Deine Daten. Deine Wahl.

Wenn du nur das Nötigste wählst, erfassen wir mit Cookies und ähnlichen Technologien Informationen zu deinem Gerät und deinem Nutzungsverhalten auf unserer Website. Diese brauchen wir, um dir bspw. ein sicheres Login und Basisfunktionen wie den Warenkorb zu ermöglichen.

Wenn du allem zustimmst, können wir diese Daten darüber hinaus nutzen, um dir personalisierte Angebote zu zeigen, unsere Webseite zu verbessern und gezielte Werbung auf unseren und anderen Webseiten oder Apps anzuzeigen. Dazu können bestimmte Daten auch an Dritte und Werbepartner weitergegeben werden.

Instagram @chanelofficial
Hintergrund

Jetzt will uns die Luxusmode sogar das Barfusslaufen verkaufen

Weniger Schuh, mehr Marketing – das scheint die neue Devise von Chanel zu sein. Das französische Modehaus macht selbst aus dem Barfusslaufen ein Statussymbol.

Erst wurden die Sneaker-Sohlen immer dünner, dann gelangten Zehenschuhe in den Mainstream. Dass die US-Rapperin Doechii kürzlich ganz ohne Fussbekleidung über den roten Teppich der Met Gala spazierte, deutet nun die nächste Phase an. Die Mode dürfte den Barfuss-Trend künftig wortwörtlich nehmen – und den Schuh gleich ganz weglassen. Das Problem daran: Barfusssein lässt sich nicht verkaufen. Oder etwa doch?

Ein Schuh, der gar kein Schuh mehr ist

Chanel zeigte im Rahmen der Cruise-Kollektion 2026/27 einen Schuh, der mit der klassischen Definition des Begriffs nur noch lose verwandt ist: ein Lederstück mit Absatz, das lediglich die Ferse bedeckt und über dem Spann mit feinen Schnüren festgebunden wird. Der Rest des Fusses bleibt dabei komplett entblösst. Bei solch einer modischen Zuspitzung schreiben sich die Online-Kommentare erwartungsgemäss von selbst. Die Reaktionen auf das Design pendeln dabei zwischen Begeisterung und Bestürzung: Für die einen ist es ein avantgardistischer Befreiungsschlag, für die anderen ein Ticket in die Notaufnahme.

Bei Chanels Barfuss-Sandale ist die Kontroverse vorprogrammiert.
Bei Chanels Barfuss-Sandale ist die Kontroverse vorprogrammiert.
Quelle: Instagram @theprophetpizza

Damit wir bei fast nackten Füssen auch ja an Muscheln im Sand und weniger an Scherben auf Asphalt denken, inszenierte Chanel den Viertel-Schuh fernab der urbanen Realität. Aus offensichtlichen Gründen fand die Modenschau nicht wie die «Métiers d’art 2026»-Kollektion in einer New Yorker Metrostation statt, sondern im Küstenort Biarritz. Die Models flanierten über einen sandfarbenen Teppich, trugen glamouröse Kopfbedeckungen, die an Badekappen erinnerten, dazu muschelförmigen Schmuck, der die Ohren vollständig bedeckte und die Trägerinnen scheinbar in Meeresrauschen einlullte. Hinter den hohen Fensterfronten erstreckte sich der Atlantik. Barfusssein an sich lässt sich vielleicht nicht verkaufen, Gefühle dagegen umso besser.

Der Traum vom ewigen Urlaub

Chanel stellte klar: Die Fersenkappenträgerin führt ein Leben voller Müssiggang, in dem funktionale Schuhe überflüssig sind. Sie muss sich nicht um dreckige Böden scheren, weil sie ihre Füsse auch einfach hochlegen kann – am besten übers Geländer einer Yacht, Pastis-Spritz in der Hand, baskische Brise im Gesicht. Wenn sie doch mal läuft, dann über Sandkörner, die durch ihre Zehen rieseln und Gräser, die ihre Füsse kitzeln. Es spielt also absolut keine Rolle, ob Chanels Schuh überhaupt noch ein Schuh ist. Hier wird kein materielles Produkt vermarktet, sondern der Traum vom ewigen Urlaub.

Chanel Resort 2026/27
Chanel Resort 2026/27
Quelle: Launchmetrics/Spotlight
Chanel Resort 2026/27
Chanel Resort 2026/27
Quelle: Launchmetrics/Spotlight

Ironischerweise würden tatsächlich nackte Füsse es wohl kaum unbehelligt über die Türschwelle eines Chanel-Stores schaffen. Freiheit, Naturverbundenheit, Nacktheit; in der Luxusmode dürfen sie nicht einfach nur existieren, sondern müssen erst in ein ästhetisches Narrativ eingebettet werden. Umgeben von Fake-Sand, Fake-Muscheln und Fake-Meeresrauschen verkörpert Chanels Schuh in dem Sinne nicht das tatsächliche Gefühl des Barfussgehens, sondern eine sauber konstruierte Illusion davon. Performative Authentizität gehört in der Mode schliesslich fast schon zum guten Ton. (Sub)kulturen, Hobbys und selbst Armut werden in konsumierbare Produkte verpackt und als Lebensgefühl vermarktet – idealerweise so zugespitzt, dass es die Leute ebenso an- wie aufregt.

