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Ramon Schneider
Meinung

Die Powerstation war bereit. Der Nachtzug nicht

Ich wollte mein Schlafapnoe-Gerät im Nachtzug mit einer Powerstation gegen Stromausfälle absichern. Stattdessen wurde die Reise wegen eines Kommunikationsfehler zur Odyssee. Zum Praxistest im Zug kam es nie.

Die EcoFlow River 3 befindet sich voll aufgeladen in meinem Gepäck. Ein 3,55 Kilogramm schwerer Akku, verpackt als kleine Versicherung gegen ein Problem, das ich im Nachtzug eigentlich nicht haben sollte: ausfallende Steckdosen.

Ich habe Schlafapnoe. Nachts hält ein CPAP-Gerät meine Atemwege offen. CPAP steht für «Continuous Positive Airway Pressure», also kontinuierlichen Überdruck, der Atemaussetzer verhindert. Ohne Strom wird daraus ein ziemlich nutzloser Kasten mit Schlauch. Auf meiner letzten Nachtzugfahrt von Zürich nach Wien fiel die Steckdose immer wieder aus. Nicht nur für Minuten. Teils für Stunden, vor allem bei längeren Halten an Bahnhöfen. Für mein Smartphone wäre das lästig gewesen. Für mein CPAP wurde es zum echten Problem und für meine Gesundheit gefährlich.

Die Lösung wiegt 3,55 Kilogramm

Für die nächste Reise kaufe ich deshalb eine Powerstation. Der Plan: Powerstation an die Zugsteckdose, CPAP an die Powerstation. Fällt der Strom im Zug aus, übernimmt der Akku. Mein Atemgerät soll davon im besten Fall nichts merken.

EcoFlow River 3 EU Version (USV-Version) (245 Wh, 3.55 kg)
Power Station

EcoFlow River 3 EU Version (USV-Version)

245 Wh, 3.55 kg

Auf Gleis 18 fehlt der Zug

Der Nightjet von Zürich nach Hamburg soll am Sonntag, 28. Juni 2026, um 19:15 Uhr abfahren. Ich bin im Rollstuhl unterwegs und habe Assistenz zum Einsteigen angemeldet. Deshalb muss ich 20 Minuten vor Abfahrt am Gleis sein.

Also stehe ich pünktlich am Zürich Hauptbahnhof am Gleis 18. Mit Gepäck, CPAP, Powerstation und 30 Grad im Nacken. Als wäre die Reise nicht schon kompliziert genug.

Nur der Zug fehlt.

Auf Gleis 18 wartet nicht der Nachtzug, sondern die erste Meldung: unbestimmte Verspätung.
Auf Gleis 18 wartet nicht der Nachtzug, sondern die erste Meldung: unbestimmte Verspätung.

Dann kommt die Meldung: Der Zug ist noch nicht fahrbereit. Die Abfahrt verzögert sich auf unbestimmte Zeit. Das nervt, ist aber noch kein Drama. Nachtzüge sind selten ein guter Ort für Menschen mit engen Zeitplänen. Ich warte.

Der einzige Wagen, den ich brauche

Mit der Zeit wird klar: Es geht nicht nur um die Abfahrtszeit. Das Problem betrifft genau den Wagen, den ich brauche. Wagen 416. Dort befindet sich das barrierefreie Liegeabteil, das ich reserviert habe. Es ist das einzige barrierefreie Abteil im ganzen Zug.

Reserviert war Wagen 416: ein Liegeplatz im Multifunktionsabteil. Genau dieser Wagen fiel später aus.
Reserviert war Wagen 416: ein Liegeplatz im Multifunktionsabteil. Genau dieser Wagen fiel später aus.

Dieser Wagen hat einen Defekt. Kein kleines Komfortproblem. Als der Zug einfährt, erfahre ich: Die Klimaanlage funktioniert nicht, die Türen öffnen nicht, die Toilette fällt aus. Die gesamte Elektronik hat den Geist aufgegeben. Damit kann ich das barrierefreie Abteil nicht nutzen. Es bleibt für die ganze Reise geschlossen.

