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Hintergrund

Operation Rainfall: Wie eine Fan-Kampagne «Xenoblade Chronicles» rettete

«Xenoblade Chronicles» sollte nie in Amerika erscheinen. Dass daraus trotzdem eine der wichtigsten RPG-Serien Nintendos wurde, liegt an ein paar sturen Fans, Bergen von Briefen und einer vergessenen Amazon-Produktseite. Die Geschichte von Operation Rainfall – 15 Jahre danach.

Am 30. Juli erscheint die Switch-2-Version von «Xenoblade Chronicles 2». Der Release an sich ist nur eine Randnotiz wert. 4K-Auflösung, 60 fps, neue Zwischensequenzen mit Dwayne «The Rock» Johnson als ... just kidding. Es ist das übliche Next-Gen-Upgrade-Paket.

Dass wir das Spiel überhaupt spielen können, ist hingegen nicht selbstverständlich. Das Franchise-Debüt hatte 2011 eine schwierige Geburt, sollte nie in Amerika herauskommen und wurde nur dank einem gewaltigen Community-Effort zum RPG-Hit, der den Grundstein für die heutige Serie legte.

Aber der Reihe nach.

Alle guten Dinge sind drei

Um zu verstehen, warum «Xenoblade Chronicles» überhaupt existiert, muss man gut drei Jahrzehnte zurückgehen – zu einem Grafiker bei Squaresoft, der irgendwann keine Grafiken mehr machen wollte. Tetsuya Takahashi arbeitete seit 1990 für den «Final Fantasy»-Konzern und war als Grafikdirektor unter anderem für «Final Fantasy VI» und «Chrono Trigger» verantwortlich. Takahashi verpasste dem Entwickler seine unverkennbare visuelle Identität, was mit einer Regie-Position belohnt wurde.

Daraus entstand 1998 «Xenogears», ein Monumentalwerk in Sachen Storytelling und Lehrstück für überbordende Ambitionen – Takahashi verballerte nahezu das komplette Budget in der ersten Spielhälfte, weshalb die zweite Disc kaum mehr als eine Diashow ist. Dass «Xenogears» trotzdem zum Kult-Game avancierte, unterstreicht, wie wegweisend das Rollenspiel war. Mehr zum Klassiker kannst du in Kollege Kevins Liebeserklärung nachlesen.

Takahashis Debüt blieb der verdiente Erfolg verwehrt.
Takahashis Debüt blieb der verdiente Erfolg verwehrt.
Quelle: Square Enix

Takahashi verliess Squaresoft im Jahr 1999, gründete Monolith Soft und zeigte mit seinem ersten Projekt sogleich, dass er absolut nichts gelernt hatte: «Xenosaga», der geistige Nachfolger zu «Xenogears», sollte ein sechs Episoden starkes Epos werden, weil alles darunter offenbar ein Daumenkino ist.

Er scheitert erneut. Nach drei Episoden ist Schluss und Monolith Softs Zukunft ungewiss. Aber nicht für lange: 2007 kauft Nintendo Takahashis Studio und winkt das erste Projekt durch. «Monado: Beginning of the World» oder, wie es später heissen sollte: «Xenoblade Chronicles».

Ein französischer Versprecher

Am Anfang steht eine Indiskretion. Rund zwei Wochen nach der E3 2011 – damals noch die wichtigste Videospielmesse der Welt – verplappert sich Frankreichs Nintendo-Marketing-Manager Mathieu Minel in einem Interview mit dem TV-Sender Nolife. Gemäss Minel war geplant, dass an der Messe die US-Version von «Xenoblade Chronicles» angekündigt werden sollte. Nintendo of America strich das Spiel aber kurzfristig aus dem Lineup, weil ein Release für den amerikanischen Markt nicht länger vorgesehen war.

Das macht erst mal nur bedingt Sinn, war für Europa bereits ein Termin im gleichen Sommer gesetzt und eine englische Übersetzung schon im Kasten.

Nintendo selbst lässt Minels Aussage vorerst unkommentiert, weshalb verschiedene Spekulationen den Diskurs dominieren. Die meisten davon sind Quatsch. Denkbar ist aber, dass Nintendo die volle Aufmerksamkeit für «The Legend of Zelda: Skyward Sword» beanspruchen wollte. Links neues Abenteuer erscheint im selben Jahr und ist der letzte grosse Inhouse-Titel für die abtretende Wii-Konsole – da braucht es keinen zweiten Schwertschwinger, der ihm das Spotlight stiehlt.

Zündstoff für ein konspiratives Feuer folgt wenig später. Minel gibt kurz nach dem Interview seinen Abgang bei Nintendo bekannt. Bis heute hält sich das hartnäckige Gerücht, dass der Franzose entlassen wurde, weil er Interna mit der Presse teilte. Auch das ist Quatsch.

