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Meinung

Soll man Kinder im Spiel gewinnen lassen?

David Lee
18-8-2026
Bilder: David Lee

Ich hatte eine klare Meinung: Natürlich spielt man auch gegen Kinder richtig und verliert nicht absichtlich. Je länger ich darüber nachdenke und mit anderen diskutiere, desto mehr denke ich: Es kommt drauf an.

Soweit ich mich erinnern kann, hat mich mein Vater nie absichtlich in einem Spiel gewinnen lassen. Erst kürzlich ist mir das bewusst geworden. Beschäftigt hat es mich nie – offenbar hatte ich damit kein Problem. Mein Selbstvertrauen hat darunter nicht gelitten. Ich spielte ja nicht nur gegen ihn, sondern auch gegen andere Kinder – und da hat der kleine David auch den einen oder anderen Goliath besiegt.

Dass Kinder gegen Erwachsene verlieren, erschien mir vollkommen natürlich. Ich fand es sogar gut, dass mein Vater meistens gewann. Er war mein Vorbild und für mich der Beste. Irgendwann, dachte ich, werde ich selber gross sein und auch so gut.

Auch rückblickend sehe ich nichts Falsches daran. Indem mein Vater immer den vollen Einsatz gab, zeigte er mir, dass ihn das Spiel begeisterte – und dass er mich als Gegner ernst nahm. Hätte ich gemerkt, dass er ein Spiel nachlässig oder extra dumm spielt, hätte mich das geärgert. Und wenn ich es nicht bemerkt hätte? Dann hätte ich wahrscheinlich nicht mehr das grosse Vorbild in ihm gesehen. Im schlechtesten Fall hätten wir uns gegenseitig nicht ernst genommen.

Jeder Fall ist anders

Aus meinen eigenen Erfahrungen schliesse ich aber nicht, dass es generell das Beste ist, Kinder nie gewinnen zu lassen. Als Kinderloser finde ich es ohnehin heikel, Eltern Erziehungstipps zu geben. Ich bin sicher, dass Kindererziehung immer schwieriger ist, als sie von aussen aussieht.

Deshalb habe ich mich bei meinen Redaktionskolleginnen und -kollegen umgehört. Schnell wurde klar: Jedes Kind reagiert anders und viel hängt von den Umständen ab.

Eine Kollegin hat die gegenteilige Erfahrung gemacht: Ihr Onkel liess sie immer verlieren, mit nachhaltig negativem Effekt. «Heute hasse ich Brettspiele noch immer», sagt sie. Das ständige Verlieren habe sie auch nicht zu einer besseren Verliererin gemacht. Ganz sicher nicht geholfen hat der Umstand, dass ihr Onkel sie danach noch gehänselt und ausgelacht hat, als sie wütend wurde.

Domagoj wiederum kennt keine Gnade, wenn es in Mario Kart gegen seine zehnjährige Nichte geht. Auch Debora schenkt ihrem Neffen nichts. Sie bezeichnet ihn als kleinen Angeber, der grosse Töne spuckt. Vielleicht tut es ihm ganz gut, mal auf dem Boden der Realität zu landen.

Stephan sieht bei seiner dreieinhalbjährigen Enkelin über kleine Schummeleien grosszügig hinweg. Bei den eigenen Kindern gab es dagegen keinen Bonus – sie sollten lernen, dass Verlieren dazugehört. Lorenz spielt bei seiner eigenen Tochter vielleicht mal etwas weniger clever, damit sich deren Gewinnchancen erhöhen. Vor allem, wenn die Gefahr besteht, dass er zum Seriensieger wird. Viel hängt vom Alter ab. «Wenn du zu früh extrem hart bist, wird das Kind in dem Alter, in dem es Spass macht, nicht mehr mit dir spielen wollen», gibt er zu bedenken.

Für Martins elfjährige Tochter war in den Ferien «Vier gewinnt» gleichbedeutend mit «Papa gewinnt». Sie gab aber nie auf und entschied irgendwann doch eine Partie für sich. «Das hat sie viel mehr mit Stolz erfüllt, als hätte ich sie gewinnen lassen.»

Vier Gewinnt habe ich als Kind auch gespielt. Wenn niemand zum Spielen da war, habe ich manchmal absichtlich gegen mich selbst verloren.
Vier Gewinnt habe ich als Kind auch gespielt. Wenn niemand zum Spielen da war, habe ich manchmal absichtlich gegen mich selbst verloren.

Nicht jedes Kind reagiert auf die gleiche Situation gleich. Was die einen anspornt, frustriert die anderen. Ich denke deshalb, dass es besser ist, situativ zu entscheiden, als stur irgendwelche Prinzipien durchzuziehen.

Die Wahl der Spiele

Im Austausch kam auch die Frage auf, welche Spiele überhaupt geeignet sind. Idealerweise sollte das Kind eine realistische Gewinnchance haben. Je nach Spiel ist das auch bei kleineren Kindern möglich. Es kommt sehr auf die individuellen Fähigkeiten an, aber Würfel- und Kartenspiele mit hoher Zufallskomponente funktionieren wohl immer. Viele Kids schlagen ihre Eltern in Memory und anderen Gedächtnisspielen. Auch bei Videospielen kann es ausgeglichen sein. Je älter das Kind, desto eher kommen auch komplexe Strategiespiele in Frage.

Aus meiner frühen Kindheit kann ich mich weder an Siege noch an Niederlagen erinnern. Vermutlich habe ich als Kleinkind schlicht keine kompetitiven Spiele gespielt. Das ist in dem Alter auch gar nicht nötig. Viel wichtiger ist, gemeinsam etwas zu tun.

