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Universal Studios
Kritik

«The Odyssey» ist atemberaubend und ohrenbetäubend

Patrick Vogt
15-7-2026

Monumental, episch und doch ganz menschlich: Christopher Nolans «The Odyssey» ist zu Recht einer der meisterwarteten Filme dieses Jahres. Trotz fast drei Stunden Laufzeit hätte ich gerne noch mehr davon gesehen.

An dieser Stelle steht normalerweise unser Spoiler-Disclaimer. Da die Irrfahrten des Odysseus hinlänglich bekannt und schon mehrfach verfilmt worden sind, werde ich auf Einzelheiten des Inhalts eingehen. Ich reduziere es auf das Nötigste, versprochen. «The Odyssey» läuft ab dem 16. Juli im Kino.

Der Abspann läuft, ich bin überwältigt. Ich habe soeben «The Odyssey» gesehen, den Sommer-Blockbuster schlechthin, der seinen Platz auf dem Film-Olymp völlig verdient einnehmen wird. Selbst beim Schreiben dieser Zeilen 24 Stunden später ringe ich noch um Worte, um das Gesehene angemessen einzuordnen. Hilft alles nix, einer muss es schliesslich tun.

Darum geht’s

Nach zehn Jahren Krieg gegen Troja – den Agamemnons Truppen dank einer List von Odysseus (Matt Damon) für sich entschieden haben – will der König von Ithaka nur eines: nach Hause zu seiner Frau Penelope (Anne Hathaway) und seinem Sohn Telemachos (Tom Holland). Doch wer die Götter gegen sich aufbringt, dem bleibt die Heimkehr verwehrt. Weitere zehn Jahre vergehen, in denen sich Odysseus diversen Dämonen stellen muss, auch seinen eigenen.

Zu kämpfen haben derweil auch Penelope und Telemachos: Weil der König von Ithaka schon so lange weg und womöglich gar nicht mehr am Leben ist, lässt es sich eine Gruppe von Freiern – angeführt von Antinoos (Robert Pattinson) – bei ihnen gut gehen und buhlt um die Hand der Königin, um selbst zu regieren. Dazu ist ihnen jedes Mittel recht.

Der Ursprung

Homers «Odyssee» gehört zu den ältesten und wichtigsten Werken der Weltliteratur. Wobei die Wissenschaft bis heute keine abschliessende Antwort auf die homerische Frage hat – also ob es Homer überhaupt gegeben hat und ob die «Odyssee» sowie die «Ilias» (quasi die Vorgeschichte) von einem einzelnen Autor stammt oder von mehreren. Einigkeit herrscht darin, dass beide Epen zwischen dem achten und siebten Jahrhundert vor Christus entstanden sind. Beide Werke sind in 24 Gesänge gegliedert.

Homer: Ilias & Odyssee (Deutsch, Homer, Johann Homer, 2026)
Belletristik

Homer: Ilias & Odyssee

Deutsch, Homer, Johann Homer, 2026

Homer: Ilias & Odyssee (Deutsch, Homer, Johann Homer, 2026)

Homer: Ilias & Odyssee

Deutsch, Homer, Johann Homer, 2026

Die Geschichten wurden seit Jahrhunderten dutzendfach und in verschiedene Sprachen übersetzt. Für seine Adaption des Stoffs liess sich Christopher Nolan von der englischen Übersetzung von Emily Wilson inspirieren. Ihr Ton ist einfacher und zugänglicher als frühere Übersetzungen – und genau das wollte Nolan: eine Sprache, die Menschen emotional erreicht und keine intellektuell verkopfte Dichtung. Kurz: Es soll eine bodenständige Erzählung sein:

I was maybe being naive», the filmmaker conceded, «it might bite me on the ass, but I wanted an earthy narrative. To me it was a no-brainer.
Entertainment Weekly

Eine vernünftige Absicht, möchte man meinen. Doch dass dann von «dad» und nicht von «father» die Rede ist, hat schon beim Trailer bei einigen die Hutschnur platzen lassen und für Kritik gesorgt. Telemachos-Darsteller Tom Holland hatte dafür die einzig richtige Antwort parat:

«I wouldn’t have even said «father» back in the day, would I? It would’ve been Greek.»

