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Woraus besteht das Tischchen?

Issey Miyake ist bekannt für seine gefalteten, skulpturalen Kleider. An der Milan Design Week 2026 hat das Modehaus auch Möbel gezeigt – aus einem Material, das du vielleicht nicht erraten wirst.
Manche Materialien lügen. Nicht böswillig, sondern auf die beste Art: Sie sehen aus wie etwas, das sie nicht sind. An der Milan Design Week 2026 hat das Haus Issey Miyake genau so eine Überraschung präsentiert. Aber schau selbst, ob du erraten kannst, woraus diese Oberfläche besteht.

Woraus besteht das Tischchen?
Es ist Papier. Genauer: gepresstes Abfallpapier aus der Produktion von Issey Miyakes berühmten Plissierkleidern, das bisher einfach im Müll landete.
Beim Plissieren werden hauchdünne Papierbögen zwischen den Stoff gelegt, um ihn durch die Maschine zu führen. Was danach übrig bleibt, sind fest zusammengepresste Rollen des Papiers, sogenannte Paper Logs. Sie sehen aus wie Baumstämme, komplett mit Maserung und «Jahresringen».

Chefdesigner Satoshi Kondo hatte die Idee, sie wie Holzstämme zu behandeln: sägen, schnitzen, schälen. Weil Papier gut absorbiert, nimmt es Wachs oder Leim an und wird so stabil genug für Möbel.



Die Textur erinnert dabei an Holz und Stein zugleich, obwohl es sich um hauchdünne Papierbögen handelt. Und weil sich beim Plissieren durch Hitze und Druck die Farben der Stoffe aufs Papier übertragen, stecken in jedem Stück die Spuren eines Kleids. Als blasse Abdrücke der Kleidungsstücke, die einmal durch dieselbe Maschine geführt wurden. Kondo nennt das «eine Schönheit, die so nicht geplant war».
Ursprünglich hatte Kondo die Paper Logs bereits für den Issey-Miyake-Laufsteg entdeckt: Für die Frühjahr-Sommer-Kollektion 2025 in Paris liess er die Rollen quer aufschneiden. Die Schnittflächen mit ihrer Maserung dienten als Sitzmöbel und Bühnenelemente. Mailand war der nächste Schritt.



In Zusammenarbeit mit dem spanischen Architekturbüro Ensamble Studio entstanden zusätzlich skulpturale Paperobjekte – die Ausstellung zeigte beide Seiten des Materials.
Zur diesjährigen Milan Design Week zeigten viele Modehäuser Installationen – manche davon kaum zugänglich ohne VIP-Einladung oder Presseausweis. Das Designmagazin Sight Unseen sprach gar von einem «finalen Hype-Stadium»: zu viele Markenauftritte, zu wenig echte Designideen. Das Paper-Log-Projekt war das Gegenteil: keine Party, kein Spektakel – einfach Stücke in einem offenen Showroom. Es kommt direkt aus der Produktion, löst ein Abfallproblem und spricht für sich. Das hat gereicht.
Hast du's erraten – oder hat dich dieses Material genauso überrascht wie mich?
Wie ein Cheerleader befeuere ich gutes Design und bringe dir alles näher, was mit Möbeln und Inneneinrichtung zu tun hat. Regelmässig kuratierte ich einfache und doch raffinierte Interior-Entdeckungen, berichte über Trends und interviewe kreative Köpfe zu ihrer Arbeit.
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