
Kritik
«Project Hail Mary» ist für mich der beste Film des Jahres
von Luca Fontana

«Apex» führt gerade die Netflix-Filmcharts an. Das sagt vielleicht mehr über unsere kollektive Sehnsucht nach einem unkomplizierten Adrenalinschub als über die Qualität des Films selbst.
Keine Sorge: Die folgende Filmkritik enthält keine Spoiler. Ich verrate dir nicht mehr, als ohnehin schon bekannt und in den Trailern zu sehen ist. «Apex» ist auf Netflix verfügbar.
Baltasar Kormákur ist kein Regisseur, der nach Originalität sucht. Er sucht nach Nervenkitzel – und findet ihn in seinen Filmen. Mit «Everest», einem von Stars nur so gespickten Bergsteiger-Drama, hat er 2015 bewiesen, dass er aus echten Schauplätzen und physischer Bedrohung Kino destillieren kann, das einen nicht mehr loslässt.
Mit «Apex» macht er dasselbe, nur kompakter, direkter und diesmal nicht mit dem höchsten Berg der Welt, sondern mit dem australischen Busch als Kulisse. Wer das weiss, weiss auch, was sie oder er bekommt: keine Überraschungen in Story oder Dramaturgie, aber ein Handwerk, das sitzt.
Sasha (Charlize Theron) ist Bergsteigerin und Adrenalinjunkie – die Art Mensch, die Felswände erklimmt, bei deren Anblick alleine andere Höhenangst kriegen. Als bei einer Kletterexpedition auf der berüchtigten Trollwand in Norwegen ihr Partner Tommy (Eric Bana) ums Leben kommt, zieht sie sich nach Australien zurück, um dem eigenen Trauma ein paar Zeitzonen Abstand zu verschaffen.
Auf der Suche nach dem nächsten Adrenalinkick warnt sie ein Park Ranger an einer abgelegenen Tankstelle: In dieser Gegend verschwänden Menschen spurlos, nicht einmal Leichen tauchten wieder auf. Wie auf Stichwort betritt Ben (Taron Egerton) die Szene, ein Einheimischer, der selbstgemachten Beef Jerky in Tankstellenshops verkauft und Sasha den Weg zu einem besonders abgelegenen Spot beschreibt. Sasha lässt sich nicht zweimal bitten.
Was sie nicht weiss: Der Spot ist Bens persönliches Jagdrevier – und seine Beute sind keine Tiere. Was folgt, ist ein Katz-und-Maus-Spiel durch die australische Wildnis. Mehr Story braucht der Film nicht. Mehr Story will der Film nicht. Und mehr Story könnte der etwas über 90 Minuten lange Film auch gar nicht tragen.
Das grösste Kompliment, dass ich «Apex» machen kann, ist, dass es B-Movie-Stoff mit A-Movie-Budget ist. Soll heissen: Regisseur Kormákur verschwendet keine Zeit mit Selbstreflexion oder tiefschürfenden Charakterzeichnungen. Der Film hat eine Prämisse und zieht sie durch. Keine Abstecher, keine Metaebene, kein Wunsch, mehr zu sein als ein gut gemachter Thriller. Aber Mann, sieht der Film gut aus.
Das merke ich schon in den ersten Minuten, bevor Ben überhaupt aufgetaucht ist. Kormákur baut Unbehagen auf, durch schwitzende Jäger an der Tankstelle, die Sasha bedrängen, durch die klaustrophobische Enge einer Provinzstadt und durch das Gefühl, dass die trauernde Bergsteigerin hier von Anfang an fehl am Platz ist. Das atmosphärische Handwerk sitzt.

Und dann die Locations. «Apex» wurde in New South Wales gedreht, und man sieht es: endlose Landschaften aus der Vogelperspektive, echte Felsen, echter Busch, echtes Wasser. Wo Computereffekte vorkommen – etwa als die Kamera einmal Sasha folgt, während sie halsbrecherisch eine Klippe hinunterstürzt – sind sie so nahtlos integriert, dass ich zweimal hinschauen muss.
Kormákur hat das schon bei «Everest» bewiesen: Er will die Bedrohung nicht bloss simulieren, er will sie förmlich mit der Kamera einfangen. In einer Zeit, in der Streaming-Produktionen uns gerne auf Greenscreen-Wände starren lassen, statt die Kosten, Mühen und Logistik eines aufwendigen Drehs im Busch auf sich zu nehmen, ist das keine Selbstverständlichkeit.

