
Was mit ausrangierten Segeln passiert, wenn wenn das Schiff für immer anlegt
Wo die einen segeln, machen sich die anderen Gedanken, was mit kaputten Segeln passiert. Ein Gespräch mit dem Designduo Hannes & Fritz über «Seeking Sails».
Kopenhagen, Juni 2026. Segelboote liegen im Hafen, der Sommer fühlt sich nach Salz und Wind an. Ein paar Gehminuten weiter, in der Schweizer Botschaft, hängt derselbe Stoff. Nur nicht mehr am Mast, sondern an einer Wand- oder Deckenleuchte.
Der Raum selbst wirkt wie eine frische Brise: viel Helligkeit, dazu einzelne Objekte mit beweglichen Elementen, die bei jedem Windzug leicht in Bewegung geraten. Fast so, als hätte der Wind selbst den Weg in die Ausstellung gefunden.


Ein Garten in Hellerup, drei Jahre vor der Eröffnung
Initiiert hat das Projekt namens «Seeking Sails» das Deutsch-Schweizer Designduo Hannes & Fritz. Im Gespräch erzählen die beiden, wie alles begann: an einem Abendessen vor drei Jahren in der Residenz in Hellerup, ausserhalb von Kopenhagen, direkt am Meer.
«Die Idee kam ganz natürlich, sie lag quasi vor dem Garten in Hellerup», sagt Fritz Gräber. «Die Segelboote vorbeifahren zu sehen, war ein derart poetisches Bild, wir mussten einfach damit arbeiten.» Beide sind mit Wasser verbunden: Gräber wuchs am Zürichsee auf, Boote gehörten von klein auf dazu, und beide gehen gerne fischen.
Wenig später kam von der Botschaft das Angebot, dort tatsächlich etwas gemeinsam zu realisieren. Für das Duo der Startschuss für «Seeking Sails».
Zwölf Studios, ein offenes Briefing
Für beide war «Seeking Sails» auch persönlich ein Novum: Zum ersten Mal übernahmen sie als Studio gemeinsam die kuratorische Rolle einer ganzen Ausstellung. Nicht nur als Produktdesigner, sondern als Projektleiter im Hintergrund. Sechs Studios aus der Schweiz und sechs aus Dänemark gingen mit an Bord, dazu die beiden Industriepartner Zünd Systemtechnik und VM Sailmakers Stephan Fels.
Die Briefings, im Oktober 2025 verschickt, waren bewusst offen gehalten, etwa «Seating», «Office» oder «Surface» statt konkreter Produktvorgaben. «Es war uns wichtig, dass jede und jeder macht, worauf sie oder er Lust hat», so Johannes Breuer.
Die Schweizer Produktdesignerin Noelani Rutz etwa widmet sich dem Thema Verbindung übers Verknüpfen. Ihre Storage-Tasche «An Ode to Knots» versteht den Knoten als praktische Geste und gleichzeitig als Symbol, fürs Festhalten, Halten, Sichern. Angelehnt an nautische Praktiken und zeremonielle Rituale, trägt jede Schlaufe eine Spur kultureller Erinnerung in sich.

Bei der Auswahl legten Hannes & Fritz Wert auf Durchmischung, nicht nur national, sondern auch, um bewusst mehr weibliche Positionen einzubringen.
Der Zufall, der zum Vorteil wurde
Eine der spannendsten Entdeckungen des Projekts liefert die dänische Designerin Maria Bruun, die sich für ihr Briefing «Storage» für die minimalste denkbare Lösung entscheidet: einen Haken. Beim Verarbeiten des gebrauchten Segeltuchs stösst das Team dabei auf einen unerwarteten Vorteil des Altmaterials.

