abyss hat mit dem MMO «Black Desert» zwar bewiesen, dass es umfangreiche Fantasy-Rollenspiele beherrscht. Ein Einzelspieler-RPG unterscheidet sich aber doch deutlich von einem MMO, das man mittlerweile auf dem Smartphone spielen kann.

Doch «Crimson Desert» liefert ab – und zwar so richtig. Nach über 50 Stunden kratze ich immer noch nur an der Oberfläche, aber ich weiss: Darunter steckt ein Meisterwerk.

Das stolpert allerdings zuerst über die eigene Türschwelle. Der Einstieg ist, um es gelinde zu sagen, sonderbar. Es geht Schlag auf Schlag. Erst wird das Camp meines Clans, der Graumähnen, angegriffen. Die Hauptfigur Kliff wird vermeintlich tödlich verwundet und macht einen Aragorn über die Klippe. Danach gibt es einen Zeitsprung und ich sitze an einem Fluss, bei einer Fischerfamilie, die mich gerettet hat. 30 Sekunden später stehe ich vor zwei Leichen, nachdem mein Retter von zwei Rüpeln angegangen wird – reine Notwehr natürlich. In den nächsten Minuten jage ich eine vermisste Katze über ein Hausdach, verdinge mich als Kaminfeger und rette eine Frau, die sich als Hexe herausstellt, aus der Kanalisation.

All das soll als Tutorial dienen, aber die Abfolge ist derart zusammenhanglos und überhastet, dass ich nur den Kopf schütteln kann. Kliff zeigt dabei so viel Persönlichkeit wie ein Kleiderständer und zieht immer ein Gesicht, als hätte er einen Furz gerochen. Daran ändern auch die kommenden Stunden nichts. Der Rest des Spiels wird hingegen von Minute zu Minute besser.

«Riechst du das auch»? Kliff, die Hauptfigur, kennt nur einen Gesichtsausdruck.
«Riechst du das auch»? Kliff, die Hauptfigur, kennt nur einen Gesichtsausdruck.

Pure Überforderung

Anfangs bin ich von «Crimson Desert» völlig überwältigt. Einerseits visuell, das Spiel sieht sensationell aus, aber viel mehr spielerisch. Es wirkt zu komplex und schlicht zu gut, um wahr zu sein. Und so richtig verfliegt dieser Zauber nie.

Pearl Abyss packt im Minutentakt neue Mechaniken aus. Eine knappe Stunde nach dem Überfall, der anschliessenden Turbo-Reha und dem darauffolgenden Mini-Tutorial finde ich mich in einer geheimnisvollen Sci-Fi-Welt namens Abyss wieder. Sie schwebt Kilometer über Pywel – so der Name der Welt von «Crimson Desert».

Ich gehöre zu den Auserwählten, welche die Himmelswelt Abyss betreten können.
Ich gehöre zu den Auserwählten, welche die Himmelswelt Abyss betreten können.

Die Parallelen zu «The Legend of Zelda: Tears of the Kingdom» sind offensichtlich. Als Nächstes erhalte ich die Macht des Axioms. Mit einem Energielasso bewege ich Gegenstände wie mit Telekinese. Dazu gibt es eine Naturkraft, mit der ich wie ein Jedi Dinge und Gegner wegschleudere. Damit löse ich ein erstes Schalterrätsel. Die Hexe aus der Kanalisation taucht wieder auf und schenkt mir einen Umhang, mit dem ich fliegen kann. Einen Moment später springe ich von der Schwebewelt und rase auf die Oberfläche zurück.

Bereits nach der ersten Stunde überlege ich, ob ich einen Spickzettel brauche. Es gibt so viele Tastenkombinationen. Kampf-, Fähigkeits- und Bewegungssystem erfordern einen Grad an Fingerakrobatik, mit der ich im Zirkus auftreten könnte. Regelmässig drücke ich drei Tasten gleichzeitig oder Kombinationen aus verschiedenen Tasten, inklusive Gedrückt-Halten, gefolgt von kurzem Drücken. Ständig kommt Neues dazu. Ich konsultiere regelmässig meinen Skill-Tree, weil ich mir nie alles merken kann. Ich bin aber überrascht, wie gut ich damit zurechtkomme. Ich darf das Spiel einfach keinen Tag weglegen, sonst verlerne ich gleich alles wieder.