Die Kontroversen

Überhaupt wurden sich im Vorfeld die Mäuler über «The Odyssey» zerrissen. Historisch ungenaue Schiffe, Helme und Rüstungen, falsche Hautfarbe, falsche Herkunft oder falsches Geschlecht. Kein Wunder, war sich selbst Elon Musk nicht zu schade, seinen Senf dazuzugeben – freilich ohne den fertigen Film gesehen zu haben, wie alle anderen Stänkerer im Internet.

Es ist müssig, hier nochmals alles auszubreiten, eine Zusammenfassung aller Vorwürfe findest du unter anderem bei Watson. Nur eines: Odysseus ist eine Sagengestalt, seine Irrfahrt ein Mythos aus dem antiken Griechenland. Es ist eine Fiktion, die interpretiert werden darf und soll. Ob es dir oder mir passt oder nicht.

Nolan selbst sagte zu den ganzen Diskussionen, dass er nur versuchen könne, so ehrlich wie möglich den bestmöglichen Film zu drehen. Und weisst du was? Das ist ihm sowas von gelungen!

«All I can do is make the best film I possibly can in the most sincere way. It’s very different from how anyone else would do it, but that’s what adaptation is.»

Mit der grösstmöglichen Kelle angerührt

«The Odyssey» ist in mehrfacher Hinsicht phänomenal. Da ist zuvorderst diese audiovisuelle Wucht, die dich in den Kinosessel drückt und nicht mehr loslässt. Nolan setzt dabei mit Kameramann Hoyte van Hoytema und Komponist Ludwig Göransson auf altbewährte Kräfte, die gewohnt zuverlässig liefern. Auch die Soundeffekte überwältigen: Die Welle, die über ein Schiff walzt, der Zyklop, der die Höhle verbarrikadiert oder nur ein Donnergrollen; es tönt oft, und wenn, dann meist laut, hektisch und doch immer der jeweiligen Situation angepasst.

Demgegenüber stehen die leisen Szenen, die dem Film die nötige Tiefe verleihen, um ihn vom Action-Fantasy-Spektakel abzuheben. Denn «The Odyssey» ist weit mehr als das, genauso wie Odysseus mehr ist als der listige und verwegene Sagenheld, wie er gerne dargestellt wird. Wir sehen einen gebrochenen Mann, der sich selbst verloren hat. Einer, der Schuld auf sich geladen hat. Einer, der seine Männer um jeden Preis retten will und sie dabei ins Verderben führt. Das alles erleben wir bei all den bösen Überraschungen zu Land und zu Wasser mit, mit denen es Odysseus und seine Crew zu tun bekommen. Richtig greifbar wird es indes erst in seinen Gesprächen mit Calypso (Charlize Theron), Circe (Samantha Morton), Athene (Zendaya) oder den Toten.

Why so serious?
Why so serious?
Quelle: Universal Studios

Dass Odysseus in der Psychologie und Psychiatrie oft als Prototyp für einen Kriegsveteranen mit Posttraumatischer Belastungsstörung dient, kommt nicht von ungefähr. Christopher Nolan schält das in seiner Vision nach und nach bis auf den Kern herunter. Das macht die mythische Figur nahbar, menschlich, verletzlich. Eine grosse Rolle spielt dabei das Gesetz des Zeus, das heilige Gebot der Gastfreundschaft.

Apropos Zeus: Die Götter kommen – mit Ausnahme von Athene – in «The Odyssey» physisch gar nicht vor, wenngleich viel über sie gesprochen wird. Sie manifestieren sich als Naturgewalten und sind dadurch doch immer präsent. Das passt zu Odysseus, einem Mann, der sich von den Göttern lossagt – und sich ihnen doch nie ganz zu entziehen vermag.

