

Brennpunkt Schule: Hitzefrei war mal
Während das aktuelle Wetter einen (Klima)wandel in der Diskussion um zumutbaren Unterricht auslöst, habe ich mich gefragt: Wer kam eigentlich auf die Idee, hitzefrei zu geben – und was ging in der Folge schief?
Ein Zauberwort ist zum Klagelaut geworden. Hitzefrei, seit 2003 in allen Deutschschweizer Kantonen abgeschafft, ist keine Verheissung mehr, sondern wird dieser Tage flehend gefordert, wenn schon am Morgen halbgar gekochte Kinder auch noch zum Nachmittagsunterricht antreten müssen. Schulen haben eine Obhutspflicht, damit die Eltern arbeiten können.
Wie der Unterricht an den Hitzetagen organisiert wird, liegt künftig in der Verantwortung der Schulen und der Lehrkräfte.
Na, dann macht mal! Hitzefrei ist auf jeden Fall Geschichte. Oh, Moment – in der News-Übersicht bei Google sieht das momentan anders aus ...
- Romandie: Schulen geben Hitzeferien – das sorgt auch für Kritik.
- Schule gibt teilweise hitzefrei trotz Abschaffung.
- «Warnstufe vier»: Schulen machen nun doch Hitzefrei.
- Zürich: Schulen wagen «Hitzefrei light» trotz anderslautenden Vorgaben.
- Warum «Hitzefrei» in den Schulen keine Option ist.
Ja? Nein? Vielleicht? Für wen, für wen nicht? Wer ist für was verantwortlich? Die Schlagzeilen dieser Tage könnten einen auf die Idee bringen, dass alle etwas planlos sind – noch bevor die Schlagzeile «Lehrergewerkschaft fordert landesweite Massnahmen gegen Hitze» aufpoppt.
Hitzefrei wurde 1863 zum Hit
Die Lehrpersonen und die Kinder, die nicht in den Genuss gekühlter Räume oder gesetzloser Schulleitungsentscheide kommen, müssen es ausbaden. In ihrem eigenen Schweiss. Vielleicht gibt es Glace statt Geometrie, denn sinnvoller Unterricht ist bei drückender Hitze schwer möglich. Dabei hätte schon ein Blick in dieses Kinderbuch genügt, um zu verstehen, dass man sich besser etwas überlegen sollte. Das Thema Klimawandel ist ja nicht ganz neu. Und wenn das klassische «Hitzefrei» aus gesellschaftlichen Gründen kein Comeback feiern darf, dann müssen eben die Klassenräume frei von Hitze sein.