Mit meinem Zauberumhang kann ich fliegen, leider nur so lange die Ausdauer reicht.
Mit meinem Zauberumhang kann ich fliegen, leider nur so lange die Ausdauer reicht.

Das könnte ich aber auch gar nicht. Dafür gibt es viel zu viel zu tun. Ein Blick auf die Karte verrät schnell, dass die Welt von «Crimson Desert» gigantisch ist. Neben der Hauptquest stolpere ich ständig über neue Ablenkungen.

So weit das Auge reicht

Studios werfen gerne mit Superlativen um sich, um ihre Open-World-Spiele anzupreisen. Doch grösser ist nicht gleich besser. Dass ich nach 50 Stunden einen Bruchteil von «Crimson Desert» entdeckt habe und immer noch fasziniert bin von der Welt, ist das beste Zeugnis, das ich so einem Spiel ausstellen kann.

Es erinnert mich an die magischen Zeiten von «World of Warcraft» anno 2005. Damals, als Blizzards Welt noch neu und geheimnisvoll war, erkundete ich stundenlang neue Regionen. Ich fühlte mich wie ein Entdecker. Genauso ergeht es mir in «Crimson Desert». Wo ich auch hinschaue, erblicke ich etwas, das ich mir anschauen will. Was verbirgt sich in dem gigantisch weissen Turm auf der Bergspitze? Fliegt da hinten ein Zeppelin? Wie tief hinab geht dieser verschlungene Canyon? Wann ist die nächste Vorführung im Zirkus mit den Feuerspeiern und wer haust in diesem kitschigen Disneyschloss?

Ich glaube, ich bin falsch abgebogen. Ich wollte gar nicht nach «Fallout».
Ich glaube, ich bin falsch abgebogen. Ich wollte gar nicht nach «Fallout».

Ich kann mich nicht sattsehen an der Welt. Pearl Abyss hat ein echtes Wunder vollbracht. Der Detailreichtum bei der Dekoration und die Variation der Flora und Fauna sind atemberaubend. Das einzige, das mich nervt, ist der ständige Wind, der Blätter und Bäume flattern lässt, als würde ein Orkan durch die Gegend ziehen.

Es ist trotzdem erstaunlich, wie poliert das Ganze wirkt. Sollte Rockstar je ein Fantasy-Rollenspiel entwickeln, stelle ich es mir so vor. Ich kann einen ganzen Abend herumreiten und decke lediglich eine kleine Schneise auf der Karte auf. Diesen Antrieb muss ich anfangs selbst mitbringen. Die Hauptquest spielt in der ersten Hälfte praktisch nur in einer Region. Es gibt noch vier weitere, eine davon die titelgebende Crimson Desert. Eine Wüstenwelt, in der mich bei der erstbesten Gelegenheit ein riesiger Steingolem überrascht. Weiter südlich bei den Zeppelinen beherrschen merkwürdige Insektenmaschinen das Land. Noch weiter südlich fliegen Drachen am Himmel, die ich bisher vergeblich versucht habe, einzufangen.

Die Welt von «Crimson Desert» ist ein Paradies für Entdecker.
Die Welt von «Crimson Desert» ist ein Paradies für Entdecker.

Meine Neugier zu wecken, ist die wichtigste Eigenschaft eines Open-World-Spiels. Ich werde aber nicht nur mit Sehenswürdigkeiten belohnt. Manchmal entdecke ich Schatzkisten, eine Erzader aus seltenem Metall oder ein Rätsel, das mich mit Abyss-Artefakten belohnt. Damit schalte ich neue Fähigkeiten frei. Ein traditionelles Levelsystem mit Erfahrungspunkten gibt es in «Crimson Desert» nicht.

