
Hintergrund
Ausprobiert: Linux auf einem Mac mit Apple-Silicon-Chip
von David Lee

1984 kam der erste Macintosh heraus. Meine persönlichen Erfahrungen begannen wenig später – mit Nachfolgemodellen, die fast gleich aussahen. Zum 50-jährigen Jubiläum von Apple schwelge ich in Erinnerungen und nehme meinen Macintosh SE/30 in Betrieb.
Wenn der Macintosh SE/30 aufstartet und das Icon mit dem lächelnden Mac zeigt, dann lächle auch ich. Eine längst vergessene Erinnerung aus meiner Jugendzeit wird wach. Erstaunlich, wie sich das alles im Langzeitgedächtnis eingeprägt hat: Das «Bing» des Startups und der Start des Lüfters, kurz darauf das Knistern der Festplatte und die schrittweise Anzeige der Systemerweiterungen, bevor dann der Desktop erscheint. Auch die Geräusche beim Einlegen, Lesen und Auswerfen einer Diskette bleiben unvergesslich.
Den obigen Absatz habe ich geschrieben, bevor ich meine alte Kiste hervorgeholt, entstaubt und aufgestartet habe. Die Realität ist etwas weniger toll: Neuerdings funktioniert die Tonausgabe nicht mehr richtig. Sowohl über den Lautsprecher als auch über den Kopfhörer. Nun ja, bei einem über 35 Jahre alten Gerät können solche Dinge passieren.
Der erste Macintosh 1984 hatte eine ikonische Form: Ein Würfel mit eingebautem Röhrenbildschirm, 9 Zoll winzig und schwarzweiss. 512 × 342 Pixel. Im Inneren ein Motorola-Prozessor. In den darauffolgenden Jahren brachte Apple diverse weitere Modelle heraus – immer ein bisschen besser, aber immer mit dem gleichen Prinzip. Apple verkaufte noch bis 1993 Würfelmacs mit Monochrom-Bildschirm.
Der SE/30 erschien 1989 und hatte als erster Würfelmac keinen Motorola 68000, sondern den wesentlich schnelleren 68030 eingebaut. Dazu einen Co-Prozessor, nicht weniger als acht RAM-Steckplätze und diverse Möglichkeiten für Erweiterungen. Es ist der mit Abstand leistungsfähigste Mac in der ursprünglichen Bauform. Ich habe ihn in den Nullerjahren für 50 Franken auf ricardo.ch gekauft und anschliessend blau angestrichen, weil er stark vergilbt war.
Damals ersteigerte ich auch einen Macintosh Classic und strich ihn ebenfalls an. Der startet allerdings seit längerem nicht mehr auf. Für Ersatzteile kaufte ich mir noch einen dritten Würfelmac. Sein leeres Gehäuse wartet seit Ewigkeiten darauf, dass ich endlich mein Modding-Projekt in Angriff nehme: ein kleiner Flachbildschirm dran und im Innern ein Mac Mini oder Raspberry Pi.