Mathieu Minel: Held. Märtyrer. Franzose.
Mathieu Minel: Held. Märtyrer. Franzose.
Quelle: x.com/Hallow_West

Nintendos Anwälte würden einen Vierjährigen vor Gericht zerren, wenn sie herausfinden, dass auf seiner Geburtstagstorte ein Marzipan-Yoshi posiert. Sie werden sich aber kaum wegen einer Lappalie mit Frankreichs umfassendem Arbeitnehmerschutz anlegen wollen.

Minel verliess Nintendo nach zwölf Jahren auf eigenen Wunsch, aber das ist dem Internet egal. Kaum etwas hilft einer Bewegung so sehr wie ein echter Märtyrer.

Der Stein kommt ins Rollen

Noch im selben Monat setzt ein User namens themightyme einen Post im IGN-Forum ab. Er schlägt darin eine Fan-Kampagne vor, um Nintendo zum Release von «Xenoblade» zu bewegen. Und, wo man schon dabei ist: «The Last Story» und «Pandora's Tower» soll der Mario-Konzern doch ebenfalls gleich dazupacken und daraus einen RPG-Hattrick machen.

Der Post im O-Ton:

«Ein paar von uns haben schon über diese Idee gesprochen, aber niemand wollte die Führungsrolle übernehmen – also versuche ich es wohl zumindest mal. Das Konzept: Wenn TV-Serien vor der Absetzung standen, haben es Fangruppen geschafft, die Sender umzustimmen – mit physischen Briefen (nicht E-Mails), verschickt an den Sender, zusammen mit Geschenken, die für die Sache stehen … Im Fall von «Veronica Mars» schickten Fans Mars-Riegel an UPN (…) Machen wir also dasselbe für diese drei Spiele.

Damit das Wirkung zeigt, müssen wir Nintendo of America komplett überfluten – schickt also Briefe von so vielen Adressen wie möglich, holt Freunde ins Boot und verbreitet die Sache auf jede erdenkliche Weise.»

Um die Idee herum formiert sich ein Kernteam, das die Kampagne vorantreibt: Es entwirft Bildmaterial im Stil der «Final Fantasy»-Logos und tauft die Bewegung «Operation Rainfall» – Regen gegen die RPG-Dürre auf der Wii.

Drei RPGs gegen die Dürre.
Drei RPGs gegen die Dürre.
Quelle: fandom.com

Unterstützung erhalten sie von nahezu allen grösseren Gaming-Plattformen, von Eurogamer über Destructoid bis Joystiq. Zudem reagieren Soraya Saga, Game-Designerin und Ehefrau von «Xenoblade»-Schöpfer Tetsuya Takahashi, sowie das Mistwalker-Studio wohlwollend auf die Kampagne.

Die mediale Präsenz zwingt Nintendo schliesslich zu einem Statement. Wenn auch zu einem enttäuschenden: «Es gibt derzeit keine Pläne, die Games nach Amerika zu bringen», heisst es. Operation Rainfall scheint gescheitert.

Der Todesstoss für die Kampgne?
Der Todesstoss für die Kampgne?
Quelle: Facebook

Komplize Amazon

Es war von Anfang an naiv, zu glauben, dass sich Nintendo von einigen netten Briefen beeinflussen lässt. Der Konzern ist weder aus Idealismus noch aus purer Menschenliebe im Business. Marios Bartwachs kostet schliesslich Geld.

Ein finanzieller Anreiz muss also her, wobei Amazon zum unerwarteten Komplizen wird. Nutzer entdecken, dass die alte Produktseite zum ursprünglichen Arbeitstitel «Monado: Beginning of the World» immer noch online ist. Und nicht nur das: Der Online-Shop akzeptiert Vorbestellungen für das Spiel.

Die News macht die Runde und innerhalb von zwei Tagen schiesst «Xenoblade Chronicles» von Rang 150 000 der Verkaufscharts auf Platz 1 und lässt dabei sowohl «The Legend of Zelda: Ocarina of Time 3D» als auch das PS3-Bundle zu «Call of Duty: Black Ops» Staub schlucken.

Die Welt von Aionios.
Die Welt von Aionios.
Quelle: Nintendo

Operation Rainfall ist zurück auf Kurs.

So zumindest die logische Schlussfolgerung – Nintendo zeigt Fans weiterhin die kalte Schulter: «Xenoblade Chronicles» bleibt trotz des offensichtlichen Interesses weiterhin Japan- und Europa-exklusiv. Minimale Beschwichtigung gibt es lediglich von Reggie «My body is ready» Fils-Aimé, damals Präsident und COO von Nintendo of America: Man werde sehr genau beobachten, was in Europa passiere.

