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Hintergrund

Die Brause des Grauens

Nein, nicht alles war früher besser! Das muss ich mir eingestehen, weil mir neulich eine Packung Ahoj-Brause in die Hände fiel. Wohlige Erinnerungen an die Kindheit in den 1980er-Jahren stiegen in mir auf.

Für meine Mama bin ich – obwohl inzwischen stark auf die 50 hinalternd – wohl immer noch der kleine Bub, der sich über Süssigkeiten freut. Jedenfalls lag kürzlich bei einem Besuch bei ihr ein Pack Ahoj-Brause in der Küche. Die habe sie beim Einkaufen gesehen und mal für mich mitgenommen.

Eine doppelte Welle des Glücks erfasste mich: die Liebe meiner Mutter und die freudige Erinnerung, wie ich als Klein-Martin das Pulver mit nassem Finger direkt aus dem Tütchen holte und mit Spucke im Mund zum Prickeln brachte. Oder wie ich es mir einfach in die hohle Hand kippte und herausleckte. Ohne Händewaschen vorher natürlich.

Fast hätte ich das Päckchen wieder einfach aufgerissen und mich wie ein Achtjähriger dem Genuss hingegeben. Doch älter und reifer sowie durch Jahrzehnte als Journalist kritisch geworden, bremste ich mich. Ich fragte mich: Was ist das eigentlich für ein Zeug?

Und nach kurzer Recherche war es schnell vorbei mit dem freudig-prickeligen Backlash.

Chemieunterricht oder Ernährung? Wer weiss das schon ...
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Die Erfindung der Ahoj-Brause

Die Ahoj-Brause ist heute herrlich unmodern. Es gibt sie seit 1925, also seit rund 100 Jahren. Das Erfolgsrezept ist damals wie heute: ein «Brauselimonaden-Pulver für alle Bevölkerungsschichten». Früher gab es zwei getrennte Tabletten, die in ein Glas Wasser gegeben wurden, eine mit Natron, die andere mit Weinsäure sowie Geschmacks- und Farbstoffen. 1930 folgte die Tüte mit Pulver. Und zum ersten Mal hiess die Brause auch «Ahoj». Niemand weiss mehr den Grund, erklärte im Jahr 2010 einmal ein Werkleiter im Gespräch mit der «Süddeutschen Zeitung».

Die Firma Frigeo blieb dem Namen trotzdem treu – und auch ansonsten ziemlich unbeeinflusst von Moden aller Art. Zu den ursprünglichen Geschmacksrichtungen Zitrone und Orange kamen später noch Himbeer und Waldmeister, ein sehr deutsches Kraut. Das aber war’s. Es gab Versuche mit den Sorten Pina-Colada, Mojito und Caipirinha. Diese floppten aber.

Und so gibt es bis heute die ursprünglichen vier Sorten. Noch immer hält ein gezeichneter Matrose mit der einen Hand das Steuerrad fest und in der anderen die Ahoj-Brause-Fahne.

Die Übernahme durch Katjes

2002 endete die Firmengeschichte von Frigeo. Das Unternehmen wurde von Katjes übernommen. Die Brauselimonaden-Könige hatten vergebens versucht, im Schokoladenreich Fuss zu fassen und sich finanziell übernommen.

Im Süsswaren-Business schreitet, wie überall, die Konzentration voran. Grosse Firmen kaufen kleine und sichern sich Kultmarken, die es alleine nicht mehr schaffen. Ausgerechnet Katjes herrscht jetzt also über die Ahoj-Brause. Die Firma setzt laut Website auf natürliche Aroma- und Farbstoffe, produziert ohne tierische Gelatine und propagiert das «achtsame Naschen».

Die Ahoj-Brause aber ist im Katjes’schen Streichelzoo der Süssigkeiten das blutrünstige Raubtier. Ich habe den Strichcode auf einem Brausebeutel mit meiner Yuka-App gescannt. Diese entschlüsselt die Inhaltsstoffe und verrät die Auswirkungen auf die Gesundheit. Die App würde einen Alarmton abspielen, wenn sie das Feature hätte. Die Analyse der Inhaltsstoffe liefert 0 von möglichen 100 Punkten. Null! Wären Holzspäne ein Lebensmittel, hätten diese wohl mehr Punkte. Zum Vergleich: Ein in Plastik verpackter Mini-Marmorkuchen, voller Fett, Zucker und Zusatzstoffen, hat fünf Punkte. Das Frigeo-Pulver ist also die Brause des Grauens.

Hey, immerhin enthält das Zeug keine gesättigten Fettsäuren.
Hey, immerhin enthält das Zeug keine gesättigten Fettsäuren.