Dass das alles bei den Zuschauenden auch so ankommt, verdanken wir Matt Damon, der Odysseus hervorragend spielt. Überhaupt: Im stargespickten Cast von «The Odyssey» liefern alle ab. Niemand fällt unangenehm auf oder wirkt deplatziert, alle haben genau die richtige Rolle. Einige Namen habe ich schon erwähnt, hier sind weitere: John Leguizamo, Mia Goth, Elliot Page, Jon Bernthal, Lupita Nyong’o, Himesh Patel, Benny Safdie.

Du magst Robert Pattinson nicht? Sein Antinoos lehrt dich, ihn zu hassen.
Du magst Robert Pattinson nicht? Sein Antinoos lehrt dich, ihn zu hassen.
Quelle: Universal Studios

Dass Christopher Nolan am liebsten ohne computergenerierte Effekte und Green Screen dreht, ist bekannt. Für «Tenet» (2020) etwa liess er eine echte Boeing 747 in die Luft jagen. Auch in «The Odyssey» verzichtet er auf digitale Effekte, wo er nur kann. Gedreht hat Nolan während rund drei Monaten unter anderem in Griechenland, Marokko, Italien und Island. Um die Szenen auf hoher See einzufangen, mussten die Beteiligten erst lernen, richtig zu rudern. Auf einem echten Schiff im Mittelmeer. Der riesige Zyklop wiederum wurde mit einer Mischung verschiedener Techniken von Animatronik bis Puppenspiel zum Leben erweckt.

Dazu kommt: «The Odyssey» ist der erste Film, der ausschliesslich mit 70-mm-IMAX-Kameras gedreht wurde. Das sei schon lange sein Ziel gewesen, sagt Nolan in Interviews. Das IMAX-Format ermöglicht eine aussergewöhnlich hohe Bildqualität. Weil die Kameras aber gross, schwer und laut sind, stand die Crew vor grossen Herausforderungen. Herausforderungen, die sie allesamt bewältigt hat, wie der fertige Film zeigt. Die Mühen und die Produktionskosten von rund einer Viertelmilliarde Dollar haben sich jedenfalls gelohnt. Die 172 Minuten vergehen wie im Flug. Ich hätte mir sogar gewünscht, dass Nolans Odysseus wie bei Homer noch die eine oder andere Insel mehr ansteuert.

Ich durfte «The Odyssey» in einem IMAX-Kino erleben. Dasselbe empfehle ich dir. Um dem Film auch in Bild und Ton gerecht zu werden, braucht es die grösstmögliche Leinwand und das beste Soundsystem. Genau wegen solcher Filme sollte es Kinos noch lange geben.

Brennen muss Troja!
Brennen muss Troja!
Quelle: Universal Studios

Fazit

Christopher Nolan schafft Kino, das sich selbst übertrifft

Homers «Odyssee» ist grosse Erzählkunst. Eine der ältesten Geschichten, die schriftlich festgehalten wurde. Dass auch Christopher Nolan zu den grossen Geschichtenerzählern seiner Zeit gehört, beweist er mit seiner Interpretation eindrücklich. Er setzt dafür auf einen brillant besetzten Cast und eine Bild- und Tongewalt, die ihresgleichen sucht. Die 172 Minuten Laufzeit habe ich «The Odyssey» nicht angemerkt – mir war zu keiner Sekunde langweilig. Am liebsten hätte ich sogar noch mehr Zeit in Nolans Vision verbracht.

Das monumentale Epos enthält alles, was die griechischen Sagen, die ich schon als Kind geliebt habe, ausmacht: Monster, übernatürliche Wesen, Schlachten, Intrigen. Trotzdem vergisst der Film nie, um was es im Kern geht: um einen Menschen auf offensichtlicher Irrfahrt, der den Weg zu sich selbst finden und sich seinen Taten stellen muss.

Titelbild: Universal Studios

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Ich bin Vollblut-Papi und -Ehemann, Teilzeit-Nerd und -Hühnerbauer, Katzenbändiger und Tierliebhaber. Ich wüsste gerne alles und weiss doch nichts. Können tue ich noch viel weniger, dafür lerne ich täglich etwas Neues dazu. Was mir liegt, ist der Umgang mit Worten, gesprochen und geschrieben. Und das darf ich hier unter Beweis stellen. 


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