
Hintergrund
«Powerwash Simulator» und Co: Warum wir in Games gerne langweilige Arbeiten ausführen
von Rainer Etzweiler

Gemütliches Busfahren, Sightseeing und ein Bus-Editor: «Bus Bound» ist ein entspannter Fahrsimulator, in dem das Wetter, Unfälle und der getaktete Zeitplan deine größten Feinde sind.
Wenn der Nahverkehr rollt, sind alle glücklich: Sobald die Busse in «Bus Bound» fahren, findet die Stadt Emberville Motivation, wirtschaftlich zu wachsen und ihre Bezirke erblühen zu lassen. Es ist wie im echten Leben: Die Menschen wünschen sich einfach einen zuverlässigen Partner, der sie zur Arbeit und zu Freizeitaktivitäten bringt. Genau dieser Partner wirst du im neuen Spiel von Stillalive Studios sein.

Ich frage mich, ob «Bus Bound» ein ähnliches Phänomen wie der «Landwirtschafts-Simulator» ist. Ein Großteil der Spieler vom «LWS» sind nämlich tatsächlich Landwirte, die nach einem harten Tag auf dem Feld und bei den Tieren in ihren virtuellen Mähdrescher steigen. Was tagsüber harte Arbeit ist, entspannt sie am Abend vor dem Bildschirm. Realitätsnahe Szenarien und zahlreiche reale Marken sind gern gesehene Extras, die bei der Ankündigung für großen Jubel sorgen.
Gut möglich, dass auch ein Grossteil der «Bus Bound»-Spielerinnen und Spieler echte Busfahrer sind. Die Grundsteine dafür sind jedenfalls gelegt, denn der Bus Simulator von Stillalive Studios und Saber Interactive bietet eine Reihe an ikonischen Fahrzeugen für Fans amerikanischer Busse. Vom bekannten Blue Bird Sigma bis zum Horizon Sightseer Doppeldeckerbus gibt es eine Menge zum Freischalten. Meine Karriereleiter im realen Leben hat den Job als Busfahrer bisher nicht vorgesehen, virtuell drücke ich heute aber aufs Gas.
Das Spielprinzip ist schnell erklärt: Als Busfahrer im verschlafenen Städtchen Emberville fährst du selbst erstellte Routen durch einzelne Bezirke, baust das Netz aus und sammelst Likes der Fahrgäste. Damit schaltest du Vorteile für kommende Fahrten und neue Herausforderungen für die verschiedenen Busse frei. Das alles kennt man so oder ähnlich von anderen Simulatoren. «Bus Bound» setzt mit ein paar Kniffen allerdings noch einen drauf und hebt sich damit ein wenig vom staubigen Asphalt ab.

Die Stadt Emberville ist in verschiedene Bezirke eingeteilt, die sich im Laufe der Zeit durch das Verfolgen der Ziele freischalten. Es gibt einen Business-Bezirk, eine Kulturgegend, urbane Stadtteile und vieles mehr. Wurde eine Gegend oft genug abgefahren, steigt sie ein Level auf und verändert sich zum Positiven: Es gibt mehr und schönere Fußgängerwege, Parks erblühen und Freizeitaktivitäten für Anwohner sowie Touristen entstehen. Außerdem schaltest du so neue Haltestellen frei, die ebenfalls im Level steigen können. Ein Loop, der mich ziemlich schnell eingenommen hat.
All das lockt mehr Fahrgäste an und sorgt dafür, dass sie sich während der Fahrt über den Ausbau der Stadt freuen. Dadurch verteilen sie zusätzliche Likes, weil ihnen die Fahrt und ihre Stadt so gut gefällt. Durch dieses Progressionssystem werden die Fahrten durch alte Gebiete nicht langweilig und es macht Spaß, die überraschend detaillierten Veränderungen am Straßenrand zu bestaunen. Ich empfehle trotzdem, den Blick auf die Straße zu halten, denn das Fahren über den Bordstein und Kollisionen mit anderen Fahrzeugen finden die Insassen des Busses überhaupt nicht witzig. Spielverderber!