67 Prozent des Pülverchens sind Zucker, der Rest sind künstliche Süssungsmittel, Säureregulatoren, (immerhin natürliche) Farbstoffe und Natriumhydrogencarbonat – fürs Blubbern. Überraschend ist, dass auf dem Päckli ein Mindesthaltbarkeitsdatum gedruckt ist. Das muss am Hydrogencarbonat liegen. Das Pulver ist quasi unbegrenzt haltbar, könnte bei längerer Lagerung aber an Triebkraft verlieren. Und was wäre Ahoj-Brause, wenn sie nicht mehr bitzelt?

Neuerdings spuckt eine Google-Suche ja immer auch Text im Umfang eines halben Brockhaus’ aus. Das ist manchmal sogar spannend. So empfiehlt mir Dr. KI-Gemini, dass die Brause «als tägliches Getränk ungeeignet» sei. Ach was?! Und weiter: Ein «gelegentlicher Konsum», zum Beispiel «als Party-Gag» sei okay. Verstehe, wie Koks also. Redaktionskollege Simon erinnert sich, dass auf Partys früher manchmal Ahoj-Brause herumgereicht und zusammen mit Wodka-Shots konsumiert wurde. Brause in den Mund, Wodka hinterher, Kopf schütteln, dann schlucken. «Wodka-Ahoi» hiess das. An mir ging das irgendwie vorbei. Zum Glück.

Vier Farben für ein Halleluja des Blubberns.
Vier Farben für ein Halleluja des Blubberns.

Den Kult zu Geld machen

Die Retro-Brause hat einen gewissen Kultstatus. Längst gibt es T-Shirts, Pullis und Kappen mit Ahoj-Matrose als Aufdruck. Weniger kleidsam sind dagegen die Kostüme, die Frigeo im eigenen Onlineshop verkauft, oder zumindest anbietet. 40 Franken oder Euro für ein Kostüm in Form eines Ahoj-Brause-Päckchens – das muss man wirklich wollen. Gibt’s immerhin in Erwachsenengrösse («Onesize») oder für Kinder. «So kann die ganze Familie im Brause Look beim Rosenmontagszug neidische Blicke auf sich ziehen», heisst es da. Joah …

Na, wer braucht noch eine Idee für ein Kostüm?
Na, wer braucht noch eine Idee für ein Kostüm?
Quelle: Frigeo

Die Brause verkaufen sie heute sogar fertig gemischt in Dosen. Come on, wo bleibt denn da der Spass des selber Mixens. Nein, mich kriegt ihr nicht! Auch nicht, wenn der Text der Produktbeschreibung offensichtlich einem AI-Prompt mit Blubber-Overload entsprungen ist:

Brause-Fans aufgepasst: eurem Prickel-Erlebnis steht auch wenn ihr unterwegs seid jetzt endlich nichts mehr im Weg 🤸♀️! Die Profi Brause Himbeer im coolen Retro Design passt in jede Tasche und zu deinem Hipster-Outfit auch 😎. Die Limonade ist eine super Erfrischung an heißen Sommertagen 🌞 – und einfach immer. Im bekannten und beliebten Ahoj-Brause Himbeer Geschmack ist die Profi Brause sowohl für echte Ahoj-Brause Fans und alle, die es noch werden wollen ideal 👍. Probier es mal aus – du wirst begeistert sein!

Als Orthografie-Hipster hätte ich es besser gefunden, ihr hättet weniger Emojis eingebaut, dafür mehr Kommata und Bindestriche.

Und wie schmeckt’s?

Ich kann diesen Beitrag nicht beenden, ohne die wichtigste aller Fragen zu beantworten: Wie schmeckt die Ahoj-Brause? Ich bin bereit für dich, liebe Leserin und lieber Leser, eine wohlig schmeckende Kindheitserinnerung aufzugeben.

Ich stelle mir vier Gläser Mineralwasser parat, jeweils 0,2 Liter, so wie es im Zubereitungshinweis steht. Jetzt hinein mit jeweils einer Sorte des überraschend farblosen Pulvers. Die farbliche Vielfalt von Uringelb bis Giftgrün entfaltet sich erst im Glas.

Dann nehme ich einen Schluck von jeder Sorte. Mein Hirn vergisst unmittelbar, was ich eben noch über Zucker und Zusatzstoffe wusste. Schmeckt gar nicht so übel. Ich fühle mich wieder jung. Danke, Mama.

So bitte nicht! Wenn du Ahoj-Brause schon als Partydroge brauchst, benutze sie wie oben beschrieben.
So bitte nicht! Wenn du Ahoj-Brause schon als Partydroge brauchst, benutze sie wie oben beschrieben.

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Journalist seit 1997. Stationen in Franken, am Bodensee, in Obwalden und Nidwalden sowie in Zürich. Familienvater seit 2014. Experte für redaktionelle Organisation und Motivation. Thematische Schwerpunkte bei Nachhaltigkeit, Werkzeugen fürs Homeoffice, schönen Sachen im Haushalt, kreativen Spielzeugen und Sportartikeln. 


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Interessantes aus der Welt der Produkte, Blicke hinter die Kulissen von Herstellern und Portraits von interessanten Menschen.

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