In der App klingt es nüchtern: «Geändertes Angebot». Für mich bedeutet es, dass das einzige nutzbare Abteil im Zug fehlt.
In der App klingt es nüchtern: «Geändertes Angebot». Für mich bedeutet es, dass das einzige nutzbare Abteil im Zug fehlt.

Als Alternative bekomme ich einen Platz im normalen Sitzwagen der 2. Klasse. Ohne Rollstuhl-Toilette.

Das ist keine Alternative. Nicht für eine Reise durch die Nacht. Nicht mit Rollstuhl. Nicht, wenn ich ein barrierefreies Liegeabteil reserviert habe. Und schon gar nicht, wenn ich mein ganzes Reise-Setup darauf abgestimmt habe.

Ich lehne ab. Allein die fehlende Rollstuhl-Toilette macht diese Alternative für mich unbrauchbar. Rückblickend kommt noch hinzu: Der Zug fährt zwar mit 85 Minuten Verspätung ab, schafft es aber nur bis Basel. Dort ist wegen einer weiteren technischen Störung endgültig Schluss. Für alle.

Die nächste technische Störung: Zwischen Basel und Hamburg-Altona fährt der Zug gar nicht mehr.
Die nächste technische Störung: Zwischen Basel und Hamburg-Altona fährt der Zug gar nicht mehr.

Ich bin zu diesem Zeitpunkt noch am Zürcher Hauptbahnhof. Mit allem, was für eine gut vorbereitete Nachtzugreise gedacht war. Und mit ziemlich schlechter Laune.

Angeblich informiert

Am SBB-Schalter frage ich nach meinen Möglichkeiten. Der Mann am Schalter schaut ins System und sagt: Dort stehe, die ÖBB (Österreichische Bundesbahn, die Betreiberin des Nightjet) habe mich bereits am Vortag über den defekten Wagen informiert.

Das stimmt nicht.

Ich habe keine SMS erhalten. Keine E-Mail. Keinen Anruf. Nichts. Hätte mich die ÖBB am Vortag wirklich informiert, wäre ich bei dieser Hitze nicht an den Bahnhof gefahren. Dann hätte ich nicht erst dort erfahren, dass das einzige für mich nutzbare Abteil ausfällt.

Am SBB-Schalter erfahre ich, dass ich angeblich schon am Vortag informiert worden sei. Bei mir kam keine Nachricht an.
Am SBB-Schalter erfahre ich, dass ich angeblich schon am Vortag informiert worden sei. Bei mir kam keine Nachricht an.

Der SBB-Mitarbeiter sagt ausserdem, er könne selbst nichts tun. Ich habe das Ticket direkt bei der ÖBB gekauft, nicht bei der SBB. Er nennt mir zwei Möglichkeiten: Ich kann für den nächsten Tag ein neues Ticket kaufen und versuchen, das Geld später bei der ÖBB zurückzufordern. Oder ich kann mich direkt an den ÖBB-Kundendienst wenden.

Ich entscheide mich für den Kundendienst.

Also fahre ich wieder nach Hause. Komplett verschwitzt, komplett genervt und mit Gepäck, das plötzlich nicht mehr nach gut vorbereiteter Reise aussieht, sondern nach schlechter Pointe.

Drei Personen vor mir

Um 21:50 Uhr rufe ich bei der ÖBB-Hotline an. Eine automatische Stimme sagt, dass drei Personen vor mir in der Warteschleife seien. Drei Personen. Das klingt machbar.

Dann beginnt der Jingle.

Er ist nicht nur schlecht. Er ist die Sorte Warteschleifenmusik, bei der ich nach zehn Minuten anfange, meine Lebensentscheidungen zu hinterfragen. Nach 20 Minuten ist niemand dran. Nach 40 Minuten auch nicht. Nach 60 Minuten frage ich mich, ob die drei Personen vor mir vielleicht ebenfalls den Nachtzug nach Hamburg nicht nehmen konnten.

Drei Personen vor mir in der Warteschleife. 75 Minuten später habe ich noch immer mit keinem Menschen gesprochen.
Drei Personen vor mir in der Warteschleife. 75 Minuten später habe ich noch immer mit keinem Menschen gesprochen.

Nach 75 Minuten lege ich auf. Ich habe mit keinem Menschen gesprochen.