Die Rätsel sind selten kompliziert, aber abwechslungsreich. Mal finde ich ein Mühlespielfeld, wo ich die Steine richtig positionieren muss. Ein andermal öffne ich eine Geheimtür, indem ich mehrere Mechanismen in einem Haus aktiviere. Hinter einer verborgenen Felstüre, die mich an den Eingang zu Moria in «Herr der Ringe» erinnert, blickt mir plötzlich ein Drache ins Gesicht – einer aus Stein, zum Glück. Davor befindet sich eine Grube mit drei Drehschaltern. Wie ich sie einstellen muss, habe ich noch nicht herausgefunden. Das halb zerstörte Wandbild gibt mir zwar Hinweise, noch bringe ich die unerledigte Aufgabe nicht aus meinem Kopf, zusammen mit tausend anderen offenen Dingen, die ich noch erledigen will.

Das Rätsel sieht komplizierter aus, als es ist. Sogar ich konnte es lösen und ich bin nicht mal sicher, wie man Mühle spielt.
Das Rätsel sieht komplizierter aus, als es ist. Sogar ich konnte es lösen und ich bin nicht mal sicher, wie man Mühle spielt.

Die Welt fasziniert mich. Was ich vermisse, ist das Leben darin. Ich begegne zwar unterschiedlichsten Wesen wie Menschen, Trollen oder den elfenartigen Shai. Ich habe aber keine Ahnung, was ihre Geschichte ist, wie sie zueinander stehen und was sie beschäftigt – ausser Banditen. Alle Bewohner Pywels vereint die ständige Plage durch Banditen. Die verschiedenen Bücher und Schriftrollen, die ich regelmässig finde, geben zwar Hinweise, ich will die Welt aber erleben und nicht darüber lesen. Immerhin ist sie gefüllt mit einer Tierauswahl, die jeden Zoo erblassen lässt. Von Schafen, über Kiwis bis zu Insekten ist alles dabei. Aus Letzteren kann ich sogar Farbe herstellen. Damit kommen wir gleich zum nächsten grossen Element von «Crimson Desert».

Systemüberlastung

Die eingangs erwähnte komplexe Steuerung hängt nämlich mit den unzähligen Systemen zusammen, die «Crimson Desert» auftischt. Ich habe noch längst nicht alle entdeckt, geschweige denn vollständig verstanden. Da wären die üblichen Kandidaten: ein ausdauerbasiertes Klettersystem, Basis-Management, Forschung, Erzabbau, Holzfällen, Fischen, Kochen und so weiter. Ich könnte alleine darüber mehrere Seiten schreiben.

Die Reittiere alleine sind ein Kapitel für sich: Mein Pferd sprintet nicht nur und beherrscht den Doppelsprung oder kickt auf Kommando, es kann sogar driften. Das mit nur einem PS, nimm das «Need for Speed». Ich kann mich vom Rücken in die Luft katapultieren und meinen Flugumhang aktivieren.

Ich bin immer noch mit dem Standard-Hottehü unterwegs. Insgesamt gibt es aber fast 30 Reittiere.
Ich bin immer noch mit dem Standard-Hottehü unterwegs. Insgesamt gibt es aber fast 30 Reittiere.

Regelmässig kommt auch die Lampe zum Einsatz. Sie dient nicht nur als Lichtquelle, sondern enthüllt an bestimmten Stellen Erinnerungen. Die spiele ich anschliessend ab, indem ich meinen goldenen «Visione»-Helm aufsetze. Danach sehe ich ein Hologramm davon, was vorher passiert ist.

Will ich etwas klauen, muss ich vorher eine Maske aufsetzen. Wozu die genau gut sein soll, ist mir allerdings ein Rätsel. Denn selbst in einem Keller eines Banditenlagers, in dem kein Mensch weit und breit ist, sinkt mein Ruf, wenn ich etwas unerlaubt mitgehen lasse.

Durch Ruf verdiene ich eine Währung, die ich beim Beitragsladen in grösseren Städten für besondere Ausrüstung eintauschen kann.

Der Helm verdeckt passenderweise auch Kliffs Furzgesicht.
Der Helm verdeckt passenderweise auch Kliffs Furzgesicht.

