
Neues Apple TV 4K: Ist das ein verspäteter Aprilscherz?!
299 Franken für einen schnelleren Chip, drei Mikrofone und Surround-Sound mit vier HomePods. Apple nennt das sein bisher bestes Heimkinoerlebnis. Ich frage mich: Wen wollt ihr eigentlich verarschen?
Erinnert ihr euch an die BlizzCon 2018? Blizzard hatte gerade «Diablo Immortal» angekündigt, ein Mobile Game, während die Fans sehnsüchtig auf ein vollwertiges «Diablo» warteten. Ein Zuschauer stellte sich ans Mikrofon und fragte die Entwickler trocken: «Is this an out-of-season April Fools' joke?»
Als Apple vergangene Woche sein neues Apple TV 4K vorgestellt hat, wusste ich plötzlich ganz genau, wie sich dieser Typ gefühlt haben muss. Nach vier Jahren Wartezeit sollte nämlich endlich der Nachfolger der Streaming-Box kommen. Ein Gerät, das Schwächen ausmerzt, vielleicht sogar neue Massstäbe setzt. Stattdessen präsentiert Apple eine Box für 299 Franken, deren wichtigste Neuerungen sich lesen wie eine Lösung für Probleme, die niemand hatte.
Apple, what the fuck?
Mehr Leistung, aber wozu eigentlich?
Versteht mich nicht falsch. Ich liebe mein 2022er Apple TV 4K. Das Ding ist schnell, zuverlässig, übersichtlich und macht seit Jahren genau das, wofür ich es gekauft habe: Filme und Serien abspielen. In hervorragender Qualität. Jetzt kommt der Nachfolger mit einem A19-Chip, bis zu 50 Prozent mehr Prozessorleistung und doppelt so viel Grafikpower.
Grossartig. Jetzt müsste mir nur noch jemand erklären, welche meiner Streaming-Apps bisher zu langsam war.

Quelle: Thomas Kunz
Natürlich ist der neue AV1-Decoder willkommen. Er ermöglicht effizientes Streaming und macht die Box fit für moderne Videokompression. Das ist sinnvoll, zukunftssicher und technisch erfreulich. Nur spüre ich bei meinem bisherigen Apple TV keinerlei Leistungsprobleme, die mich zum Neukauf bewegen würden.
Eine weitere Neuerung: Die Fernbedienung lässt sich jetzt mittels «Wo ist?»-Funktion orten. Das hat zwar nichts direkt mit dem Prozessor zu tun. Aber wenn ich meine Fernbedienung künftig absichtlich häufiger zwischen den Sofakissen verliere, könnten sich die 299 Franken immerhin so irgendwann rechnen.
Heimkino für alle – ausser Heimkino-Fans
Richtig absurd wird's beim Ton. Apple bewirbt sein bisher «immersivstes» Heimkinoerlebnis, weil sich endlich vier HomePods zu einem Surround-System zusammenschalten lassen. Automatische Kalibrierung inklusive. Klingt interessant, bis ich nachrechne: Vier HomePod mini 2 kosten 556 Franken. Zusammen mit der Box macht das 855 Franken für ein System, dessen Klangqualitäten sich erst noch beweisen muss. Mit vier normalen HomePods wären wir sogar bei fast 1500 Franken.

Quelle: Apple Newsroom
Wer bereits einen hochwertigen AV-Receiver samt Surround-Lautsprechern besitzt, schaut dagegen eh ziemlich dumm aus der Wäsche. Klar, Dolby Atmos bei Netflix, Disney+ und Apple TV funktioniert schon heute problemlos. Audio-Passthrough, eine Funktion, die Originaltonspuren unverändert an den Receiver weiterreicht, erwähnt Apple hingegen mit keinem Wort.
Das ärgert vor allem Heimkino-Fans mit eigenen Filmsammlungen, etwa auf einem NAS. Denn bei den bisherigen Apple-TV-Boxen geht bei der Wiedergabe von Dolby TrueHD mit Atmos oder DTS:X über Apps wie Infuse ein Teil des räumlichen Klangbilds verloren. Der eigentliche Surround-Ton bleibt zwar verlustfrei erhalten, die zusätzlichen 3D-Audioinformationen allerdings nicht. Eine betagte Nvidia Shield kann solche Tonspuren längst unverändert an einen AV-Receiver weiterreichen. Ob Apple hier endlich nachbessert? Keine Ahnung.
Aber hey, vier HomePods!
Was ich eigentlich erwartet hätte
Dabei wäre meine Wunschliste gar nicht so ausgefallen gewesen. Endlich ein vollständiges Audio-Passthrough für verlustfreie Heimkinoformate, zum Beispiel. Vielleicht eine überzeugende Gaming-Offensive, die den mächtigen A19-Chip tatsächlich ausreizt, statt ihn beim Scrollen durch Netflix-Menüs Däumchen drehen zu lassen. Oder mehr Flexibilität bei der Einbindung bestehender Heimkinoanlagen, statt ein Surround-System, das vor allem eines voraussetzt: den Kauf weiterer Apple-Produkte.
Klar will Apple sein eigenes Ökosystem stärken. Nur: Mir den nächsten Vorwand, noch mehr Apple-Produkte zu kaufen, allen Ernstes als grosse Innovation verkaufen zu wollen? Sorry, Apple, für wie bescheuert haltet ihr mich eigentlich?
Vor allem hätte ich mir einen vernünftigen Preis gewünscht. Denn Apple hätte die ohnehin hervorragende Streaming-Box auch einfach behutsam verbessern können, ohne dafür plötzlich 299 Franken zu verlangen. Ich brauche keine Revolution um jeden Preis. Nach vier Jahren Wartezeit hätte ich allerdings schon gerne irgendeinen Grund gehabt, mein bisheriges Apple TV in Rente zu schicken.
Drei Mikrofone, natürlich …
Dann wären da noch drei eingebaute Mikrofone, damit Siri künftig freihändig zuhört. Wunderbar. Endlich muss ich beim Filmschauen nicht mehr die körperlich kaum zumutbare Anstrengung aufbringen, eine Taste auf meiner Fernbedienung zu drücken. Apple, ich wollte einen besseren Mediaplayer. Nicht noch mehr Mikrofone in meinem Wohnzimmer.
Natürlich wird auch die neue Box ihre Fans finden. Für Neueinsteiger und Smarthome-Enthusiasten ergibt sie durchaus Sinn. Erst recht für Menschen, die ohnehin tief im Apple-Ökosystem stecken und ihr Heimkino mit HomePods aufbauen möchten. Aber für bestehende Besitzerinnen und Besitzer? Ich sehe nur einen absurd hohen Preis, Leistungsreserven ohne erkennbaren Alltagsnutzen und eine Heimkino-Offensive, die ausgerechnet anspruchsvolle Heimkino-Fans links liegen lässt.
Vielleicht wird die Box im Test ja doch sensationell. Oder Apple überrascht mich noch mit unangekündigten Funktionen, bevor das Ding ab dem 13. November in den Handel geht. Bis dahin bleibt mir allerdings dieselbe Frage wie jenem legendären Diablo-Fan vor acht Jahren:
Apple, ist das euer verdammter Ernst?
Ich schreibe über Technik, als wäre sie Kino, und über Filme, als wären sie Realität. Zwischen Bits und Blockbustern suche ich die Geschichten, die Emotionen wecken, nicht nur Klicks. Und ja – manchmal höre ich Filmmusik lauter, als mir guttut.
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