
Hinter den Kulissen
10’000 Lux für die Seele: Tageslichtlampen boomen
von Alex Hämmerli

Was geschieht mit dem Elektroschrott, den Kundinnen und Kunden bei Digitec Galaxus zurückgeben? In der Recyclinganlage von Immark in Regensdorf verwandeln 150 Mitarbeitende täglich 200 Tonnen Altgeräte in wertvolle Rohstoffe wie Stahl, Kupfer oder Aluminium.
Schwere Maschinen wie Bagger oder riesige Förderbänder dröhnen vor sich hin. Vor mir türmen sich hunderte Paletten aus Elektroschrott. Ein Schaufelbagger kippt eine Ladung auf ein Förderband, irgendwo zwischen den Trümmern erkenne ich das Gehäuse eines aus der Zeit gefallenen Röhrenmonitors. Leuchtorange gekleidete Männer und Frauen bilden einen scharfen Kontrast zum industriellen Grau der Umgebung. Hier beim Recycling-Unternehmen Immark im zürcherischen Regensdorf kommen jeden Tag rund 200 Tonnen Elektroschrott an – das entspricht dem Gewicht von rund 130 Mittelklassewagen. 150 Menschen arbeiten im Zweischichtbetrieb, um aus dem Schrott Rohstoffe zu gewinnen. Die Halle ist so gross wie vier Fussballfelder. 30 000 Quadratmeter, um genau zu sein.

Damit dieses Recycling funktioniert, braucht es Geld. Und das kommt unter anderem von Händlern wie Digitec und Galaxus. Mit jedem verkauften Elektrogerät fliesst ein Beitrag an die gemeinnützige Stiftung SENS, die das Recycling in der Schweiz koordiniert. Je nach Gerätekategorie sind es wenige Rappen bis mehrere Franken. Dieses Geld finanziert die 60 bis 70 LKWs, die täglich Material von den Sammelstellen nach Regensdorf bringen, ausserdem die riesigen Anlagen und die Menschen, welche die alten Geräte in ihre Einzelteile zerlegen.
Das Besondere: In der Schweiz basiert dieses System auf Freiwilligkeit. «Alle Partner leisten einen solidarischen Beitrag», sagt Pasqual Zopp, Geschäftsführer von SENS. Doch die Solidarität hat Grenzen: Ausländische Onlinehändler wie Shein, Aliexpress oder Temu beteiligen sich nicht an den Entsorgungskosten. Auch einige Schweizer Händler drücken sich. Die Zeche für das Recycling zahlen jene, die mitmachen.

Während der Führung entdecke ich einen Container mit uralten Röhrenradios. Geräte aus einer Zeit, als Recycling noch kein Thema war. Manche enthalten PCB-haltige Kondensatoren; PCB ist ein längst verbotener Giftstoff. Direkt daneben liegen Smart Rings oder elektronische Grusskarten. Winzige Geräte, die kaum jemand als Elektroschrott erkennt und die wegen ihren Batterien in herkömmlichen Müllverbrennungsanlagen, Kehrrichtfahrezugen oder bei der Kartonsammlung Brände auslösen können.
«Die Produkte werden kleiner und die Störstoffe schwieriger zu entnehmen», sagt Sabine Krattiger, Co-CEO von Immark. Sie arbeitet seit drei Jahrzehnten in der Recyclingbranche. Krattiger erklärt: «Früher gab es klare Kategorien: Staubsauger, Kaffeemaschinen, Fernseher. Heute ist fast alles ’batterifiziert’, miniaturisiert und multifunktional. Selbst eine elektrische Zahnbürste ist ein kleines Hightech-Gerät, das aufwändig zerlegt werden muss.»

Bevor ein Gerät in den Schredder kommt, braucht es Fingerspitzengefühl: Schweizweit arbeiten rund 600 Menschen in 26 Zerlegebetrieben für Immark – viele davon an geschützten Arbeitsplätzen aus dem zweiten Arbeitsmarkt. Sie trennen Bauteile und sortieren vor. «Wir versuchen, die Leute möglichst in die reguläre Arbeitswelt zu integrieren», sagt Krattiger. Die repetitive Arbeit schult und bietet Struktur.

Doch die schiere Produktvielfalt bringt die manuelle Sortierung an ihre Grenzen. Deshalb testet Immark ein von SENS entwickeltes KI-System namens Sens AI. Die Idee: Kameras erkennen in Sekundenbruchteilen, ob auf dem Band eine Zahnbürste, eine Bohrmaschine oder ein TV liegt und leitet das Gerät automatisch auf das richtige Förderband. «Sens AI ist eine mögliche Lösung, um Recyclingbetriebe oder Sammelstellen bei der Sortierung zu unterstützen», sagt Zopp. Noch steckt das System in der Testphase. Im Moment gehe es vor allem darum, Erfahrungen zu sammeln und zu erfassen, welche Elektrogeräte in welchen Mengen zurückkommen.
Ein Problem, das weder Mensch noch Maschine lösen können: Viele Hersteller denken beim Design nicht ans Ende des Produktlebens. Batterien werden fest verklebt, Gehäuse verschweisst, Bauteile untrennbar verbunden. «SENS versucht, die Hersteller dafür zu sensibilisieren, bei der Produktentwicklung stärker ans Ende des Lebenszyklus zu denken», sagt Zopp.

Hoffnung macht die Regulierung: Die EU führt ab 2027 einen digitalen Produktpass für Batterien ein. Er liefert Informationen über Inhaltsstoffe, damit Recycler besser planen können. Krattiger ist pragmatisch: «Der Nutzen beim Produktpass liegt eher in der Reparierbarkeit als im Recyclingprozess.» Parallel dazu hat die EU ein Recht auf Reparatur beschlossen, um die Lebensdauer von Geräten zu verlängern.
Am Ende des Prozesses stehen säuberlich getrennte Materialien: Eisen, Aluminium, Kupfer oder Kunststoff, zum Beispiel. Rund 95 Prozent des Materials werden verwertet. Ein grosser Teil des gewonnenen Eisens geht direkt ins Stahlwerk Gerlafingen. «Dort wird aus dem Gehäuse eines Röhrenmonitors ein Stahlträger für ein Schweizer Haus oder eine Eisenbahnschiene», so Krattiger. Kupfer wird in spezialisierten Hütten im nahen Ausland unteranderem aus alten Leiterplatten gewonnen. Kunststoffe werden ebenfalls weiterverarbeitet und bekommen so ein weiteres Leben.

Recycling bei Immark zeigt: Die Wiederverwertung von Elektroschrott ist kein Abfallmanagement, sondern gelebte Kreislaufwirtschaft und eine hochkomplexe Rohstoffindustrie. Und der alte Toaster, der im Keller verstaubt? Er ist kein Müll, sondern ein Stahlträger im Wartemodus.
Als Multimedia-Produzent ist es für mich eine Selbstverständlichkeit, Inhalte auf vielfältige Art und Weise aufzubereiten. In meiner Freizeit zieht es mich in die Berge, sei es zum Skifahren, Mountainbiken oder Wandern. Und natürlich habe ich meine Kamera immer griffbereit, genauso wie meine FPV-Drohne.
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