Was der Trailer dabei nicht zeigt: «Apex» ist zwischendurch deutlich härter, als man erwartet. Die FSK-16-Freigabe kommt nicht von ungefähr. Es gibt Momente, die weniger nach Survival-Thriller aussehen als nach Horrorfilm – Szenen, bei denen ich kurz zusammengezuckt bin. Das habe ich nach diesem harmlosen Marketing nicht kommen sehen. Kormákur zieht da keine Samthandschuhe an. Nice.
Taron Egerton ist einer meiner Lieblingsschauspieler der letzten Jahre. Das sage ich nicht leichtfertig. Seit seinem Durchbruch mit den «Kingsman»-Filmen hat er eine Bandbreite bewiesen, die seinesgleichen sucht: von «Rocketman» über «Eddie the Eagle» und «Tetris» bis zu «Black Bird» und zuletzt «Smoke». Ein Typ, den ich immer gerne am TV oder auf der Leinwand sehe.

In «Apex» hat er mich allerdings gespalten. Nicht weil er schlecht spielt – im Gegenteil. In den späteren Teilen des Films, wenn Ben sein wahres Gesicht zeigt und der Film diese Seite auch einfordert, ist Egerton schlicht grossartig. Das Problem liegt am Anfang.
Ben soll zunächst als jemand durchgehen, dem man vielleicht nicht ganz traut, aber trotzdem die Türe aufmacht. Stattdessen strahlt er von der ersten Szene an eine Energie aus, bei der sämtliche Alarmglocken läuten. Nicht charmant-sonderbar, sondern grundlegend unheimlich. Ein Mann, der «selbstgemachtes» Beef Jerky an Tankstellen verkauft und dabei mit so vielen roten Flaggen wedelt, dass man lieber mal direkt das nächste Städtchen ansteuern sollte.

Das wäre verzeihlich, wenn Sasha eine Figur wäre, die solche Signale übersieht. Ist sie aber nicht. Sie liest Risiken, schätzt Situationen ein – das ist ihr Lebensinhalt. Dass ausgerechnet sie auf Ben hereinfällt, wirkt schlicht unglaubwürdig. Das Drehbuch zwingt sie in eine Naivität, die nicht zu ihr passt.
Ich meine, hätte Egerton am Anfang einen Bruchteil jener unterschwelligen Normalität bekommen, die solche Figuren in besseren Thrillern auszeichnet, würde die Falle funktionieren. Stattdessen behandelt das Drehbuch Sasha in diesen Momenten so, als wäre sie eine gewöhnliche Touristin und nicht die erfahrene Abenteuerin, die der Film zuvor etabliert hat.
«Apex» führt die Netflix-Charts an. Kein Wunder: Kormákur dreht keinen Film, der nach einem Jahr noch im Gedächtnis bleibt, aber er dreht einen, bei dem man nie auf die Uhr schaut.
Theron ist dafür die richtige Frau: Sie braucht keine langen Monologe, um zu zeigen, wer Sasha ist. Ein Blick, eine Bewegung, und man ist auf ihrer Seite. Egerton hingegen spielt einen Mann, den man sofort durchschaut – und das in einem Film, der davon lebt, dass man es nicht tut. Dafür gibt’s Minuspunkte.
Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass ein hauchdünner Plot, der kaum Überraschungen bietet, kein Problem ist, solange eine packende Inszenierung ihn trägt – und er nicht zu lange dauert. 97 Minuten, genau gesagt. Für einen kurzen, aber heftigen Adrenalinkick ist das gut genug.
Ich schreibe über Technik, als wäre sie Kino, und über Filme, als wären sie Realität. Zwischen Bits und Blockbustern suche ich die Geschichten, die Emotionen wecken, nicht nur Klicks. Und ja – manchmal höre ich Filmmusik lauter, als mir guttut.
Welche Filme, Serien, Bücher, Games oder Brettspiele taugen wirklich etwas? Empfehlungen aus persönlichen Erfahrungen.
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