Eine Route kann tagsüber gut besucht sein, ist mitten in der Nacht hingegen keine gewinnbringende Aufgabe. Wie viele Fahrgäste tatsächlich einsteigen, hängt von einer Reihe von Faktoren ab. Herausforderungen gibt es zu Genüge: Schwierige Routen sind bei schlechtem Wetter beispielsweise anspruchsvoller, da du neben den Verkehrsregeln weitere Extras wie das Fernlicht oder den Scheibenwischer im Blick haben solltest. All das spielt zusammen und trägt dazu bei, dass selbst bereits abgefahrene Routen zumindest ein wenig Abwechslung erhalten.

Hin und wieder tauchen zufällige Ereignisse auf. Das können Baustellen oder querstehende Autos sein, die es zu umfahren gilt. Wer das Manöver souverän löst, erntet extra viele Daumen nach oben von den Fahrgästen. Dabei gibt es oft mehrere Optionen, diese Events zu bewältigen. Manchmal despawnen Fahrzeuge sogar! Eine Baustelle muss mit passender Blinkerbetätigung umfahren werden, das ist klar. Ein querstehendes Auto bietet diese Option ebenfalls, du kannst aber auch einfach beherzt auf die Hupe drücken und hoffen, dass die Person zur Seite fährt. Wie im echten Leben ist das inflationäre Betätigen des Signalhorns allerdings Nötigung und führt in «Bus Bound» zu verstimmten Gemütern und vielen Daumen nach unten.
Für besonders ambitionierte Gamer gibt es den First-Person-Modus, der noch mehr Knöpfe und Optionen im Cockpit bereithält. Ich habe erst nach sehr vielen Spielstunden gesehen, dass ich beispielsweise das Innenlicht für die Gäste einschalten kann und die Möglichkeit habe, mein Fahrerhaus zu lüften – warum auch immer. Wer viel Wert auf eine möglichst realistische Spielerfahrung legt, wird mit solchen Details sicher glücklich. Ich muss zugeben, dass es mir nach zwei Runden aus der Ego-Perspektive gereicht hat. Meine Busse fahren deutlich sicherer, wenn ich von oben alles überblicken kann.

Apropos überblicken: Die Kamera führt manchmal ihr Eigenleben. Und beim Planen einer neuen Route braucht es oft etwas Geduld, da vor allem im späteren Spielverlauf viele Linien den Überblick erschweren. Der Strecken-Editor ist in der Theorie einfach zu bedienen, in der Praxis entstehen plötzlich Wege, die kein Mensch so fahren würde. Also alles wieder löschen und neu anfangen.
Als Busfahrer drückst du deinen Stil nicht durch Kleidung, einen coolen Haarschnitt oder besondere Accessoires aus, sondern durch die Lackierung des Busses. Insgesamt stehen bis zu 19 Busse zur Verfügung, die auf Wunsch in der Garage einen neuen Anstrich erhalten. Aber nur, wenn der Stadtrat das Muster absegnet, versteht sich. Das scheint der Grund zu sein, weshalb du nicht selbst zum virtuellen Pinsel greifen darfst.
Die vorgefertigten Designs lassen sich lediglich bei der Farbgebung und beim Oberflächenglanz anpassen, wenn sich der Editor nicht gerade aufhängt. Meine Vorabversion läuft technisch noch nicht ganz rund. Designs werden nicht geladen oder ich kann Details nicht auswählen. Ich gehe davon aus, dass ein Patch diese Stolpersteine behebt und fahre bis dahin mit einfacheren Designs.