Um etwas zu kochen, benötige ich nicht nur die richtigen Zutaten und eine Feuerstelle, ich brauche auch ein Rezept. Und wie bei Schmiedeplänen oder anderen wichtigen Dokumenten, reicht es nicht, sie nur zu finden. Ich muss sie ausrüsten und danach mit L1/LB inspizieren, um die Information zu extrahieren.

Mit genug zu essen kannst du dich durch jeden Bosskampf «cheesen».
Mit genug zu essen kannst du dich durch jeden Bosskampf «cheesen».

In «Crimson Desert» verbessere ich meinen Charakter durch bessere Ausrüstung und durch Abyss-Artefakte. Die funktionieren wie Upgrade-Punkte, die ich in meinen Skill-Tree investieren kann. Ich erhalte sie unter anderem für Storyquests, besiegte Bosse, Abyss-Rätsel oder Herausforderungen. Die schalte ich durch versiegelte Abyss-Artefakte in Form grauer Würfel frei. Beispielsweise 100 Meter am Stück rutschen. 50 Speerangriffe in 30 Sekunden vollführen oder einen Cheater erwischen im Seotda, einem pokerartigen Minispiel. Am einfachsten finde ich diese Abyss-Würfel, indem ich R1/LB und R2/RB zusammendrücke. Dann reflektiert mein Schwert Licht. Orte, an denen sich Artefakte oder ein Teleporter für das Schnellreisesystem befinden, leuchten blau auf. Wenn ich das Licht bündle, dient mir das Schwert sogar als Feuerzeug.

Ich mochte schon in «Red Dead Redemption 2», dass vieles eine manuelle Eingabe erfordert. Es macht die Welt greifbarer und das trifft auch auf «Crimson Desert» zu. All die Systeme und Mechaniken haben allerdings zur Folge, dass die Menüs überladen sind und selbst das Auswählen und Benutzen einer Spitzhacke mehrere Schritte erfordert.

Reflektiere ich das Licht mit meinem Schwert, werden mir Abyss-Artefakte und Teleporter angezeigt.
Reflektiere ich das Licht mit meinem Schwert, werden mir Abyss-Artefakte und Teleporter angezeigt.

Fechten, Hacken oder Wrestling

Beim allerersten Gefecht fällt auf, wie wuchtig die Kämpfe sind. Gegner schleudern bei Treffern zurück und prallen ineinander, wenn ich mit einem Flächenangriff mehrere erwische. Ich kann auch handgreiflich werden und Feinde über Klippen werfen. Ganze Banden entsorge ich auf diese Weise. Herrlich. Ich kann Feinde nicht nur werfen, sondern richtige Wrestling-Moves an ihnen ausführen, inklusive Dropkicks und Bodyslams. Mein aktueller Favorit: der Riesenschwung. Dafür muss ich einen Stampftritt ausführen und kurz vor der Vollendung Dreieck und Kreis oder Y und B betätigen, um mein Opfer an den Beinen zu packen und im Kreis zu schleudern. Dieses Helikopter-Manöver mäht ganze Gegnerhorden um.

Kliff ist kein Mann vieler Worte.
Kliff ist kein Mann vieler Worte.

Nur das Timing beim Ausweichen finde ich gewöhnungsbedürftig. Von «Elden Ring» und Co. bin ich es gewohnt, im letzten Moment auszuweichen. In «Crimson Desert» muss ich wesentlich früher drücken. Das fühlt sich unnatürlich an. Zudem sind bei einigen Bosskämpfen die Angriffe nicht immer lesbar. Beim Krähenbeschwörer ist zwischen seinen Federanimationen oft nicht ersichtlich, ob er strauchelt, zum Angriff ausholt oder abwartet. Im Grossen und Ganzen ist das Kampfsystem aber präzise und vielseitig.

Dazu tragen auch die unterschiedlichen Waffen bei. Es gibt Einhandschwerter, Keulen, Äxte, Lanzen, aber auch Bögen und Schusswaffen. Hinzu kommen magische Elementarangriffe wie ein Meteortritt, ein Eisschild oder ein Glutschlag. Gelernt habe ich noch nichts davon, weil ich offenbar immer noch nicht weit genug fortgeschritten bin.

