
Hintergrund
Weirdcore 2025: Die schrägsten Design-Highlights des Jahres
von Pia Seidel

Zum Weltfrauentag 2026 kein Manifest, sondern fünf Objekte – gesehen bei den Designwochen 2025, noch immer nicht vergessen.
Was macht ein Designobjekt unvergesslich? Nicht immer das Offensichtliche. Manchmal ist es eine Schleife aus Schmiede-Eisen, manchmal ein Glasbehälter, der bewusst aus dem Ruder läuft. Die neuen Designwochen stehen vor der Tür, aber fünf Objekte aus Mailand, Kopenhagen und Zürich vom vergangenen Jahr lassen mich noch nicht los. Alle kommen aus Studios, die Frauen leiten oder gegründet haben.
Was passiert, wenn KI eine Keramikvase formt? Die Zürcher Designerin Yael Anders hat es ausprobiert. Zusammen mit dem Gestalter Tymen Goetsch hat sie ein Projekt entwickelt, das den aktuellen Diskurs rund um KI im Designprozess aufgreift und durchspielt. Ausgangspunkt ist eine handgeformte Keramikvase. Die wird per Photogrammetrie gescannt, ins Digitale übertragen und dort physikalischen Simulationen ausgesetzt – Schwerkraft, Wind, Turbulenz. An einem bestimmten Punkt wird die Form eingefroren, 3D-gedruckt und dann klassisch in eine Keramikform gegossen. «Zu sehen, was bei einer Zusammenarbeit mit Algorithmen rauskommt, war extrem interessant – die Möglichkeiten sind sehr vielfältig», sagt Anders.



Das Resultat ist keine Tech-Demo, sondern ein echtes Objekt mit echter Haltung. Erstmals präsentiert im House of Switzerland in Mailand, war es einer der Beiträge, der eine Antwort liefert und zugleich den nächsten Horizont öffnet. «Es wirft neue Fragen auf, wie wir im Design künftig mit KI zusammenarbeiten können – und experimentiert mit dem, was heute schon möglich ist», findet Anders.
Schleifen aus Schmiede-Eisen. Ja, wirklich. Natalia Ortegas «Bow Collection» für ihr Label Worn Studio sieht aus, als hätte jemand eine Geschenkverpackung in Metall gegossen und das ist absolut als Kompliment gemeint.

Die übergrossen Schleifen dienen als Kerzenhalter und sind gleichzeitig Skulpturen. In echt sind sie schwerer, als sie aussehen, und viel überzeugender als auf dem Foto. Live konnte man sie in der Alcova-Ausstellung in Mailand bestaunen.
Kein Greenwashing. Wirklich nicht. Die mexikanische Designerin Ana Holschneider gründete Caralarga 2014 – mit Baumwollfäden aus einer Textilfabrik in Querétaro, die seit 1846 produziert. Die «Hércules»-Fabrik ist Teil der regionalen Geschichte, und genau das siehst du den Objekten auch an. Der «Frijoles Wall Hanger» ist von Hand geknotet, jedes Stück minimal anders in Mass und Detail. Mit jedem Kauf investiert das Studio in Handwerksgemeinschaften, von denen das Material stammt. Kein Businessmodell mit Nachhaltigkeits-Badge, sondern eines, das von Anfang an so gedacht war. Gezeigt bei The White Label Project an den «3 Days of Design» – einem der ruhigeren, aber stärkeren Momente der Woche.


Murano-Glas, aber so, wie du es noch nicht kennst. Geraldina Bassani Antivari, geboren 1987 in Sorengo, Tessin, lebt und arbeitet in der Schweiz und in Italien. Für die Serie «Insenatura» hat sie mit Glasmeistern auf Murano zusammengearbeitet – und dabei bewusst gegen die Tradition verstossen. Murano steht seit Jahrhunderten für kontrollierte, symmetrische Formen. Bassani Antivari hat den Prozess stattdessen improvisiert und den Fluss des Glases bewusst sich selbst überlassen.


Die entstandenen Objekte kreisen um die Form der weiblichen Brust – ein Symbol, so alt wie die Menschheit selbst, von den Venusfigurinen der Steinzeit bis zur Renaissance. In Glas und Borosilikat umgesetzt, wirken die Stücke organisch, körperlich, roh. Zu sehen waren sie in der Lele Projects Galerie während der Zurich Design Weeks.



Eine Stehleuchte, die Glück bringen soll – und es fast schafft. Das Luzern-Seoul-Studio Wknd Lab, gegründet von Eunji Jun und Halin Lee, hat sich von der koreanischen «Norigae»-Tradition inspirieren lassen: kleine dekorative Anhänger, die traditionell Glück, Wohlstand und Langlebigkeit symbolisieren. Für die «Norigae Floor Light» haben sie viele kleine Quasten zu einer grossen zusammengefügt und damit die Symbolkraft des Originals verstärkt.

«Indem wir die Essenz der ‹Norigae› in Licht übersetzen, möchten wir ihre Bedeutung in etwas Universelleres verwandeln, sodass ihr Segen und ihre symbolische Bedeutung durch Licht vermittelt werden», sagt Eunji Jun. Gefertigt aus Glas und Metall, jedes Stück von Hand gefärbt. In der Good Selection-Ausstellung in Mailand war die Stehlampe einer jener Momente, wo du kurz stehen bleibst und erst mal schaust.
Fünf Objekte, fünf Ansätze. Und alle haben eines gemeinsam: Du vergisst sie nicht so schnell – und willst sie in echt sehen.
Wie ein Cheerleader befeuere ich gutes Design und bringe dir alles näher, was mit Möbeln und Inneneinrichtung zu tun hat. Regelmässig kuratierte ich einfache und doch raffinierte Interior-Entdeckungen, berichte über Trends und interviewe kreative Köpfe zu ihrer Arbeit.
Interessantes aus der Welt der Produkte, Blicke hinter die Kulissen von Herstellern und Portraits von interessanten Menschen.
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