Je mehr Runden ich mit «Bus Bound» drehe, desto sicherer werde ich. Ich kenne bald jedes Stoppschild auswendig, weiß, wo die nächste Bodenwelle kommt und welche Straße sich besonders für Sightseeing eignet. Auf dem Weg zur Arbeit freuen sich meine Fahrgäste nämlich sehr, wenn sie an neuen Gebäuden und Freizeitmöglichkeiten vorbeikommen, die durch den Ausbau des ÖPNV-Netzes möglich wurden. Dafür gibt es jede Menge Likes, die mein Selbstbewusstsein in die Höhe treiben und dazu beitragen, dass sich das Level der nächsten Bushaltestelle erhöht. Sobald eine Haltestelle einen goldenen Stern erhält, schalten sich zahlreiche Vorteile frei. Das können beispielsweise mehr Fahrgäste in diesem Stadtteil oder Like-Multiplikatoren sein, die das Vorankommen im Spiel erleichtern.

Das Sammeln von Likes ist eigentlich ganz einfach: An die Straßenverkehrsordnung halten, möglichst perfekt an einer Haltestelle stehen und dem Zeitplan nicht hinterherhinken. Wer dann noch weiß, wie man sanft bremst, um Kurven manövriert und nicht über Bordsteine fährt, ist wie gemacht für diesen Job. Sollte das alles anfangs noch nicht gut klappen, bleibt dies nicht unbemerkt: Die Passagiere meckern lautstark, wenn sie unzufrieden sind. Die Bodenwelle zu schnell genommen oder das Stopp-Schild übersehen? Oma Hilde und BWL-Justus haben für jede Situation einen genervten Kommentar sowie ein paar Dislikes parat. Doch sie sind nicht nachtragend, von daher ist alles halb so wild.
Wenn dir das Busfahren auf Dauer ein wenig einsam wird, kannst du «Bus Bound» auch im Koop-Modus spielen: Mit bis zu drei weiteren Personen werden die Routen von Emberville online abgefahren. Von gemütlicher Kaffeefahrt über das Komplettieren der Missionen vom Host gibt es viele Möglichkeiten, gemeinsam am Rad zu drehen.
Da die Steuerungsbefehle permanent auf dem Bildschirm eingeblendet werden, ist das Navigieren durch die Straßen von Emberville eigentlich kein großes Problem. Die Schwierigkeit besteht darin, sich an die verschiedenen Bustypen zu gewöhnen. Ein Sightseeing-Bus verhält sich in Sachen Beschleunigung, Bremsverhalten und Kurvennavigation anders als ein Gelenkbus. Besonders mit den richtig grossen Brummern bedarf es etwas Übung, durch die engen Gassen zu rangieren und innerhalb des Zeitlimits an jeder Haltestelle anzukommen.
«Bus Bound» ist erhältlich für PS5, Xbox Series X/S und PC. Ich habe die PS5-Version getestet, die mir Stillalive Studios und Saber Interactive zur Verfügung gestellt hat.
Im echten Leben hasse ich Busfahren. Kann «Bus Bound» trotzdem ein geeignetes Spiel für mich sein? Überraschenderweise ja! «Bus Bound» erzeugt trotz monotonem Gameplay einen Loop, dem ich mich kaum entziehen kann. Doch das Belohnungssystem hat mich immer wieder neu motiviert, die nächste Haltestelle anzufahren.
Wenn sich der Balken mit den gesammelten Likes füllt und endlich die nächste Stufe freischaltet, ist das einfach befriedigend. Die daraus resultierenden Vorteile für kommende Fahrten sind zwar eher langweilig. Das Aufblühen der einzelnen Stadtteile hingegen ist ein absolutes Highlight. Dass die Kamera ein wenig störrisch ist und die Vorabversion definitiv noch Feinschliff braucht, ist vor allem für Genre-Neulinge ärgerlich. Bist du einmal im Gameplay-Loop gefangen, kannst du darüber hinwegsehen. Zumindest für die nächste Fahrt. Und die nächste. Und … ach, du weißt schon.
Pro
Contra
Ich hatte als Kind weder einen Gameboy noch einen Super Nintendo. Darum stieg ich erst mit fünfzehn Jahren in die Welt des Gamings ein. Seither versuche ich, den Rückstand mit allen Mitteln gutzumachen. Schaue ich mir die jährlich steigende Zahl der Game-Releases an, scheint sich aber die gesamte Branche gegen mich verschworen zu haben.
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