Die Wende und die Wahrheit

Nach mehreren Monaten ohne nennenswerte Ereignisse kündigt Nintendo im Dezember 2011 überraschend die US-Version von «Xenoblade Chronicles» an. Unzeremoniell und ohne ein Wort zu Operation Rainfall. Die Initianten sehen sich trotzdem als Sieger. Aber stimmt das auch wirklich?

Der Konzern hat sich selbst nach dem Release im April 2012 nie dazu geäussert. Die einzige Aussage, die man als offizielles Statement werten könnte, stammt aus dem Jahr 2013 und erneut von Fils-Aimé. In einem Interview mit Siliconera meinte dieser dazu: «Ich muss ehrlich sagen – es beeinflusst nicht, was wir tun. Wir schauen es uns durchaus an (…), aber es beeinflusst nicht zwangsläufig, was wir tun.»

Lässt sich nicht in die Karten blicken: Reggie Fils-Aimé.
Lässt sich nicht in die Karten blicken: Reggie Fils-Aimé.
Quelle: Nintendo

Nun kann jeder für sich entscheiden, wie viel man in die zwei Wörter «nicht zwangsläufig» hineininterpretieren will, aber aus Corporate-Sicht ist Reggies Aussage plausibel.

Mit Terroristen verhandelt man nicht, mit stänkernden Videospiel-Fans genauso wenig. Sollte sich die Meinung etablieren, dass man Releases erzwingen kann, indem man lange genug anstrengend bleibt, hätte Nintendo nie mehr eine ruhige Minute (und wir hätten endlich eine offiziell übersetzte Version von «Mother 3»).

Dafür spricht auch, dass Nintendo schlussendlich nur eines der drei Kampagnen-Games selbst veröffentlichte. «The Last Story» und «Pandora's Tower» wurden 2012 respektive 2013 vom Publisher Xseed für den US-Markt lokalisiert.

Drama, Baby, Drama

Der Gaming-Community wird gerne ein Hang zum Drama nachgesagt. Und da ist durchaus etwas dran. 2018 liefen Fans Sturm, weil das Pfützenwasser in «Marvel's Spider-Man» im fertigen Spiel nicht genauso aussah wie im Trailer.

«DIE PFÜTZEN SIND NICHT NASS GENUG!» - irgendein Depp auf Reddit, 2018.
«DIE PFÜTZEN SIND NICHT NASS GENUG!» - irgendein Depp auf Reddit, 2018.
Quelle: Sony

Einige Jahre zuvor drangsalieren Gamer den Entwickler Bioware so lange, bis er «Mass Effect 3» per DLC einen erweiterten Story-Abschluss nachschob. Und Naughty Dogs Neil Druckmann erhält 2020 Todesdrohungen für den Plot-Twist in «The Last of Us Part II».

Gelegentlich entsteht aber auch Sinnvolles, wenn Fans zusammenkommen, echten Enthusiasmus zeigen und sich gemeinsam Gehör verschaffen. Operation Rainfall ist so ein Fall. Die Kampagne feiert in diesem Sommer ihr 15. Jubiläum. Und gerade in einer Zeit, in der gefühlt keine Woche vergeht, ohne dass uns schlechte Nachrichten aus der Branche erreichen, tut es gut, sich daran zu erinnern, dass unser Hobby auch schöne Geschichten schreiben kann.

Was bleibt

Nintendo wird wohl nie verraten, ob Operation Rainfall dafür verantwortlich war, dass «Xenoblade Chronicles» in den USA erschien. Fest steht allerdings, dass die Kampagne massgeblich zum Erfolg des Spiels beigetragen hat. Medienpräsenz und unzählige Forums-Posts verschafften dem damals noch sehr nischigen RPG eine Sichtbarkeit, die sonst exklusiv für Blockbuster reserviert ist.

Nintendo spendierte der Kampagne später ein limitiertes Münz-Set.
Nintendo spendierte der Kampagne später ein limitiertes Münz-Set.
Quelle: Rainer Etzweiler

Die Verkaufszahlen waren dementsprechend solide: Das Serien-Debüt verkaufte sich weltweit rund eine Million Mal, womit ein Sequel rasch zur beschlossenen Sache wurde. Ob das auch ohne Operation Rainfall passiert wäre?

«Nicht zwangsläufig», sagte Reggie. Fünfzehn Jahre und eine Erfolgsserie später klingt das verdächtig nach «wahrscheinlich nicht».

Titelbild: Monolith Soft/Nintendo

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In den frühen 90er-Jahren vererbte mir mein älterer Bruder sein NES mit «The Legend of Zelda» und startete damit eine Obsession, die bis heute anhält.


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Interessantes aus der Welt der Produkte, Blicke hinter die Kulissen von Herstellern und Portraits von interessanten Menschen.

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