Ich bin Jahrgang 1976, wie die Firma Apple. In meiner Kindheit und Jugend spielte der Macintosh eine wichtige Rolle: Er wurde an Schulen verwendet, und mein Vater war Lehrer. Staunend sass ich als Zwölfjähriger im Lehrerzimmer zum ersten Mal an einem Macintosh. Mit seinem externen Zweitbildschirm konnte der Computer eine A4-Seite im Hochformat darstellen. WYSIWYG, what you see is what you get. Dass man schon am Bildschirm sieht, wie eine ausgedruckte Seite aussehen wird, war damals ungewöhnlich. Ich malte mit der Spraydose und dem Bleistift in MacPaint, tippte etwas in MacWrite und klickte extra neben die Warndialoge, um den «Kling-Klonk»-Warnton immer und immer wieder zu hören. In diesem Lehrerzimmer, das nach Matrizen und abgestandenem Zigarettenrauch roch, tippte ich Texte für eine sehr kurzlebige Schülerzeitung (eine Ausgabe) ein.
Zu Hause hatten wir keinen Computer, doch wenig später kaufte sich mein Vater einen Macintosh SE. Es kam nichts anderes in Frage. Nicht einmal die Disketten waren zur DOS- und Windows-Welt kompatibel.
Ich war etwas neidisch auf meinen Nachbarn mit seinem eigenen Amiga 500. Der hatte Hunderte von Spielen, natürlich alle in Farbe, alle von einem anderen Schüler für einen Franken abgekauft. Da konnte der Mac mit seinem winzigen Schwarzweissbildschirm nicht mithalten. Soundtechnisch war der Macintosh jedoch für die damalige Zeit sehr weit. Es gab auch ein paar coole Games, etwa «Dark Castle», «Shufflepuck Cafe,» «Pirates», «Lode Runner,» «Crystal Quest» oder «Shadowgate» – ein Adventure, bei dem man bei jedem kleinsten Fehler sofort tot war. Hier ein paar Impressionen des Spiels «Shufflepuck Cafe».
Im Gymnasium belegte ich einen «Schreibmaschinenkurs», um das Zehnfingersystem zu lernen. Nachdem ich den ersten Teil tatsächlich auf einer IBM-Schreibmaschine absolvierte, fand der zweite Teil in einem Zimmer voller Macs statt. Sie waren vom Modell Macintosh Plus und schon damals leicht veraltet. Ihre Tastaturen waren sehr hoch und anstrengend zum Tippen. Trotzdem fand ich das alles toll. Die Macs waren über ein AppleTalk-Netzwerk verbunden. Dieses war so langsam, dass es mehrere Minuten dauern konnte, einen Ordner auf dem Fileserver zu öffnen. Dafür liessen sich über dieses Netzwerk Nachrichten wie «Ein Systemfehler ist aufgetreten» verschicken, was unsere schabernacksüchtigen Teenagerherzen höher schlagen liess. Genauso wie die Software ResEdit, mit der sich zum Beispiel der Papierkorb zu einem WC umgestalten liess – inklusive Spülgeräusch beim Entleeren. Ein weiterer beliebter Streich bestand darin, das System so zu ändern, dass bei jeder Tastenberührung ein lautstarkes «Halleluja!» erschallte.
Mit 19 oder 20 bekam ich einen ausgemusterten Würfelmac geschenkt. Mein erster eigener Computer! Zwar völlig veraltet, aber zum Schreiben von Schularbeiten reichte es – und mir waren die Monochrom-Knubbel mittlerweile ans Herz gewachsen. Grösster Nachteil: Man kam damit nicht ins Internet.

Faszinierend finde ich, wie wenig Speicherplatz alles braucht. Das Spiel Dark Castle hat auf einer 800-KB-Diskette Platz, inklusive Betriebssystem – dieses ist gerade mal 40 KB gross. Auch ein voll ausgewachsenes Betriebssystem findet auf einer Diskette Platz. Photoshop braucht 728 KB. Auf meinem modernen Rechner benötigt die gleiche Software 5,29 GB. Die 120 MB der Festplatte – offensichtlich eine nachträgliche Aufrüstung – fühlen sich dadurch an wie heute 10 TB. Egal, wie viel ich speichere, die Disk wird nie voll.
Das Jahr-2000-Problem kam bei den Macs 20 Jahre später. Der interne Kalender der alten Mac-Systeme endet am 31. Dezember 2019. Neuere Daten können nicht angezeigt werden; die Uhr springt zurück auf den 1. Januar 1920. Mit dem Tool SetDate lässt sich das beheben – sofern man es schafft, das Tool auf den alten Mac zu bringen und dort zu entpacken.
Könnte ich mit einem so alten Mac im Jahr 2026 noch etwas Sinnvolles anstellen? In Frage kommen nur Office-Arbeiten, für alles andere ist die Leistung zu schwach. Damit das halbwegs nützlich ist, muss ich die Dokumente auf einen modernen Rechner übertragen. Standardmässig, also ohne irgendwelche Netzwerk- oder SCSCI-Erweiterungen, geht das nur mit Disketten.
Ich versuche, ein Word-Dokument und eine Bilddatei zu erstellen und diese dann auf einem modernen Rechner zu öffnen, um sie weiterzubearbeiten oder zu versenden.
Zuerst verfasse ich ein Word-Dokument. Das geht einfach, angenehm und schnell. Word befand sich damals in einer guten Phase. Es hatte schon viele Funktionen wie Tabellen oder Absatzformate, aber noch keine Funktionitis – keine Autokorrektur, die «MHz» in «Mhz» ändert oder nach Abkürzungen gross weiterfährt, und ähnlichen Quatsch.
Dann kommt ein Systemabsturz aus heiterem Himmel. Die berühmt-berüchtigte Bombe.

