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Lego
Meinung

Lego predigt Inklusion. Geliefert hat zuerst die Community

Lego verkauft seine Steine gern als Spielzeug für alle. Beim Bauen war das lange eher Behauptung als Realität. Die Geschichte des blinden Lego-Fans Matthew Shifrin zeigt deutlich, wie spät der Konzern Barrierefreiheit wirklich ernst nahm.

Ein aktuelles Porträt der Associated Press erzählt die Geschichte von Matthew Shifrin aus Massachusetts. Er ist blind und hat mit «Bricks for the Blind» zugängliche Anleitungen für mehr als 540 Lego-Sets entwickelt. Das ist nicht nur eine starke Geschichte über Eigeninitiative. Es ist vor allem ein unangenehmer Spiegel für Lego.

Lego positioniert sich nämlich am liebsten als universelles Spielzeug für alle. «Everyone can enjoy building LEGO sets, no matter your age or ability», heisst es etwa auf der eigenen Homepage. Gerade deshalb fällt umso stärker auf, wie sehr das Bauerlebnis in der Praxis lange auf sehende Menschen zugeschnitten war.

Dass ein blinder Fan zuerst zeigen musste, wie zugängliches Bauen für alle – und zwar wirklich alle – überhaupt aussieht, zeigt, dass etwas mit dem Selbstverständnis des Konzerns nicht stimmt.

Matthew Shifrin zeigt, dass Lego auch jenseits klassischer Bildanleitungen zugänglich werden kann.
Matthew Shifrin zeigt, dass Lego auch jenseits klassischer Bildanleitungen zugänglich werden kann.
Quelle: Lego

Ein Spielzeug für alle, aber bitte nur für Sehende

Seit Jahrzehnten basiert das Bauen auf Farben, Perspektiven, kleinen Unterschieden und Bildfolgen ohne Worte. Für viele ist das intuitiv. Für blinde und stark sehbehinderte Menschen hingegen schafft es vor allem Hürden. Genau dort zeigt sich die Lücke zwischen Legos Anspruch und der Realität seiner Anleitungen.

Shifrin beschreibt das Problem sehr konkret. Als Kind liebte er Lego, konnte aber nur mit Hilfe anderer bauen. Erst als ihm eine Freundin eine Anleitung in Braille schrieb, also Blindenschrift, konnte er selbstständig bauen. Später entstand daraus «Bricks for the Blind». Das Prinzip ist simpel: Visuelle Bauanleitungen werden zu Texten, die sich mit Braillezeilen oder Screenreadern nutzen lassen. Genau auf diese Idee hätte Lego viel früher kommen können.

Links die klassische Bildanleitung, rechts die textbasierte Version von «Bricks for the Blind».
Links die klassische Bildanleitung, rechts die textbasierte Version von «Bricks for the Blind».
Quelle: Bricks for the Blind

Der entscheidende Impuls kam von aussen

Lego reagierte erst, nachdem Shifrin das Problem benannt und gleich eine Lösung vorgemacht hatte. Danach startete Lego im Jahr 2019 ein Projekt mit einigen wenigen Audio- und Braille-Anleitungen. Lego sagte damals, dass die breitere Umsetzung erst mit neuer KI-Technologie möglich sein wird.

Inzwischen bietet der Konzern eine offizielle Plattform für Audio- und Braille-Anleitungen an. Dort sind aktuell, sieben Jahre nach dem Start des Projektes, 131 Anleitungen verfügbar. Gemessen an Legos früherer Ambition, langfristig alle künftigen Produktstarts zu unterstützen, wirkt das Angebot noch immer erstaunlich klein.

Neben den Anleitungen gibt es auch noch die «Lego Braille Bricks». Seit 2020 werden entsprechende Bildungssets über die Lego Foundation an Organisationen verteilt, die Kinder mit Sehbeeinträchtigung unterrichten. Das ist gut. Das muss man nicht kleinreden. Aber Fortschritt ist kein Freispruch.

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Barrierefreiheit ist kein Extra

Grosse Marken behandeln Barrierefreiheit noch immer wie ein Extra, das sie erst ergänzen, wenn genug Druck entsteht. Sie verstehen sie nicht als Grundsatz, der von Anfang an zum Produkt gehört.

Wie begrenzt die offizielle Lösung noch immer ist, zeigt auch eine Zahl von WBUR. Demnach veröffentlicht Lego derzeit rund 20 zugängliche Designs pro Jahr. Das ist besser als nichts. Für einen Konzern, der schon 2019 von Automatisierung sprach, bleibt das trotzdem beeindruckend wenig. Wenn eine Community-Initiative gleichzeitig Hunderte Sets zugänglich macht, wirkt das offizielle Tempo nicht wie Führung, sondern wie verspätetes Nachziehen.

Audio- und Braille-Anleitungen helfen dabei, Lego-Sets selbstständiger zu bauen.
Audio- und Braille-Anleitungen helfen dabei, Lego-Sets selbstständiger zu bauen.
Quelle: Lego

Dazu kommt: Selbst eine zugängliche Anleitung löst nicht alle Probleme. Blinde Menschen brauchen beim Sortieren der Steine nach wie vor oft Hilfe von Sehenden, sagt Shifrin. Teilweise helfen dabei Apps, die Bauteile per KI erkennen. Auch das gehört zur ehrlichen Betrachtung. Barrierefreiheit ist nicht erreicht, nur weil irgendwo ein Spezialangebot existiert. Ernst meint ein Unternehmen sie erst dann, wenn es Hürden entlang des ganzen Nutzungserlebnisses systematisch abbaut und nicht nur einen einzelnen Teil des Problems löst.

Ein Fortschritt, der zu spät kommt

Shifrins Geschichte ist deshalb mehr als ein inspirierender Einzelfall. Sie zeigt ein Muster, das viele Branchen kennen. Menschen, die von einem Produkt ausgeschlossen werden, machen die Schwäche sichtbar, entwickeln Lösungen und setzen Unternehmen damit unter Druck. Erst danach folgt die offizielle Erzählung vom Fortschritt.

Die gute Nachricht ist: Es bewegt sich etwas. Die schlechte ist: Lego musste sich das erst von einem Fan vormachen lassen. Wer sich als Marke für alle inszeniert, sollte Barrierefreiheit nicht erst dann ernsthaft vorantreiben, wenn andere die Lösung längst gebaut haben. Genau deshalb ist diese Geschichte kein Feelgood-Stoff, sondern eine Ohrfeige für Legos Selbstbild.

Titelbild: Lego

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Bezahlt werde ich dafür, von früh bis spät mit Spielwaren Humbug zu betreiben.


Meinung

Hier liest du eine subjektive Meinung der Redaktion. Sie entspricht nicht zwingend der Haltung des Unternehmens.

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