
Leben ohne Google Drive und Dropbox? Was Self-Hosting heute leisten kann
Die eigene Cloud verspricht Kontrolle über Fotos, Dateien und Passwörter. Aber nicht jeden Cloud-Dienst kannst du ersetzen.
Unter einem Artikel meiner NAS-Serie wurde engagiert diskutiert. Dabei ging es immer wieder darum, wie weit sich externe Cloud-Dienste heute überhaupt durch eigene Lösungen ersetzen lassen.
Deshalb mache ich den Realitätscheck: Was lässt sich heute sinnvoll selbst verwalten? Wo steigt der Aufwand? Und wo ist ein grosser Cloud-Dienst im Alltag weiterhin die bessere Wahl?
Dabei geht es mir nicht darum, möglichst wenige Dienste zu nutzen. Ich möchte die Abhängigkeit von extern betriebenen Diensten reduzieren. Im Idealfall laufen diese Dienste auf Infrastruktur, die du selbst kontrollierst.
Diese Kontrolle gibt es allerdings nicht gratis. Wer Dienste selbst betreibt, übernimmt auch Kosten, Wartung und Verantwortung.
Der Preis der Unabhängigkeit
Self-Hosting wirkt auf den ersten Blick oft günstiger als ein Cloud-Abo. In der Praxis kommen aber mehrere Posten zusammen: Hardware, Festplatten, Strom, Domain, Backup-Speicher und deine Zeit. Wer alles einrechnet, spart nicht automatisch Geld.
Ein sparsamer Mini-PC braucht im Leerlauf typischerweise 6 bis 15 Watt, ein NAS mit zwei Festplatten 20 bis 35 Watt. Ein selbstgebauter Server kann deutlich mehr ziehen, je nach Prozessor, Netzteil und Anzahl Festplatten. Beim Schweizer Medianstrompreis von 27,7 Rappen pro Kilowattstunde (ElCom, 2026) ergibt das im Dauerbetrieb grob 15 bis 85 Franken pro Jahr Stromkosten. Dazu kommen die auf die Lebensdauer umgelegte Hardware , eine Domain und externer Backup-Speicher. Ein kleines Setup landet so schnell bei 150 bis 250 Franken jährlich.
Ein Cloud-Abo mit zwei Terabyte kostet zum Vergleich meist zwischen 100 und 130 Franken. Finanziell lohnt sich Self-Hosting deshalb erst, wenn mehrere Dienste auf derselben Maschine laufen. Wer es genau wissen will, misst den eigenen Server mit einem Zwischenstecker.
Der grössere Preis ist Verantwortung. Jeder Dienst braucht Updates. Jede Datenbank braucht eine Sicherung. Jeder Zugriff von unterwegs öffnet eine Angriffsfläche. Wenn dein Server ausfällt, gibt es keinen Support-Chat, der das Problem für dich rasch löst.

Besonders wichtig sind Backups. Eine Kopie auf derselben Festplatte reicht nicht. Meine Synology sichert auf eine externe Festplatte, wichtige Daten zusätzlich auf meinen PC. Beim Unraid-Server sichere ich App-Daten und Boot-Stick ebenfalls doppelt. Wo möglich, exportiere ich zudem die Einstellungen der einzelnen Dienste. Wenn du Fotos, Passwörter oder Dokumente selbst hostest, musst du wissen, wie du sie nach einem Defekt wiederherstellst. Sonst wird Kontrolle schnell zur Scheinsicherheit.
Dazu kommt Wartung im Alltag. Zertifikate laufen ab, Apps ändern Anforderungen, Festplatten werden voll, Updates brechen gelegentlich etwas. Das passiert nicht dauernd. Aber es passiert. Mein Nginx-Proxy für den Zugriff von aussen lief zuerst auf dem Unraid-Server, jedes Update verursachte Probleme. Inzwischen läuft er auf der Synology, als Nächstes will ich auf Netbird umsteigen. Wer Self-Hosting ernst nimmt, sollte Freude daran haben, solche Probleme zu verstehen und zu lösen.

Self-Hosting ist mehr als nur ein NAS-App-Store
Wer an Network Attached Storage (NAS) denkt, landet schnell bei Synology, QNAP oder Asustor. Diese Hersteller bieten eigene Apps für Dateien, Fotos oder Backups. Das ist bequem und für viele sinnvoll. Ich selbst verwalte Kalender und Kontakte über die Synology-Apps. Sie decken aber nur einen Teil ab.