Eine weitere Möglichkeit: in Teams spielen. Gemeinsam gewinnen, gemeinsam verlieren. Vor allem, wenn das Team nicht nur die Summe der Einzelnen ist, sondern eine Kooperation erfordert. Bei manchen Spielen wetteifern nicht einmal Teams gegeneinander, sondern alle miteinander. Das muss keineswegs langweilig sein.

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Besteht ein starkes Leistungsgefälle, können Handicaps eine Lösung sein. Beispiel: Spiele ich gegen einen Siebenjährigen Fussball, ist mein Tor grösser als seines. Das macht sicherlich beiden Seiten mehr Spass, als wenn ich demotiviert über das Feld schlurfe, nur damit der Kleine auch eine Chance hat.

Was lernt ein Kind beim Spiel?

Letztlich muss aber jedes Kind lernen, zu verlieren. Daran führt kein Weg vorbei.

Wahrscheinlich klappt das am besten, wenn Erwachsene mit gutem Beispiel vorangehen. Lorenz: «Lernt das Kind eventuell mehr, wenn es sieht, wie ich verliere? Sind nicht die wirklichen Gewinner im Leben jene, die auch verlieren können und anderen den Sieg gönnen?» Das ist auch das, worauf Kevin bei seinen Kindern Wert legt: Am Ende reicht man sich die Hand und sagt: «Gutes Spiel!»

Ich glaube, Verlieren funktioniert nicht wie Muskel- oder Ausdauertraining. Ein Kind wird nicht automatisch besser darin, nur weil es oft verliert. Entscheidend sind andere Dinge: Wie gross der Ehrgeiz ist, wie fair oder unfair alles abläuft, wie viel Glück oder Pech es hat, wie seine allgemeine Stimmungslage ist. Und vor allem: wie sehr das eigene Selbstwertgefühl vom Gewinnen abhängt.

Ob ein Kind gut verlieren lernt, hängt weniger von der Anzahl der Niederlagen als von ihren Umständen ab. Als Erwachsener kannst du viele davon beeinflussen.

Durch dein Verhalten während des Spiels signalisierst du dem Kind, worum es im Kern geht. Gibst du Tipps, warnst du vor einem Fehler oder erlaubst du, etwas rückgängig zu machen? Dann geht es um den Lerneffekt. Schaffst du eine entspannte, gemütliche Atmosphäre? Dann geht es darum, gemeinsam Zeit zu verbringen. Schaffst du eine Wettkampfsituation, vergleichst ständig, wer besser dasteht, und kostest deinen Triumph aus? Dann geht es vor allem ums Gewinnen. Eine Niederlage fühlt sich so schnell wie eine Bedrohung des Selbstwerts an.

Hänseleien und Schadenfreude erlebte ich im familiären Kreis nie. Mein Vater gab mir genug positives Feedback, es war klar, dass er mein Bestes wollte. Gleichzeitig vermittelte er mir: Erfolg muss man sich erarbeiten.

Ein Kind lernt auf jeden Fall etwas, was über die Spielfähigkeiten hinaus geht – aber nicht immer etwas Gutes. Im ungünstigen Fall lernt es: Ich darf keine Schwäche zeigen, sonst werde ich lächerlich gemacht. Ich bin nur etwas wert, wenn ich gewinne. Im besseren Fall: Das Spiel macht auch Spass, wenn ich verliere. Vielleicht lernt es: Ich brauche mich nie anzustrengen, ich gewinne immer. Oder im Gegenteil: Ich kann mich anstrengen, wie ich will, ich gewinne nie. Es ist sicher sinnvoll, sich Gedanken darüber zu machen, was das Kind bei einem Spiel lernt.

Egal, wie du dich verhältst, du bist immer ein Vorbild

Je länger ich über die Frage nachdenke, desto mehr Aspekte fallen mir ein. Der Kern der Sache ist für mich aber: Als Erwachsener hast du eine Vorbildwirkung. Du kannst zeigen, wie sich das Spiel besser spielen lässt. Und dass es sich lohnt, auf dich zu hören. Indem du ein schwerer Gegner bist, kannst du dem Kind vermitteln, dass es sich anstrengen muss, um etwas zu erreichen.

Vorbild bist du aber auch in der Art, wie du spielst. Ganz egal, ob du fair oder unfair, rücksichtsvoll oder gnadenlos spielst: Das Kind lernt von deinem Verhalten. Und hier ist Gewinnen um jeden Preis nicht immer das Beste.

Fairness gehört für mich zwingend dazu. Dazu gehört auch: Das Kind nicht einer unfairen Situation aussetzen, in der es nur verlieren kann. Insbesondere, wenn es nicht genau weiss, worauf es sich einlässt. Und dann noch gnadenlos auf Sieg spielen? Das würde ich nicht machen.

Wenn ich es in einem Satz sagen müsste: Ich würde richtig spielen und mich anstrengen, aber immer so, wie es zur Situation passt. Auf keinen Fall werde ich gegen einen Fünfjährigen mit voller Wucht einen Penalty schiessen.

Denn es gibt Wichtigeres im Leben als Gewinnen. Zum Beispiel Rücksicht. Je mehr Menschen das schon von klein auf lernen, desto besser.

Titelbild: Shutterstock

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Durch Interesse an IT und Schreiben bin ich schon früh (2000) im Tech-Journalismus gelandet. Mich interessiert, wie man Technik benutzen kann, ohne selbst benutzt zu werden. Meine Freizeit ver(sch)wende ich am liebsten fürs Musikmachen, wo ich mässiges Talent mit übermässiger Begeisterung kompensiere. 


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