
Produkttest
Sony WH-1000 XM6: Ihre faltige Hoheit ist wieder da
von Florian Bodoky

Sony feiert zehn Jahre 1000X-Serie mit The Collexion: edles Design, starker Sound und Komfort – aber auch ein paar Kompromisse.
Mit dem 1000X The Collexion – so der offizielle Name des Kopfhörers – feiert Sony das Jubiläum seiner 1000X-Serie. Schon der Name lässt vermuten, dass sich Sony zum zehnjährigen Bestehen etwas Besonderes ausgedacht hat. Das zu erwartende Naming wäre wohl WH-1000 XM X (römisch zehn). Der Kopfhörer ist denn auch keineswegs ein überarbeiteter XM6, sondern tatsächlich ein Versuch, nur ein Jahr nach dem Launch des Flaggschiffes ein eigenständiges Modell unter die Leute zu bringen.
Der Kopfhörer ist auf jeden Fall ein Blickfang. Sony setzt auf viel schwarz glänzendes Metall, saubere Übergänge und ein extrem solides Gehäuse. Die Kopfhörer wirken massiv und dicht gebaut. Nichts knarzt, die Gelenke sitzen fest und die Materialien fühlen sich robust an. Wie schon seine Vorgänger ist er stufenlos verstellbar. Das entsprechend zu verstellende Glied verschwindet aber nicht im Gehäuse, sondern gleitet aussen am Bügel entlang. Dieser ist schmaler als beim XM6. Im Vergleich zum WH-1000XM6 geht das Design eigene Wege – eleganter und weniger «techie».

Nebst des «metallenen» Looks fällt das neue, sogenannte Faux Leather an Bügeln und Ohrpolstern auf. Das Material fühlt sich weich an und wirkt hochwertig verarbeitet. Mit einem Nachteil, der sich wohl mit zunehmender Nutzungszeit zeigen wird: Rund um die Touchfläche entstehen nach häufiger Gestensteuerung sichtbare Glanzstellen. Vor allem dort, wo du ständig mit den Fingern über die Oberfläche streichst, könnte das Material nach einiger Zeit etwas speckig und ungleichmässig werden. Dafür punktet Sony an anderer Stelle: Die Ohrpolster lassen sich austauschen, was bei einem Premium-Kopfhörer in dieser Preisklasse absolut sinnvoll ist. Viele Hersteller sparen sich diesen Punkt.
Angenehm locker. Mit weniger Anpressdruck als der WH-1000XM6. Die grösseren Ohrpolster sorgen zusätzlich dafür, dass deine Ohren den Innenraum kaum berühren. Gerade bei langen Sessions fühlt sich das entspannt an. Besonders Brillentragende profitieren davon, dass die Polster etwas nachgiebiger geworden sind. Allerdings hat die lockerere Passform auch Nachteile. Weil die Ohrmuscheln weniger stark anliegen als beim XM6, hatte ich Mühe bei der adaptiven Geräuschunterdrückung. Gefühlt reichen geringfügigere Geräusche, um das ANC zu reduzieren.

Ausserdem bleibt das hohe Gewicht von rund 320 Gramm ein Thema. Nach mehreren Stunden merkst du die Kopfhörer deutlicher als viele Konkurrenzmodelle. Sony verteilt die Last zwar ordentlich über den (schmalen) Bügel. Auch der schmale Bügel drückt auf Dauer auf den Kopf.