Daneben gibt es längst eine offene Self-Hosting-Welt. Dort finden sich quelloffene Alternativen zu vielen Cloud-Diensten, etwa für Passwörter, Kalender oder Medien. Sie laufen auf Infrastruktur, die du selbst kontrollierst, ob daheim oder im Rechenzentrum. Eine umfangreiche Sammlung bietet Awesome Self-Hosted.
Neue NAS-Betriebssysteme bündeln solche Dienste und senken die Einstiegshürde. Die persönliche Cloud gleicht damit einem Baukasten. Je nach Bedarf kommen Module für Fotos, Automatisierung oder andere Aufgaben dazu.
Wie gut sich dieses Baukastenprinzip im Alltag bewährt, müssen die neuen Systeme erst zeigen. Docker bildet dabei oft nur die technische Grundlage. Die wahre Praxistauglichkeit zeigt sich erst im laufenden Betrieb – insbesondere bei Updates, Backups und beim Zugriff von unterwegs.
Das klingt nach viel Aufwand. Es bedeutet aber nicht, dass du gleich dein ganzes digitales Leben umziehen musst.
Digitale Unabhängigkeit beginnt in kleinen Schritten
Für mehr digitale Unabhängigkeit muss niemand von heute auf morgen Google, Apple oder Dropbox ersetzen. Sanfter ist ein schrittweiser Einstieg. Du kannst klein anfangen, mit einem eigenen Passwortmanager, einer zusätzlichen Fotosicherung oder einem Ersatz für Dropbox-Ordner der Familie. Spotify und Netflix bleiben vielleicht, während du deine eigene Mediathek für Filme und Familienvideos anlegst.
Du musst dabei nicht alles selbst betreiben. Schon einzelne Dienste unter eigene Kontrolle zu bringen, reduziert die Abhängigkeit. Der Aufwand ist allerdings nicht bei jedem Dienst gleich gross. Einige lassen sich vergleichsweise einfach auf eigene Infrastruktur holen. Andere verlangen deutlich mehr Arbeit.
Einfacher Umstieg
Dateien, Fotos sowie Passwörter, Kalender und Kontakte sind relativ einfach selbst zu hosten. Die nötige Software ist etabliert und der Nutzen im Alltag schnell sichtbar.
Dateien: Google Drive, Dropbox und OneDrive ersetzen
Bei Dateien ist der Umstieg besonders naheliegend. Viele nutzen Google Drive, Dropbox oder OneDrive für Dokumente, Projektordner, Scans oder gemeinsame Familienablagen. Solche Aufgaben lassen sich heute einfach auf eigene Infrastruktur verschieben.

Nextcloud ist der bekannteste Allrounder. Die Software kommt Google Drive am nächsten, wächst mit Apps aber schnell zu einer kleinen Plattform. Deshalb brauchen Updates und Erweiterungen Aufmerksamkeit.
OpenCloud ist ein neuerer Kandidat aus Deutschland, entstanden aus der Abspaltung von ownCloud. Der Fokus liegt auf Filesharing, Zusammenarbeit und digitaler Souveränität. Syncthing geht einen anderen Weg: Es gleicht Ordner direkt zwischen deinen Geräten ab, ohne klassische Cloud-Oberfläche.
Private Dokumente, Projektordner oder Familienablagen lassen sich mit den genannten Alternativen zuverlässig abdecken. Du synchronisierst Ordner zwischen Laptop, Desktop und Server. Du gibst einzelne Ordner frei und rufst Dateien im Browser auf.
Einen Schritt weiter geht Paperless-ngx. Die Software archiviert Dokumente durchsuchbar und verschlagwortet sie automatisch. Ich habe sie als Docker-Container auf meiner Synology installiert und bin begeistert. Die Konfiguration braucht allerdings viel Zeit.

Grenzen zeigen sich bei der Zusammenarbeit. Freigaben an Aussenstehende und gemeinsames Bearbeiten von Dokumenten regeln die grossen Anbieter meist komfortabler. Verwaltest du deine Dateien selbst, brauchst du zudem eine Sicherungsstrategie und einen sicheren Zugriff von unterwegs.
Für mich bleiben Dateien der naheliegendste Einstieg ins Self-Hosting. Der Nutzen ist sofort sichtbar, das Risiko bleibt überschaubar.
Fotos: Google Fotos und iCloud Fotos ersetzen
Bei Fotos wird Self-Hosting emotionaler. Dokumente lassen sich im Notfall neu erstellen. Deine Familienbilder, Ferienfotos oder alte Handyaufnahmen existieren oft nur einmal. Deshalb wirkt die Idee attraktiv, das eigene Fotoarchiv selbst zu kontrollieren.
Immich ist derzeit der spannendste Kandidat für alle, die einen Ersatz für Google Fotos oder iCloud Fotos suchen. Die App lädt Bilder vom Smartphone hoch, zeigt sie in einer Zeitachse und erkennt Personen oder Orte. PhotoPrism richtet sich stärker an grössere Fotoarchive. Nextcloud Memories ist interessant, wenn Nextcloud ohnehin schon bei dir läuft.
Fotos lassen sich automatisch sichern, in Alben ordnen und im Browser durchsuchen. Für viele private Fotoarchive reicht das bereits erstaunlich weit. Die Immich-App findest du zudem bei Google und Apple.