Die verschiedenen Kreaturen in «Crimson Desert» erfordern unterschiedliche Angriffstaktiken.
Die verschiedenen Kreaturen in «Crimson Desert» erfordern unterschiedliche Angriffstaktiken.

Geistkräfte kommen im Kampf ebenfalls zum Einsatz. Neben zusätzlichen Konter- und Ausweichmöglichkeiten erlauben sie mir, Pfeile abzuwehren oder Gegner mit der Kraftfaust wegzuboxen.

Als wäre das nicht genug Variation, erhalte ich im Verlauf des Spiels zusätzliche Charaktere. Sie besitzen eigene Kampfstile und Skill-Trees. Einzig investierte Punkte in Ausdauer, Gesundheit und Geist gelten für alle Spielfiguren. Dem Schnellauswahl-Menü zufolge erhält Kliff Schützenhilfe von insgesamt vier weiteren Personen. Ich habe erst Damiane. Sie setzt vermehrt auf Schusswaffen und hat einen Schild, den sie wie Captain America schleudern kann. Ein Axtschwinger folgt wohl als Nächstes. Bereits habe ich einige passende Waffen, die Kliff nicht benutzen kann.

Bisher fehlt mir jedoch der Anreiz, Damiane auszuprobieren. Entweder müsste ich etliche Stunden investieren, um auch für sie Abyss-Artefakte zu sammeln, oder ich setze alle Skills zurück, was mich eine stark begrenzte Ressource kostet. Warum können nicht alle Charaktere Upgrades separat nutzen?

Zusätzliche Charaktere wie Damiane besitzen eigene Skill Trees.
Zusätzliche Charaktere wie Damiane besitzen eigene Skill Trees.

Schwachpunkt Story und Charakterführung

Über die Hauptfigur oder die Story habe ich noch fast nichts erzählt. Das hat einen einfachen Grund: Sie sind beide langweilig. Zwar sind Dialoge im Englischen toll vertont. Kliff wird von Alec Newman gesprochen, der in «Cyberpunk 2077» Adam Smasher seine Stimme lieh. Allerdings kitzelt auch sein toller schottischer Akzent wenig aus der blassen Figur heraus. Das gilt auch für die Geschichte. Die Graumähnen, zu denen Kliff gehört, sind im Krieg mit den Schwarzbären. Die sind auch für den Rest der Welt eine Plage. Nach der beinahe Auslöschung der Graumähnen zum Auftakt des Spiels versucht Kliff, seine Bande wieder zusammenzubringen.

Es ist offensichtlich, dass Pearl Abyss dabei eine Familienbande im Stile von «Red Dead Redemption 2» anstrebt. Die Graumähnen hätten sich allerdings treffender Graumäuse nennen sollen. Sie versprühen kaum Persönlichkeit. Ausser einem nervigen Trunkenbold fällt mir spontan auch kaum eine Figur ein.

Mein Camp wächst und wächst, nur die Menschen darin bleiben unbedeutend.
Mein Camp wächst und wächst, nur die Menschen darin bleiben unbedeutend.

Ich bin zwar erst in der Hälfte der Geschichte, aber bisher bot sie nichts, das hängen bleibt. Ich muss Bösewichte vernichten. Das wär’s. Immerhin sind die Bosskämpfe spektakulär inszeniert, es gibt riesige Belagerungsschlachten und auch sonst viele sehenswerte Szenen.

Ein weiterer Makel betrifft die Charakterführung, respektive die Designsprache. Das Spiel hat stellenweise Mühe, zu vermitteln, was verlangt ist. Bereits zu Beginn, als ich in der Himmelswelt über schwebende Plattformen springen muss, stehe ich das erste Mal an. Eine Plattform ist offensichtlich zu hoch zum Springen. Kurz vorher habe ich gelernt, dass ich mit der Axiom-Kraft Platten drehen kann, um Energie umzuleiten. Also versuche ich das, nur um nach fünf Minuten zu merken, dass ich doch hätte springen müssen.