Auch beim Aufbewahrungscase hat sich Sony etwas ausgedacht. Weil sich die Kopfhörer nicht falten lassen, fällt das Case deutlich grösser aus. Du kannst es nicht so einfach in eine kleine Tasche stecken. Also macht Sony das Case selbst zur Tasche. Dadurch fällt es zwar auf, lässt sich aber angenehm greifen und transportieren. Vorausgesetzt, du willst nur wegen dieser Kopfhörer eine Extratasche mit dir herumtragen. Immerhin: Schnappmechanismus und Materialien wirken langlebig – und Platz für das Klinken- und USB-C-Kabel ist auch vorhanden.
Klanglich liefern die Kopfhörer genau das, was ich von einem Spitzenmodell erwarte. Neu ist dabei vor allem der integrierte Audio-Prozessorder dritten Generation (V3). Der XM6 setzte noch auf den älteren V2-Prozessor. Sony nutzt ihn für effizienteres Noise Cancelling sowie für die Klangverarbeitung. Der Prozessor analysiert Audiosignale schneller und kann Frequenzen präziser anpassen, so der Hersteller. Dies äussere sich vorwiegend bei Dynamik, Räumlichkeit und Detailauflösung. So klingt der Sound noch mehr wie «vom Künstler beabsichtigt». Sony setzt zusätzlich auf einen neu abgestimmten 30-Millimeter-Treiber mit einer etwas ausgewogeneren Abstimmung als beim XM6. Der Frequenzbereich reicht gemäss Hersteller bis 40 000 Hertz, was sich vorrangig bei hochauflösenden Musikdateien bemerkbar macht.
Die Tiefen gehören zu den Stärken des Kopfhörers. Sony liefert einen kräftigen Bass mit viel Volumen, ohne dabei komplett in Richtung Bassmonster abzudriften. Die Kontrolle im Tiefbass fällt ebenfalls positiv auf. Selbst bei hoher Lautstärke bleibt der Klang sauber. Hip-Hop, EDM oder moderne Popproduktionen machen damit richtig Spass. Auch dank des Upmix-Features (siehe Kapitel «Sound Connect»). Stimmen wirken natürlich und stehen klar im Raum. Podcasts, Hörbücher oder akustische Musik profitieren enorm davon. Gerade Gesang klingt angenehm präsent, ohne künstlich nach vorne gedrückt zu werden. Instrumente lassen sich gut voneinander unterscheiden und wirken sauber getrennt. Sony spricht von einer grösseren Soundstage. Ob du das jetzt hörst, wenn dich der Hersteller nicht mit der Nase drauf stösst, sei dahingestellt. Insgesamt bleibt die Abstimmung angenehm langzeittauglich. Selbst nach mehreren Stunden wirkt der Klang nie nervig oder übertrieben analytisch.
Die Sony-App «Sound Connect» orientiert sich stark an der bekannten Software des WH-1000XM6 und übernimmt viele Funktionen direkt daraus. Wenn du den XM6 schon genutzt hast, findest du dich sofort zurecht. Du bekommst zahlreiche Einstellmöglichkeiten, ohne dass die Oberfläche komplett überladen wirkt. Equalizer, ANC-Anpassungen, Transparenzmodus, Raumklang-Einstellungen oder automatische Szenenerkennung lassen sich bequem konfigurieren. Dazu kommen bekannte XM6-Funktionen wie Speak-to-Chat, adaptive Geräuschsteuerung, automatisches Pausieren beim Absetzen sowie die ortsabhängigen ANC-Profile. Die Kopfhörer erkennen beispielsweise, ob du sitzt, gehst oder unterwegs bist, und passen das Noise Cancelling entsprechend an.

Neu hinzu kommen die 360-Upmix-Modi. Stereo-Inhalte werden dabei künstlich räumlicher dargestellt. Das funktioniert bei Filmen und Gaming erstaunlich gut. Musik profitiert je nach Genre unterschiedlich stark davon. Ich mag es – ohne diese ist die Musik flacher, dafür authentischer. Mit dem AI-getriebenen Upmix fühle ich mich mehr mittendrin. Ausserdem unterstützt Sony DSEE Ultimate. Dabei werden komprimierte Musikdateien in Echtzeit hochgerechnet, um verlorene Details zurückzubringen. Das ersetzt zwar kein echtes Hi-Res-Audio, verbessert Spotify-Streams oder ältere MP3-Dateien aber hörbar.
Bei den unterstützten Codecs setzt Sony auf SBC, AAC, LC3 und LDAC. SBC bleibt der Standardcodec und funktioniert mit praktisch jedem Gerät, klingt aber am einfachsten. AAC ist primär für Apple-Nutzende relevant, weil iPhone, iPad und Mac damit stabil und effizient arbeiten. LDAC erlaubt deutlich höhere Datenraten und überträgt mehr Klangdetails, sofern dein Abspielgerät den Codec ebenfalls unterstützt. Dazu kommt Bluetooth 6. Im Alltag sorgt das weniger für hörbare Klangunterschiede als vielmehr für stabile Verbindungen, geringere Aussetzer und schnellere Gerätewechsel. Gerade bei Multipoint-Verbindungen zwischen Laptop und Smartphone arbeitet der Kopfhörer dadurch zuverlässig. Apple-Nutzende müssen weiterhin ohne LDAC auskommen, weil Apple den Codec nicht unterstützt. Trotzdem harmonieren die Kopfhörer überraschend gut mit dem Apple-Ökosystem. AAC läuft stabil und effizient, die Verbindung mit iPhone, iPad oder Mac funktioniert schnell und zuverlässig.