Die grössten Hürden liegen bei Komfort und Vertrauen. Google Fotos und iCloud Fotos sind tief in Android und iOS eingebaut. Geteilte Alben, Familiennutzung und mobile Apps sind dort meist reibungsloser eingebunden. Beim Self-Hosting musst du zudem sicher sein, dass du deine Backups im Ernstfall wiederherstellen kannst.
Fotos zählen für mich zu den spannendsten Self-Hosting-Bereichen. Meine eigenen Bilder und Filme lagern noch auf der Synology, Immich habe ich aber bereits installiert. Der Wechsel steht demnächst an. Wer hier experimentiert, sollte zuerst mit einer Kopie des Fotoarchivs starten und das Original unangetastet lassen.
Kollege Philipp Rüegg beschrieb mit Pixel Union bereits einen verwandten Weg. Der Unterschied: Dort läuft Immich als gehosteter Dienst, nicht auf eigener Infrastruktur.
Passwörter, Kalender und Kontakte: kleine Dienste, grosser Nutzen
Nach Dateien und Fotos wirken Passwörter, Kalender und Kontakte unspektakulär. Für die digitale Unabhängigkeit zählen sie trotzdem. Hier liegen Zugangsdaten, Termine und Adressbücher. Diese Daten brauchst du täglich.
Bei Passwörtern ist Vaultwarden ein beliebter Einstieg. Die offiziellen Bitwarden-Apps greifen problemlos darauf zu. Ich nutze Vaultwarden selbst als Server. Im Alltag läuft das unauffällig. Bitwarden lässt sich ebenfalls selbst betreiben, richtet sich aber stärker an Nutzerinnen und Nutzer mit höheren Ansprüchen oder Teams.
Kalender und Kontakte laufen oft über Nextcloud, Radicale oder ähnliche CalDAV- und CardDAV-Server. Der Vorteil: Viele Betriebssysteme und Apps verstehen diese Standards. Auf einen selbst gehosteten Kalender lässt sich deshalb mit Smartphone, Tablet und Computer zugreifen, ohne dass du an Google, Apple oder Microsoft gebunden bist.

Privat und im kleinen Kreis ist der Aufwand überschaubar. Schwieriger wird es, wenn viele externe Personen dazukommen. Bei Einladungen, geteilten Kalendern und Firmenumgebungen bleiben die grossen Anbieter oft reibungsloser.
Bei Passwörtern gilt zudem eine einfache Regel: Wenn du den Dienst selbst betreibst, musst du ihn ernst nehmen. Aktualisierungen, Sicherheitskopien und Zwei-Faktor-Schutz sind hier keine Kür. Wenn der Server ausfällt und du keine Sicherung hast, wird digitale Unabhängigkeit schnell zum Problem.
Passwörter, Kalender und Kontakte halte ich für besonders dankbare Self-Hosting-Kandidaten. Sie brauchen wenig Leistung, bringen im Alltag viel Kontrolle zurück und zeigen gut, ob du den Betrieb eigener Dienste zuverlässig hinbekommst.
Mittelschwer
Bei Medien sowie Smart Home und Automatisierung steigt der Aufwand. Vieles lässt sich lokal betreiben, die Vorteile hängen aber stärker von deinen vorhandenen Geräten, Diensten und Gewohnheiten ab.
Medien: eigene Sammlung ja, Spotify und Netflix nein
Bei Musik, Filmen und Serien hängt viel davon ab, was du bereits besitzt. Self-Hosting ersetzt keinen riesigen Streamingkatalog. Es macht aus deiner eigenen Sammlung aber einen privaten Streamingdienst.
Für Musik ist Navidrome ein starker Kandidat. Die schlanke Software läuft auch auf sparsamer Hardware und bringt deine lokale Musiksammlung in den Browser oder auf kompatible Apps. Jellyfin deckt zusätzlich Filme, Serien, Musik und Fotos ab. Plex ist ebenfalls beliebt, aber weniger konsequent selbst gehostet. Der Server läuft lokal, viele Funktionen hängen jedoch am Plex-Konto und teils am kostenpflichtigen Plex Pass. Dessen Lifetime-Version wurde 2026 massiv verteuert. Ich nutze Plex in der Lifetime-Version seit Jahren. Der Dienst läuft ohne grössere Probleme. Aktuell habe ich deshalb keinen Bedarf umzusteigen.

