
Meinung
Die dümmste Schlacht des Jahres: Walter White gegen Sir Duncan
von Luca Fontana

Hättest du mich letzte Woche gefragt, ob Harry Styles was falsch machen kann, hätte ich ohne zu zögern mit nein geantwortet. Ein Wochenende und zwölf neue Songs später bin ich mir da nicht mehr ganz so sicher.
Mein Hobby Nummer Eins ist es, an Konzerte zu gehen. Mein Hobby Nummer Zwei ist es, Popsongs zu grölen. An besagten Konzerten, aber besonders gerne auch in Autos, Küchen, oder schlicht und einfach der richtigen Gesellschaft.
Nun macht mich das keinesfalls zur Musikexpertin – obwohl Spotify mir einst anhand meiner im Jahr gehörten Stunden an Musik attestierte, selbige sei wohl offensichtlich mein Leben. Ganz so weit würde ich tatsächlich nicht gehen. Aber ich bin ein Fan Girl. Von Popmusik. Von Popkultur. Und somit irgendwie gezwungenermassen auch von Harry Styles. Seit er 2017 sein erstes Soloalbum mit dem originellen Titel «Harry Styles» veröffentlichte, verehre ich im Grunde alles an ihm. Seine Musik, seine Frisuren, seine kurzen Running Shorts.
Ich schlafe regelmässig im Merch-Shirt zu seinem zweiten Album «Fine Line» und war mir einst nicht zu schade, an einer Hotelrezeption nachzufragen, ob sie dieses wohl aus Versehen samt der Bettwäsche aus meinem Zimmer entwendet hätten. Sie hatten. Das T-Shirt kehrte in meinen Besitz zurück, meine Nachtruhe war gerettet. 2022 erschien «Harry’s House» und Spotify rechnete mir am Ende des Jahres aus, dass der Brite mal wieder zu meinen meistgehörten Künstlern gehört hatte. Überraschung.
Dann begann eine Pause. Eine Pause, in der Harry mit (damals noch) Gucci-Designer Alessandro Michele durch Rom flanierte, in Berlin (meinem Zuhause!) vor Bäckereien rumstand, durch Tokio joggte und unter dem Pseudonym Sted Sarandos einen Marathon lief. Eine Pause, die gut drei Jahre dauerte.
Am 22. Januar 2026 ist in einem meiner Whatsapp-Chats die Hölle los: Neue Single! Tourdaten! Album im März! «Kiss All the Time. Disco, Occasionally.» Oh mein Gott! In einer kollektiven Welle der Hysterie Euphorie lassen wir eine viel zu lange Wartezeit in virtuellen Schlangen für Konzerttickets in Amsterdam über uns ergehen, buchen Flüge, reservieren Hotelzimmer. Eventuell bestelle ich die Vinyl-Version des Albums vor. Entschuldigung, der Name der Platte ist aber auch einfach zu gut – und überhaupt: Harry ist zurück!

Anderthalb Monate höre ich die erste Single «Aperture» nun rauf und runter. Und liebe sie. Aufrichtig. Ok, dass Harry in seiner Pause hier und da mal etwas LCD Soundsystem gehört haben wird, das denke ich mir schon. Aber man wird sich ja wohl noch inspirieren lassen dürfen … Und, oh Junge, hat der sich inspirieren lassen.
Seit dem 6. März ist es da: Das Album, auf das ich so lange gewartet habe. Das ich mir live in Amsterdam anhören werde. Das ich mir vor Wochen auf Vinyl bestellt habe. Und es ist richtig, richtig gut. Aber es bricht mir auch ein bisschen das Herz.
Schon beim ersten Durchhören kommen mir viel zu viele Songs verdächtig bekannt vor. Und je öfter die Style’sche Stimme durch die Kopfhörer in meine Ohren strömt, umso mehr akustische Déjà-vus überkommen mich. Wo «Aperture» und «Taste Back» noch charmant-entfernt an LCD Soundsystem erinnern, ist die Ähnlichkeit des zweiten Songs «American Girls» zu The Durutti Columns «Future Perfect» fast schon dreist.
Track Nummer drei, «Ready, Steady, Go!» lässt im Anschluss kaum daran zweifeln, dass Harry Styles dem kanadischen Künstler Caribou zugetan zu sein scheint, er dessen Song «Odessa» in den letzten Jahren eventuell zwei-, dreimal zu viel gehört hat. Ebenso wie «Psycho Killer» von den Talking Heads. Denn Harrys «Are You Listening Yet?» ist mindestens eine schmeichelhafte Hommage an die New Yorker New-Wave-Band – und lässt mich schliesslich ein «Ich bin irgendwie enttäuscht» in den Whatsapp-Chat schicken.
Manno. Es hat nun also einen kleinen Sprung, mein Styles-Herz. Weil ich was ganz Grosses erwartet hatte. Etwas, das nach Rom, Berlin und Tokio klingt – und nicht nach Songs, die seit Jahren schon in meiner Playlist zu Hause sind. Läuft «Kiss All the Time. Disco, Occasionally.» trotzdem im Hintergrund, während ich diese Zeilen tippe? Klar. Habe ich trotzdem am Sonntag das «Harry Styles. One Night in Manchester»-Special auf Netflix geschaut? Klar. Fan Girl bleibt Fan Girl. Und vielleicht trägt ja auch ein Harry Styles nachts insgeheim sein Talking-Heads-T-Shirt, weil er darin besonders gut schlafen kann. Ich bin die Letzte, die dafür kein Verständnis hat.
Immer zu haben für gute Hits, noch bessere Trips und klirrende Drinks.
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