Bei einem Bosskampf gegen eine Art fliegendes Nebelmonster komme ich erst weiter, als ich den Presse-Discord konsultiere. Die vielen Kommentare machen klar, dass nicht nur ich auf dem Schlauch stehe. Die Lösung ist, sich erst in die Luft zu katapultieren, dann zu fliegen, dann das Monster anzuvisieren und anschliessend mit der Kraftfaust anzugreifen. Natürlich, liegt auf der Hand. Dass mir das Spiel vorher einen Hinweis präsentiert, wie ich den Gegner blenden kann, mich damit auf eine völlig falsche Fährte lockt und mir dabei noch eine falsche Taste anzeigt, schiesst den Vogel ab.

Statt dumm rumzustehen, müsste ich selber in die Luft steigen. Leider kommuniziert das Spiel nicht klar genug.
Statt dumm rumzustehen, müsste ich selber in die Luft steigen. Leider kommuniziert das Spiel nicht klar genug.

Ein anderes Mal soll ich einen Turm besteigen. Dabei kommt eine Mechanik zum Einsatz, die ich seit über 30 Spielstunden nie mehr benutzt habe. Ich muss Energie in die richtigen Bahnen leiten. Leiterbahnen sind auf den drehbaren Platten leider auch nicht ersichtlich. Fast eine ganze Stunde verschwende ich für etwas, das in fünf Minuten geschafft wäre. Hier macht mir «Crimson Desert» das Leben unnötig schwer. Das ist frustrierend, aber auf die Gesamtspielzeit gesehen zum Glück eine Ausnahme.

«Crimson Desert» erscheint am 20. März für PC, Mac, PS5 und Xbox Series X/S. Ich habe die PC-Version getestet, die mir Pearl Abyss zur Verfügung gestellt hat.

Fazit

Ein Rollenspiel, das dich nicht mehr loslässt

«Crimson Desert» nimmt den Mund unglaublich voll und hält, was es verspricht. Eine beeindruckendere Open World ist mir noch nicht untergekommen. Der Detailreichtum und die Variation sind immens. Ich kann stundenlang durch die Gegend reiten und entdecke immer etwas Neues. Am liebsten würde ich jeden letzten Winkel erkunden. Dank der Black-Space-Engine sieht das Ganze atemberaubend aus.

Zum Weltenbummler-Dasein kommt eine schier endlose Menge an Beschäftigungen und Systemen dazu. Ich weiss kaum, wo anpacken. Zu Beginn wirkt das überfordernd. Mit der Zeit greifen die Systeme immer besser ineinander und fühlen sich nicht nach Füllmaterial an.Kämpfe kommen in erfreulich dosierten Mengen. Wobei das Kampfsystem so viel Variation bietet und so wuchtig daherkommt, dass es sich kaum abnutzt. Mit den zusätzlichen Charakteren ist es fast Overkill.

Nicht überrascht, aber trotzdem enttäuscht bin ich von der Geschichte. Sie bleibt wie alle Figuren, denen ich bisher begegnet bin, blass und vorhersehbar. Immerhin sind die Bösewichte angenehm überzeichnet und motivieren mich, ihnen das Maul zu stopfen.

Wenn du in einem Lexikon – gibt’s sowas überhaupt noch? – Open World nachschlägst, muss daneben «Crimson Desert» stehen. Denn mehr Open World geht kaum. Es bietet eine Welt, in der du dich komplett verlieren kannst. Was gibt es Schöneres?

Pro

  • Gigantische Welt, voll mit Dingen zum Entdecken
  • die atemberaubend aussieht
  • vielseitiges und wuchtiges Kampfsystem
  • unzählige Beschäftigungen

Contra

  • Story und Charaktere bleiben blass
  • gelegentlich unklare Charakterführung
Pearl Abyss Crimson Desert Day One Edition (Windows, IT)
Game

Pearl Abyss Crimson Desert Day One Edition

Windows, IT

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Als Kind durfte ich keine Konsolen haben. Erst mit dem 486er-Familien-PC eröffnete sich mir die magische Welt der Games. Entsprechend stark überkompensiere ich heute. Nur der Mangel an Zeit und Geld hält mich davon ab, jedes Spiel auszuprobieren, das es gibt und mein Regal mit seltenen Retro-Konsolen zu schmücken. 


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