Eigene Musikdateien, Familienvideos und digitalisierte Filme lassen sich damit von mehreren Geräten abrufen und auch unterwegs streamen. Meine Musiksammlung liegt beispielsweise auf der Synology. Die Musiksoftware Roon greift direkt auf diesen Netzwerkordner zu.
Ihren eigentlichen Vorteil spielen Spotify, Apple Music, Netflix oder Disney+ beim Katalog aus. Neue Veröffentlichungen, Empfehlungen, Playlists und lizenzierte Inhalte lassen sich mit Self-Hosting nicht einfach nachbauen.
Medien-Hosting lohnt sich vor allem dann, wenn du bereits eine eigene Sammlung hast. Wer dagegen vor allem neue Musik, aktuelle Serien oder wechselnde Filmkataloge sucht, bleibt mit kommerziellen Streamingdiensten besser bedient.
Smart Home und Automatisierung
Bei Smart Home und Automatisierung ersetzt Self-Hosting nicht zwingend einen einzelnen Cloud-Dienst. Es kann aber die Abhängigkeit von extern betriebenen Plattformen reduzieren und Abläufe auf die eigene Infrastruktur holen. Home Assistant kann Smart-Home-Geräte lokal verbinden. n8n hilft bei eigenen Workflows und verbindet verschiedene Dienste miteinander.

Du kannst eigene Abläufe bauen, die kein grosser Cloud-Dienst so anbietet. Gleichzeitig wächst damit die Komplexität. Je mehr Dienste miteinander sprechen, desto wichtiger werden Updates, Backups und Fehlersuche.
Das habe ich selbst erlebt: Nach einem grösseren n8n-Update funktionierten meine Workflows nicht mehr. Beim Alternativtool Activepieces passierte mir dasselbe.
Automatisierung lohnt sich besonders dann, wenn du ein konkretes Problem lösen willst. Einfach nur Dienste sammeln macht den Homeserver schnell unübersichtlich.
Schwer
Bei manchen Diensten wird Self-Hosting deutlich anspruchsvoller.
E-Mail: technisch machbar, praktisch heikel
Bei E-Mail klingt Self-Hosting im ersten Moment logisch. Du betreibst deinen eigenen Server, verwaltest deine Postfächer selbst und bist weniger abhängig von Gmail, Outlook oder iCloud Mail. In der Praxis entpuppt sich derE-Mail-Dienst als einer der schwierigsten für den Eigenbetrieb.
Mit Lösungen wie Mailcow, Mail-in-a-Box oder Stalwart lässt sich ein Mailserver heute deutlich einfacher einrichten als früher. Die Software nimmt dir viel Arbeit ab. Trotzdem bleibt der Betrieb anspruchsvoll.
Das Problem liegt weniger beim Empfangen von Mails. Heikel wird es beim Versand. Andere Mailserver müssen deinem Server vertrauen. Dafür brauchst du idealerweise eine statische, öffentliche IP-Adresse, saubere DNS-Einträge und einen passenden Reverse-DNS-Eintrag. Bei vielen privaten Internetanschlüssen fehlt das. Manche Provider blockieren zudem den Mailversand über Port 25. Hast du etwas falsch konfiguriert, landen deine Mails schnell im Spam oder kommen gar nicht erst an.

Sicherheit und Verfügbarkeit wiegen hier besonders schwer. Gerade wenn du E-Mail beruflich nutzt, willst du dich auf den Dienst verlassen können.
Die persönliche Cloud bleibt ein Projekt
Ich wollte meine E-Mail ebenfalls selbst hosten. Nach der Recherche zu IP-Adressen, DNS-Einträgen und Zustellbarkeit habe ich es bleiben lassen. Wenn du mehr Kontrolle über deine Mails willst, fährst du oft besser mit einem seriösen Mailanbieter, einer eigenen Domain und sauberem Backup.
Viele Cloud-Dienste lassen sich heute erstaunlich gut selbst betreiben. Dateien, Fotos, Passwörter, Kalender und Kontakte eignen sich besonders gut für den Einstieg. Bei Medien, Smart Home und Automatisierung steigt der Aufwand. E-Mail bleibt der heikelste Fall.
Damit sind wir wieder bei den neueren NAS-Betriebssystemen. CasaOS, Umbrel, Cosmos, Olares, ZimaOS oder HexOS müssen mehr leisten als lange App-Listen. Ob sie im Alltag taugen, entscheidet sich bei Installation, Speicher, Backups und Zugriff von aussen. In einem künftigen Artikel werde ich mich mit Cosmos auseinandersetzen.
Journalist mit mehr als 20 Jahren Erfahrung – mehrheitlich im Online-Journalismus in verschiedenen Positionen. Mein Hauptarbeitsinstrument? Ein Notebook – am besten mit Internetverbindung. Diese Geräte haben es mir so sehr angetan, dass ich Notebooks und Computer immer wieder auch gerne auseinanderschraube, repariere und neu aufsetze. Warum? Weil es Spass macht!
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