Ich erinnere mich: Das war früher normal. Bei einem Programmfehler stürzt nicht die Anwendung ab, sondern das ganze System, und der Computer muss neu gestartet werden. Es wird auch nichts wiederhergestellt. Das Zeug ist einfach weg, wenn du nicht regelmässig speicherst.
Als Bilddatei mache ich ein paar Screenshots. Das geht auf dem alten SE/30 ähnlich wie heute: Mit ⌘+Shift+3. Fertig.
Nun kommt der knifflige Teil. Als alter Nostalgie-Nerd habe ich natürlich ein Diskettenlaufwerk mit USB-Anschluss. Doch welche Ironie: Das Apple-eigene Diskettenformat können heutige Apple-Rechner nicht lesen, das DOS-Format hingegen schon. Noch lustiger: Auf Windows würde es vermutlich gehen – in der Vergangenheit klappte das jedenfalls mit dem Tool TransMac.
Glücklicherweise ist auf dem System des SE/30 eine Erweiterung namens «PC Exchange» installiert. So kann ich eine DOS-Diskette zum Austausch verwenden.

Das klappt aber nur mit Daten, nicht mit Programmen. Der Grund dafür ist eine Besonderheit im alten Apple-Dateisystem: Es gibt eine Data Fork und eine Resource Fork. Da andere Dateisysteme das nicht kennen, geht die Resource Fork beim Kopieren verloren. Eine Textdatei hat keine Resource Fork. Alte Mac-Programme schon.
Aber auch bei der Übertragung der Dateien läuft nicht alles glatt. Es zerschiesst mir die Dateinamen: «Word-Dokument» wird zu «!WORD-DO.KUM». Bei den Screenshots findet der Mac, das seien ausführbare Unix-Dateien. Ich benenne also alles um und hänge die Dateierweiterungen .doc und .pict an.
Das aktuelle Word kann das alte Word-Dokument nicht öffnen und findet, ich solle es mit Apples TextEdit versuchen. Die Ironie wird zum Running Gag. TextEdit öffnet es, stellt es aber falsch dar. Das RTF-Dokument hingegen kommt gut, sogar die Tabelle wird korrekt dargestellt. Nur die Absatzformate gehen verloren, weil das im RTF-Format nicht vorgesehen ist. Das Textfile kann ich ebenfalls ohne falsche Sonderzeichen lesen.

Die Vorschau zeigt bei allen Screenshots eine weisse Fläche. Mit Photoshop kann ich die Bilder aber öffnen und in GIFs oder sonst etwas konvertieren. Das Resultat:

Aber natürlich habe ich dieses Gerät nicht zum produktiven Arbeiten hervorgeholt, sondern aus reiner Nostalgie. Es erinnert mich an die Zeit, als ich Computer und insbesondere Macs neu, spannend und faszinierend fand. Ich arbeite auch heute noch – oder besser gesagt wieder – mit einem Mac, doch ich habe keine emotionale Verbindung dazu. Es ist für mich bloss ein Arbeitsgerät. Lautlos, unauffällig, und in seiner Perfektion irgendwie langweilig.
Durch Interesse an IT und Schreiben bin ich schon früh (2000) im Tech-Journalismus gelandet. Mich interessiert, wie man Technik benutzen kann, ohne selbst benutzt zu werden. Meine Freizeit ver(sch)wende ich am liebsten fürs Musikmachen, wo ich mässiges Talent mit übermässiger Begeisterung kompensiere.
Interessantes aus der Welt der Produkte, Blicke hinter die Kulissen von Herstellern und Portraits von interessanten Menschen.
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