
Kritik
Mehr Freiheit, weniger Biss: «Styx: Blades of Greed» im Test
von Kim Muntinga

In «Adorable Adventures» folge ich als Wildschweinbaby Boris meiner Nase durch eine wunderschöne Naturkulisse. Das ist charmant, stimmungsvoll und oft überraschend warmherzig, aber die zentrale Idee nutzt sich schneller ab, als mir lieb ist.
Ich stehe mit meinen viel zu kurzen Beinchen im feuchten Gras. Vor mir tanzen leuchtende Duftpartikel durch die Luft, irgendwo raschelt ein Busch, und mein kleiner Wildschweinrüssel arbeitet, als hinge mein ganzes Leben davon ab. Was in gewisser Weise stimmt. Ich bin Boris, ein Frischling, getrennt von meiner Familie und mein bester Kompass ist meine Nase.
«Adorable Adventures» hat mich in diesen ersten Minuten nicht mit großen Worten überzeugt, sondern mit einer simplen Idee: Ich sehe die Welt nicht wie ein Mensch, sondern wie ein kleines Tier, das sich auf Instinkte verlassen muss. Jeder Geruch wird zur Spur, jedes Rascheln zum Versprechen, jeder Schritt ins hohe Gras zu einer kleinen Mutprobe. Das ist charmant, manchmal fast rührend, aber auch riskant. Denn so niedlich Boris auch ist: Ein Spiel kann sich nicht allein auf große Augen und tapsige Animationen verlassen. Irgendwann muss aus dem ersten «Oh, wie süß» ein echtes Abenteuer werden.

Hinter «Adorable Adventures» steckt Wild Sheep Studio, ein Name, der bei manchen noch eine ganz andere Erinnerung weckt. Das französische Team arbeitete einst an «WiLD», einem ambitionierten Open-World-Projekt für die Playstation 4, das jahrelang wie ein Versprechen durch die Branche geisterte und am Ende nie erschien. Nun kehrt das Studio mit einem deutlich kleineren Spiel zurück: einem Cozy-Adventure über Instinkt, Orientierung und Familie.
Gerade dieser Maßstabswechsel macht neugierig. Aus der großen Wildnisfantasie wird eine intime Tiergeschichte. Gleichzeitig war ich skeptisch: Niedlichkeit, Duftspuren und eine rührende Prämisse schaffen schnell Sympathie, tragen aber nicht automatisch ein ganzes Spiel. Wenn ein Spiel bewusst klein bleibt, müssen seine wenigen Ideen umso besser funktionieren.
Spielerisch hängt viel an Boris’ Geruchssinn. Auf Knopfdruck werden Duftspuren sichtbar, die sich wie leuchtende Fäden durch Gras, Wald und Höhlen ziehen. Das ist mehr als nur ein netter Effekt, weil es sofort zur Figur passt: Boris orientiert sich nicht wie ein Mensch. Er liest die Welt mit der Nase.

Am besten funktioniert das, wenn mich das Spiel nicht einfach nur führt, sondern neugierig macht. Wenn eine Spur sich mit einer stärkeren Fährte kreuzt, um Felsen windet oder mich kurz vom offensichtlichen Weg abbringt, fühlt sich das Schnüffeln tatsächlich wie Suchen an. Sobald ich aber nur noch einer Partikelspur hinterherlaufe, verliert die Idee etwas von ihrem Zauber.
Auch Boris selbst lebt von diesem Gefühl. Er wuselt durchs Gras, rutscht kleine Abhänge hinunter und drückt sich durch Büsche, als wäre jeder Meter ein kleines Abenteuer. Das ist charmant, solange die Tapsigkeit gewollt wirkt. Insbesondere mit Maus und Tastatur wurde mir aber öfter die Kameraführung zum Gegner: zu hakelig, zu unruhig, zu wenig intuitiv für ein Spiel, das eigentlich fließen will. Mit Controller fühlt sich «Adorable Adventures» deutlich runder an. Plötzlich passen Bewegung, Kamera und Boris’ tapsiger Rhythmus besser zusammen.

Interessanter wird es, wenn die Fährten zu kleinen Situationen führen: ein Geschwisterchen, das nicht sofort erreichbar ist, ein Umweg durchs Gelände, eine Stelle, an der ich erst herausfinden muss, wie Boris weiterkommt.
Als ich meinen Bruder Gary in einer Felsspalte finde, ist das kein simples Klick-Event. Ich muss erst sein Vertrauen gewinnen, ein kleines Rätsel um seine Lieblingsbeeren lösen und ihn anschließend sicher zurück zum Basislager führen. Das sind keine schweren Aufgaben, eher sanfte Hürden. Aber sie geben dem Spaziergang Struktur und verhindern, dass ich nur von Duftpartikel zu Duftpartikel laufe.