Die Abrechnung kommt später: 30.73 Franken für das Auslandsgespräch. Bezahlt habe ich damit vor allem den ÖBB-Jingle. Eine Auskunft bekam ich nicht.

Über 75 Minuten Warteschleife, kein Gespräch und 30.73 Franken auf der Mobilfunkrechnung.
Über 75 Minuten Warteschleife, kein Gespräch und 30.73 Franken auf der Mobilfunkrechnung.

Dann halt Flugzeug

Danach buche ich einen Flug nach Hamburg.

Ich mache das ungern. Für diese Strecke zu fliegen, obwohl es eine Zugverbindung gibt, fühlt sich falsch an. Genau deshalb hatte ich den Nachtzug gebucht. Genau deshalb hatte ich mir überlegt, wie ich mein CPAP im Zug zuverlässig betreiben kann. Und genau deshalb lag eine Powerstation in meinem Gepäck.

Mein Ticket für die unfreiwillige Alternative: Swiss statt Nightjet.
Mein Ticket für die unfreiwillige Alternative: Swiss statt Nightjet.

Am nächsten Tag sitze ich trotzdem im Flugzeug. Ohne EcoFlow. Für den Flug hat der Akku zu viel Power. Swiss erlaubt tragbare Akkus im Handgepäck nur bis 100 Wattstunden ohne Genehmigung und bis 160 Wattstunden mit Genehmigung. Meine Powerstation liegt mit 245 Wattstunden klar darüber.

Was SBB und ÖBB dazu sagen

Die Ursache für den Ausfall von Wagen 416 war laut SBB eine Störung an der Energieversorgung. Deshalb musste der Wagen mit dem Multifunktionsabteil ab Zürich geschlossen werden.

SBB und ÖBB bestätigen auf Anfrage, dass ich deshalb schon am Samstag hätte informiert werden sollen. Wegen eines Fehlers bei der Abstimmung zwischen den beiden Bahnen ist diese Information jedoch nicht bei mir angekommen. Beide Unternehmen entschuldigen sich dafür und wollen den Vorfall analysieren.

So hätte das barrierefreie Multifunktionsabteil eigentlich ausgesehen.
So hätte das barrierefreie Multifunktionsabteil eigentlich ausgesehen.
Quelle: ÖBB / Harald Eisenberger

Auch bei der angebotenen Alternative ist die SBB deutlich: Der Sitzplatz in der 2. Klasse ohne Rollstuhl-Toilette war nicht gleichwertig. Eine bessere Lösung habe es im selben Zug jedoch nicht gegeben, da dieser nur über ein einziges barrierefreies Abteil mit entsprechendem Zugang und WC verfügt.

Fällt dieses Abteil aus, können betroffene Reisende laut SBB von der Reise zurücktreten oder nachträglich eine Erstattung beantragen. Eine Ersatzlösung im selben Zug, die den vorgesehenen Standards entspricht, gibt es nicht.

Die ÖBB hat mir den Ticketpreis vollständig erstattet und bietet zusätzlich einen Gutschein über 49,90 Euro an.

Bereit war nur ich

Ich konnte die Powerstation im Zug nicht testen. Nicht, weil sie versagte. Sondern weil ich gar nicht erst in den Zug kam. Das ist die eigentliche Pointe dieser Reise: Ich hatte eine Lösung für die unzuverlässige Steckdose. Für den Ausfall des einzigen barrierefreien Abteils hatte niemand eine Lösung.

Wer Menschen vom Flugzeug in den Zug bringen will, braucht mehr als gute Absichten und schöne Nachtzugbilder. Für mich reicht es nicht, wenn irgendwo im Zug ein barrierefreies Abteil eingeplant ist. Es muss funktionieren. Und wenn es nicht funktioniert, braucht es eine bessere Alternative als einen Platz im Sitzwagen ohne Rollstuhl-Toilette.

Meine Powerstation war bereit. Mein CPAP war bereit. Ich war bereit.

Der Nachtzug war es nicht.

Titelbild: Ramon Schneider

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Bezahlt werde ich dafür, von früh bis spät mit Spielwaren Humbug zu betreiben.


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