Neue Segel sind mit Silikon beschichtet, damit Regen und Schmutz gut abperlen. Diese Schicht lässt sich kaum verkleben, es gibt nur wenige Kleber, die darauf haften. Bei gebrauchten Segeln ist die Beschichtung durch Wind, Sonne und Salzwasser jedoch grösstenteils abgetragen. «Dadurch liessen sich die Wandhaken plötzlich mit ganz normalem, natürlichem Bindemittel verkleben, ganz ohne aggressive Chemie», so Gräber. Ein Vorteil, an den zuvor niemand gedacht hatte.
Als Segel lässt sich das Material laut Gräber nur etwa fünf bis acht Jahre nutzen, bevor es abgetakelt wird. Sonne, Wind und vor allem Salzwasser setzen ihm zu. Untauglich für die See heisst aber nicht automatisch kaputt: Oft ist nur die äusserste Schicht eines Segels wirklich verschlissen, wenige Zentimeter weiter innen ist der Stoff noch tadellos. Für die Weiterverarbeitung nutzt das Team genau diese intakten Zonen, vergleichbar mit einem alten Stück Holz, bei dem man die oberste Schicht abhobelt und den Kern weiterverwendet.
Höhenverstellbar, gefaltet, vernäht
In der Ausstellung finden sich auch mehrere Leuchten, darunter die reduzierte Wandleuchte «Mast Light» von Daniel Schofield aus Kopenhagen. Ein einfacher Streifen Tuch an einem Metallgerüst, höhenverstellbar wie eine Castiglioni-Leuchte, kommt laut den Kuratoren besonders gut an, gerade weil sie so reduziert und «fertig» wirkt.


Das in Kopenhagen ansässige Designstudio Aspekt Office will mit der Clipper-Tischleuchte das Gefühl eines Segels im Wind einfangen: ein einzelnes Stück Stoff, seitlich vernäht, mit einer offenen Oberkante, die sich natürlich bewegt. Der zylindrische Stahlsockel übernimmt dabei die Rolle des Mastes.

Weniger laut, aber umso cleverer: das Projekt der Schweizerisch-französischen Designerin Julie Richoz aus Paris. Für ihren Korb näht sie zwölf identische Panels zusammen, ganz ohne zusätzliches Gestell, die Steifigkeit entsteht allein durch die Naht. Eine umlaufende Falte am oberen Rand dient gleich als Griff. Ein Segel, das seine Reise über die Weltmeere hinter sich hat, wird so zum Behälter, der einfach nur noch Dinge festhält.

Warum alles Weiss ist
Auffällig an der ganzen Ausstellung: Fast alle Objekte sind weiss gehalten, obwohl Segeltuch, man denke an Drachensegel, eigentlich in vielen Farben existiert. Das war eine bewusste kuratorische Entscheidung. «Wenn wir alle Objekte in Weiss gestalten, legen wir einen Filter über das Ganze», so das Studio. Das hält die zwölf sehr unterschiedlichen Positionen visuell zusammen, macht sie zu einer Familie.
Auch Anna Søgaard greift das maritime Thema auf, allerdings über die Sitzgelegenheit: Ihr Doppelkissen ist von klassischen Kapok-Kissen auf Segelbooten inspiriert, dank Griff und Faltmechanismus leicht zu transportieren.

Farbe kommt bei den weissen Objekten punktuell noch in Akzentnähten oder Details vor. Der Entscheid entstand im Dialog mit den Designerinnen und Designern, von denen viele ohnehin Weiss bevorzugten.
Ein Trend mit Rückenwind
Ob es sich beim aktuellen Fokus auf Segeltuch um eine kurzlebige Designlaune handelt, lässt sich schwer sagen. Das Duo selbst hat beobachtet, dass das Material in der Branche gerade eine Art Hype erlebt, auch andere Marken hätten kürzlich Produkte daraus lanciert. Ein «Freitag für Segel» im grossen Stil ist aber noch nicht in Sicht.
Wie's weitergeht
Wohin die Reise als Nächstes geht, steht noch offen, klar ist aber das Ziel: Die zwölf Objekte sollen eine nächste Station finden, im Idealfall ein Museum oder eine Galerie. Nicht um dort zu bleiben, sondern um weiterzusegeln. Aktuell ist das Team auf der Suche nach dem passenden Ort.
Beim nächsten Segeltörn werde ich wohl kurz an Kopenhagen denken, wenn das Tuch im Wind flattert. Nicht mehr nur als Stoff, der einen vorwärtsbringt, sondern als Material mit einem zweiten Leben.
Wie ein Cheerleader befeuere ich gutes Design und bringe dir alles näher, was mit Möbeln und Inneneinrichtung zu tun hat. Regelmässig kuratierte ich einfache und doch raffinierte Interior-Entdeckungen, berichte über Trends und interviewe kreative Köpfe zu ihrer Arbeit.
Vom neuen iPhone bis zur Auferstehung der Mode aus den 80er-Jahren. Die Redaktion ordnet ein.
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