Die Idee, dass sinnvoller Unterricht sonst schwer möglich ist, stammt aus einer Zeit, in der die Moderne langsam Einzug hielt. Es geschah im Sommer 1863, und zwar in Sachsen. Dort hat man nicht nur einen weichen Dialekt, sondern auch ein weiches Herz. Zumindest ein Mann: Karl Wilhelm Clauß, Direktor der Gewerbeschule zu Dresden. Er hatte vielleicht keinen Masterplan, aber ein Einsehen, und schickte die Schülerschaft bei ungewöhnlich hohen Temperaturen nach Hause. Dafür wurde er in den «Dresdner Nachrichten» mit folgenden Zeilen gefeiert:
Mit grosser Befriedigung haben wir vernommen, dass in der Gewerbeschule des Herrn Director Clauß der Unterricht gestern Nachmittag in Anbetracht der Hitze von 25° R geschlossen worden ist.
Nein, das ist kein Hitzeflimmern und kein Tippfehler: Da steht 25° R wie Réaumur, was ungefähr 31° Celsius entspricht. Ganz so verweichlicht waren die Sachsen damals also nicht – und es ist bemerkenswert, wie entspannt und voller Anerkennung die Nachricht damals aufgenommen wurde. Weiter heisst es:
«Lässt sich voraussehen, dass bei einer solchen Temperatur der geistige Gewinn, den die Schüler mit nach Hause nehmen, gleich Null ist, so verdienen da die Rücksichten auf das physische Wohlbefinden der Kinder um so grössere Beachtung, und wünschen wir nur, dass das lobenswerthe Vorgehen des Herrn Direktor Clauß in den städtischen wie in den Privatschulen die rechte Beachtung und Nachahmung finde.»
10 Uhr, 22,5° C? Ab nach Hause!
Das tut es. Hitzefrei ist bald ein Hit und erobert als wichtiges Thema der Schulgesundheitspflege den gesamten deutschen Sprachraum. Teilweise schon bei Temperaturen, die heute als milder Frühlingstag durchgehen würden. An den Volksschulen Wiens galt ab 1887, dass ab dem 1. Juni bis Ende des Schuljahres «der Nachmittagsunterricht nur an jenen Tagen gänzlich zu entfallen habe, an welchen die Temperatur der freien Luft im Schatten um 10 Uhr vormittags auf 18° R (22,5° C) gestiegen ist».
Man hatte also einen Plan, der sich gut 100 Jahre halten sollte: Ab Temperatur x zu einer Zeit y fallen die späteren Stunden aus. So war es Ende des 19. Jahrhunderts allgemein üblich. Und so kennen es viele von uns noch aus der eigenen Kindheit. Es gab etwas, worauf man sich berufen konnte. Und es gab eine Zeit, in der die Situation in den Schulzimmern akribisch unter die Lupe genommen wurde.
Irgendwas wurde 150 Jahre lang verschwitzt
In der Schweizerischen Lehrerzeitung finden sich penibel geführte Statistiken über die Lufterneuerung im Schulzimmer, um sicherzustellen, dass die Schüler «das nötige Quantum Luft» erhalten. Für den Kanton Bern steht da beispielsweise im Jahre 1881: «Nur 137 oder 7,5 % der Klassen haben besondere Ventilationsapparate; 92,5 % sind auf die Lüftung durch Fenster und Türen angewiesen.»
Darüber hinaus wird kritisiert, dass sich viele Fenster nur teilweise öffnen lassen: «Wenigstens solche leicht zu beseitigenden Mängel sollten nicht mehr existiren können.» Geändert hat sich seither vor allem die Rechtschreibung des Verbs «existieren». Es hat jetzt ein e mehr, dafür gibt es weniger konkrete Zahlen.
Zeitsprung ins Jahr 2026: Beat Schwendimann, Leiter der pädagogischen Arbeitsstelle beim Lehrerverband, kritisiert bei SRF unter anderem, dass es weder Erhebungen zu gesundheitlichen Schäden von Schulkindern noch systematische Messungen zu Hitze in Schulen gebe. Ausserdem würden neue Schulhäuser teils ohne Klimaanlage gebaut.
So bleiben vielleicht die Kosten im Plan, dafür rauchen die Köpfe. Der Juni 2026 ist – verglichen mit 1881 – durchschnittlich etwa vier Grad wärmer.

Quelle: Schweizerische meteorologischen Beobachtungen
Ein Armutszeugnis ist auch ein Zeugnis
Das Thema, wann Unterricht zumutbar ist, wurde schon früher kontrovers diskutiert, wenn mal eine Hitzewelle durchs Land rollte. In der Zürcherischen Freitagszeitung schreibt ein Lehrer im ungewöhnlich heissen August 1911 folgende Zeilen:
Warum denn Hitzeferien? Ich halte Schule, und meine Schüler lernen munter, sind eifrig und freudig, wie in mancher Schule im Winter nicht.
Den Grund dafür sieht er zum Teil bei sich, zum Teil im angenehmen Schulhaus: «Sehen Sie, das kommt auf den Unterricht an. Drei Stunden im schattigen, luftigen Zimmer, nach 40 Minuten wieder hinaus. Nein, da ist nichts zu jammern. Fabrikarbeiter und Bauern! Da lohnt sich's zu reden. Wer Hitzeferien verlangt, taugt in der Schule überhaupt nichts. Weder meine Schüler noch ich verlangen solche.»
Der Mann hat ja recht: Gegen Unterricht in einem schattigen, luftigen Zimmer ist nichts einzuwenden. Wie schön, dass er eines hatte. Hitzeferien müssen nicht sein, wenn erträgliche Bedingungen herrschen und extreme Sommer die Ausnahme sind. Doch wenn der Lehrerverband über 100 Jahre später eine Sanierungsoffensive fordern muss, um Schulgebäude und Aussenbereiche hitzetauglich zu machen, hat man etwas versäumt. Kurz vor den Sommerferien ist das vor allem: ein Armutszeugnis.
Einfacher Schreiber, zweifacher Papi. Ist gerne in Bewegung, hangelt sich durch den Familienalltag, jongliert mit mehreren Bällen und lässt ab und zu etwas fallen. Einen Ball. Oder eine Bemerkung. Oder beides.
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