Mode als virales Spektakel

Nach Karl Lagerfeld fehlte es Chanel unter Virginie Viard lange an euphorischer Resonanz. Mit Matthieu Blazy, der seit rund einem Jahr am kreativen Steuer sitzt, soll Chanel nun wieder zum Gespräch werden. Was in unserem Zeitalter meist heisst: zum viralen Post und zur hitzigen Kommentarspalte. Ein erfolgreicher Brand kann heute nicht mehr nur schön und inspirierend sein. Er muss sich auf aktuelle Diskurse beziehen, ironisch und selbstkritisch sein, zum sozialen Spektakel werden. Hauptsache die Leute reagieren – egal ob mit Schaum vor dem Mund oder mit Herzchen in den Augen.

Die Online-Präsenz eines Brands lebt längst nicht mehr nur von seiner zahlenden Kundschaft, sondern von einem digitalen Publikum, das kommentiert und vermeintliche Relevanz erzeugt. Wer die Referenzen und Botschaften eines Brands zu verstehen glaubt, fühlt sich als Teil eines eingeweihten Zirkels, meint zu sehen, was andere nicht sehen. Die Exklusivität der Luxusmode definiert sich somit nicht nur über Besitz, sondern auch über kulturelles Kapital. Bei Chanels Nicht-Schuh zählt längst nicht mehr nur, ob er schön oder praktisch ist. Entscheidend ist vielmehr, ob man das Konzept, die angebliche Ironie dahinter zu entschlüsseln weiss. Ganz im Sinne von: «If you get it, you get it» – wer’s checkt, der checkt’s. High Fashion wird so zur Kunstform stilisiert, die interpretiert und verstanden werden will.

Zählt das überhaupt noch als Schuh?
Zählt das überhaupt noch als Schuh?
Quelle: Instagram @micarganaraz

Wenn selbst Kritik zum Kommerz wird

«Fashion is art» lautete auch der Dresscode der diesjährigen Met Gala. Das Motto verweist auf die enge Wechselwirkung zwischen den beiden Bereichen: Mode ist nicht nur selbst eine Kunstform, sondern dient auch in der bildenden Kunst immer wieder dazu, gesellschaftliche Verhältnisse sichtbar zu machen und zu kommentieren. Die Deutschschweizer Künstlerin Meret Oppenheim zeigte etwa bereits in den 1930ern mit ihrem «Sugar Ring», wie stark Wert von Inszenierung abhängt: Ein billiger Zuckerwürfel erscheint eingefasst in einen goldenen Ring plötzlich wie ein kostbarer Edelstein, obwohl er jederzeit zerfallen oder sich auflösen könnte.

Ein ähnlicher Mechanismus zeigt sich heute in Chanels Fersenkappe. Barfussgehen, eigentlich etwas Kostenloses und Alltägliches, wird durch Luxus-Marketing zum begehrenswerten Statussymbol. Dabei verlieren sowohl der Schuh als auch das Barfussgehen ihre ursprüngliche Bedeutung. Das kann natürlich als subversiver Geniestreich angesehen werden – oder als schamlose Geldmacherei. Mode zeigt letztlich, wie absurd Konsum sein kann und macht genau daraus ein Geschäftsmodell. Selbst Konsumkritik kommt heute wohl mit Preisschild.

Titelbild: Instagram @chanelofficial

5 Personen gefällt dieser Artikel


User Avatar
User Avatar

Hat grenzenlose Begeisterung für Schulterpolster, Stratocasters und Sashimi, aber nur begrenzt Nerven für schlechte Impressionen ihres Ostschweizer Dialekts.


Hintergrund

Interessantes aus der Welt der Produkte, Blicke hinter die Kulissen von Herstellern und Portraits von interessanten Menschen.

Alle anzeigen

Diese Beiträge könnten dich auch interessieren

  • Hintergrund

    Schuh-Debut für X-Bionic: So läuft es sich in den neuen «Terraskin»-Trailrunning-Schuhen

    von Siri Schubert

  • Hintergrund

    Das Outside Magazin testet Trailrunningschuhe: Das sind die Gewinner

    von Siri Schubert

  • Hintergrund

    Goodbye Vapor Glove 6 LTR und Hallo Vapor Glove 6 LTR – wieso den Schuh wechseln, wenn er passt?

    von Kevin Hofer

2 Kommentare

Avatar
later