Trotzdem muss ich sagen: Das System entfaltet sein volles Potenzial nie ganz. Je weiter das Spiel fortschreitet, desto vorhersehbarer werden die Duftspuren.
Zum Glück trägt die Welt einiges von dem, was die Mechanik manchmal liegen lässt. «Adorable Adventures» orientiert sich am französischen Nationalpark Cévennes und macht daraus eine erstaunlich schöne, stimmige Landschaft: helle Kalksteinfelsen, dichte Wälder, schmale Bachläufe, weiches Licht, Wege, die sich natürlich durch die Umgebung ziehen.
Dabei ist diese Natur nicht nur Wohlfühlkulisse. Der Waldbrand, der Boris von seiner Familie getrennt hat, liegt wie ein Schatten über der Reise. Das Spiel wird dadurch nicht düster, aber es bekommt einen melancholischen Unterton. Zwischen all den warmen Farben und friedlichen Geräuschen steckt immer auch die Erinnerung daran, warum Boris überhaupt allein unterwegs ist.

Am stärksten spüre ich die Atmosphäre beim Klang. Wind, Insekten, entferntes Zwitschern und das Rascheln unter Boris’ Hufen greifen angenehm ineinander. Die Musik bleibt zurückhaltend und lässt der Natur Raum. Es gibt Momente, in denen ich dies einfach auf mich wirken lasse und genieße.

Max (Kurzform für Maxime), der Park-Ranger, gibt dieser Tiergeschichte einen menschlichen Rahmen. Seine englischen Voiceover-Kommentare (gesprochen von Joshua Manning) reagieren auf Boris’ Entdeckungen und klingen oft wie behutsame Beobachtungen aus einem Naturjournal: warm, aufmerksam, nie spöttisch. Gut funktioniert das, wenn er nicht erklärt, sondern begleitet. Dann ergänzt seine Stimme Boris’ stumme Perspektive, ohne sie zu übertönen.
Manchmal rutscht die Erzählung aber zu sehr ins Dokumentarische und kommentiert Dinge, die ich lieber selbst entdeckt hätte. Das stört nicht dauerhaft, zeigt aber, wie vorsichtig ein Spiel sein muss, das so stark von Instinkt und Atmosphäre lebt.
Nach gut drei bis vier Stunden war Boris’ Hauptreise für mich vorbei. Das ist kurz, aber für dieses Spiel nicht automatisch ein Problem. Ich hatte sogar eher das Gefühl, dass «Adorable Adventures» genau in diesem kompakten Rahmen am besten funktioniert. Länger hätte die zentrale Idee vermutlich nicht getragen. Dafür nutzt sich das Schnüffeln zu früh ab, und dafür bleiben die kleinen Rätsel zu vorsichtig.

Schön fand ich, dass die Suche nach Boris’ Geschwistern nicht nur als reine Checkliste funktioniert. Das Spiel versucht, jedem von ihnen zumindest eine kleine Eigenheit mitzugeben: die scheue Schwester, die erst behutsam angelockt werden muss; der vorwitzige Bruder, der eine sportliche Herausforderung braucht. Das sind keine tiefen Charakterstudien, aber kleine Porträts. Und sie reichen, damit sich die Begegnungen nicht austauschbar anfühlen.

Die Nebenaktivitäten habe ich eher mitgenommen, wenn sie gerade auf meinem Weg lagen. Fotoaufgaben, sammelbare Gerüche, Maximes Journal, Parkpflege oder Zeitrennen haben mich nicht stark genug gezogen, um gezielt alles abzuarbeiten. Gut passen sie, wenn sie meinen Blick auf die Umgebung schärfen: ein Foto hier, ein Geruch dort, ein kurzer Moment, in dem ich einen Ort bewusster wahrnehme.
Wer alles sehen will, kommt auf etwa sechs Stunden. Für zwanzig Euro ist das knapp bemessen, aber auch ein kurzes Buch, das man nicht vergisst, rechtfertigt seinen Preis. Bei «Adorable Adventures» spüre ich den knappen Umfang aber deutlicher, weil sich die zentrale Idee früh abnutzt.

«Adorable Adventures» wurde mir von Wild Sheep Studio für den PC zur Verfügung gestellt. Das Spiel ist seit dem 30. April für den PC, PS5 und Xbox Series X|S verfügbar.
«Adorable Adventures» ist ein schönes, warmherziges Cozy-Adventure, das vor allem dann überzeugt, wenn ich mich auf seinen ruhigen Rhythmus einlasse. Boris ist sofort ein sympathischer Hauptcharakter, die Welt ist stimmungsvoll gestaltet und die Idee, eine Landschaft über Gerüche statt über klassische Wegmarken zu lesen, passt wunderbar zur Tierperspektive.
Ganz ausschöpfen kann das Spiel diese Idee aber nicht. Die Duftspuren werden mit der Zeit vorhersehbar, die Rätsel bleiben sehr vorsichtig und die Nebenaktivitäten geben mir nur selten einen starken Grund, länger in der Welt zu bleiben. Auch die Kameraführung mit Maus und Tastatur stört immer wieder den Fluss, während sich das Spiel mit Controller deutlich runder anfühlt.
Trotzdem habe ich Boris’ Reise gern begleitet. «Adorable Adventures» ist kein großes Wildnis-Epos, sondern ein kurzer, liebevoller Ausflug durch eine schöne Naturkulisse. Für zwanzig Euro ist der Umfang knapp, aber wer ein entspanntes, atmosphärisches Spiel für ein oder zwei Abende sucht, bekommt hier ein kleines Abenteuer mit Herz, Hufen und einer sehr guten Nase.
Pro
Contra
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