Gerade im Apple-Universum profitieren die Kopfhörer von stabilen Verbindungen, schnellem Gerätewechsel und einer unkomplizierten Einrichtung. Natürlich erreicht Sony nicht ganz die nahtlose Integration von Apple-Produkten wie AirPods Max oder AirPods Pro. Trotzdem fühlen sich die Sony im Apple-Alltag erstaunlich zuhause. Zusätzlich lässt sich der Kopfhörer klassisch per Kabel nutzen. Sony liefert dafür ein abnehmbares 1,2‑Meter-Kabel mit vergoldetem Winkelstecker mit. Auch technisch bleibt der Kopfhörer im Kabelbetrieb interessant: Mit eingeschaltetem Gerät erreicht er laut Hersteller 103 dB/mW Empfindlichkeit bei 48 Ohm Impedanz. Im Alltag bedeutet das vor allem, dass der Kopfhörer auch kabelgebunden ausreichend laut wird und an unterschiedlichen Geräten problemlos funktioniert. Anschalten musst du ihn aber trotzdem.

Wie schon der XM6 ist der Kopfhörer auch gut zum Telefonieren. Stimmen wirken klarer und Hintergrundgeräusche werden zuverlässig herausgefiltert. Gerade in Büros oder unterwegs verstehen dich Gesprächspartner deutlich besser als bei älteren Modellen wie etwa dem XM4. Windgeräusche bleiben zwar hörbar, fallen aber weniger störend aus als früher.
Die Akkuleistung bleibt alltagstauglich. Mit aktiviertem Noise Cancelling gibt Sony bis zu 24 Stunden Laufzeit an, ohne ANC sind es bis zu 32 Stunden. Im Alltag hängt das natürlich stark von Lautstärke und Nutzung ab, insgesamt musst du aber selten nachladen.
Sony positioniert The Collexion bewusst nicht einfach als XM6 mit anderer Optik. Der Kopfhörer verfolgt einen eigenen Ansatz innerhalb der 1000X-Serie und setzt stärker auf Materialien, Verarbeitung und ein eigenständiges Design. Die Klangabstimmung gefällt, auch dank des neuen Prozessors, der vermutlich auch im XM7 zum Einsatz kommen wird (je nachdem, wie lange Sony mit dessen Launch warten). Der Kopfhörer trägt sich trotz des hohen Gewichts angenehm, nur der schmale Bügel machte mir zeitweilig etwas zu schaffen. Gleiches gilt für das adaptive Noise Cancelling wegen des geringeren Anpressdrucks. Auch die fehlende Faltbarkeit bleibt im Alltag ein Unterschied zum XM6.
Die Verarbeitung ist extrem hochwertig, die wechselbaren Ohrpolster sind praktisch und die App übernimmt viele der bekannten XM6-Funktionen. Gleichzeitig zeigt das Faux-Leather rund um die Touchfläche nach häufiger Nutzung sichtbare Glanzstellen.
Pro
Contra
Seit ich herausgefunden habe, wie man bei der ISDN-Card beide Telefonkanäle für eine grössere Bandbreite aktivieren kann, bastle ich an digitalen Netzwerken herum. Seit ich sprechen kann, an analogen. Wahl-Winterthurer mit rotblauem Herzen.
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