Deine Daten. Deine Wahl.

Wenn du nur das Nötigste wählst, erfassen wir mit Cookies und ähnlichen Technologien Informationen zu deinem Gerät und deinem Nutzungsverhalten auf unserer Website. Diese brauchen wir, um dir bspw. ein sicheres Login und Basisfunktionen wie den Warenkorb zu ermöglichen.

Wenn du allem zustimmst, können wir diese Daten darüber hinaus nutzen, um dir personalisierte Angebote zu zeigen, unsere Webseite zu verbessern und gezielte Werbung auf unseren und anderen Webseiten oder Apps anzuzeigen. Dazu können bestimmte Daten auch an Dritte und Werbepartner weitergegeben werden.

© Runter vom Gas
Hintergrund

Mit Kinderzeichnungen gegen Autobahnraser

Für die neue Plakatkampagne auf deutschen Autobahnen haben sich Kinderzeichnungen gegen Leichensäcke und Totenillustrationen durchgesetzt. Sie sind sympathisch – doch zielen die Bilder nicht auf die Falschen?

Nun also Kinderzeichnungen. Das Volk hat entschieden. In einer Online-Abstimmung des Deutschen Verkehrssicherheitsrats haben die bunten Motive den morbiden Themen keine Chance gelassen. Mit «klarem Abstand» lagen sie vor Totenillustrationen und Leichensäcken. Deshalb werden künftig sieben Zeichnungen auf rund 700 Plakatflächen an deutschen Autobahnen an die Vernunft der Vorbeifahrenden appellieren.

Eines von sieben Motiven, das Autofahrende auf eine andere Art erreichen soll.
Eines von sieben Motiven, das Autofahrende auf eine andere Art erreichen soll.
Quelle: © Runter vom Gas

«Rasen ist doof!» – «Abstand halten!» – «Nicht trinken!» – es sind alles Botschaften, die auch in der Schweiz und in Österreich regelmässig die Autobahnen säumen. Weil es nötig ist, die gängigsten Unfallursachen anzusprechen.

Manchmal arbeiten solche Kampagnen mit Schockmotiven. Sie handeln von Unfallfolgen – Tod, Trauer und Kontrollverlust. Oder sie bleiben betont plakativ: Ein freigestelltes Bild von einem Bier oder einem zersprungenen Smartphone, ein kurzer Satz, sekundenschnell zu erfassen.

Die Kinderzeichnungen sind dagegen bunt, fast fröhlich in der Farbgebung – obwohl das Thema ernst ist. Hätte ich vor der Wahl gestanden, hätte ich mich auch dafür entschieden. Gleichzeitig frage ich mich, ob sie die richtigen Köpfe erreichen können.

Die andere Art der Ansprache

Wenn das Plakat nicht wie ein erhobener Zeigefinger neben der Strasse steht, sondern eine kindliche Bitte transportiert, drückt es beim Betrachten andere Knöpfe. Wird das Bild als Kinderzeichnung erkannt, steht im ersten Augenblick weniger die Botschaft als vielmehr die Urheberin im Mittelpunkt: Hier drückt mir nicht die beauftragte Werbeagentur einen Spruch ins Gesicht; hier geht einer Elfjährigen Fehlverhalten im Strassenverkehr gegen den Strich.

Die üblichen Botschaften, anders verpackt: Eine Zeichnung der elfjährigen Talia.
Die üblichen Botschaften, anders verpackt: Eine Zeichnung der elfjährigen Talia.
Quelle: © Runter vom Gas

Solche Bilder eignen sich gut, um Emotionen zu transportieren. «Eindringlicher als durch die Augen der Jüngsten unserer Gesellschaft können wir kaum an die Verantwortung jedes Einzelnen appellieren», lässt sich der deutsche Bundesminister für Verkehr Steffen Bilger zitieren. Da kann ich andocken – und denke doch im nächsten Moment, dass die Botschaft an eine kleine Zielgruppe adressiert ist.

«Liebe Mama, Finger vom Handy!» oder «Liber Papa, Rasen ist doof!» richtet sich an Leute, die ihr Fahrverhalten hoffentlich schon gründlich hinterfragt haben: Mit der Geburt des ersten Kindes wächst laut einer Studie die Angst vor Verkehrsunfällen und das Verantwortungsgefühl wird stärker. Trotzdem passt nur ein Teil der Eltern ihren Fahrstil an. Wer diese Möglichkeit auslässt, hält wohl leider auch allen Plakaten zum Trotz langfristig an seinen schlechten Gewohnheiten fest – und gibt sie oft weiter.

Wie die Eltern, so die Kinder

Der Gasfuss der Eltern beeinflusst, wie die Kinder Jahre später ihre Karriere hinter dem Steuer beginnen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchung aus dem Jahr 2010, bei der 130 Fahranfängerinnen und -anfänger sowie deren Eltern zum persönlichen Fahrstil befragt wurden.

Vier Jahre später folgte eine Studie, für die praktische Fahrdaten auf der Strasse ermittelt wurden. Es zeigte sich: Je riskanter die Eltern unterwegs waren, desto risikofreudiger waren auch ihre Söhne (die Töchter hat man hier aus guten Gründen aussen vor gelassen). Das wird zum Teil an vererbten Persönlichkeitsmerkmalen liegen.

Eigentlich sollten Eltern ein gutes Vorbild sein, im Strassenverkehr klappt das nicht immer.
Eigentlich sollten Eltern ein gutes Vorbild sein, im Strassenverkehr klappt das nicht immer.
Quelle: © Runter vom Gas

Was die Eltern weitergeben und im Strassenverkehr praktisch vorleben, wirkt stärker als jeder gute Rat. Oder als ein Plakat. Wenn es bei den Vätern dafür zu spät ist, wird es deren Kinder noch weniger bekehren können. Dabei ist die statistisch besonders auffällige Gruppe bei schweren Autounfällen nicht die Elterngeneration.

Laut BFU haben junge Erwachsene zwischen 18 und 24 Jahren ein fast dreimal höheres kilometerbezogenes Risiko als 25- bis 64-Jährige, mit dem Auto schwer zu verunfallen. Über 80 Prozent dieser Unfälle sind selbstverschuldet, zwei Drittel der schwerverletzten oder getöteten jungen Erwachsenen sind Männer. In Deutschland zeigt sich ein ähnliches Bild.

Das wahre Ziel ist subtiler

Es wäre schön, wenn Kinderzeichnungen daran etwas ändern könnten. Vermutlich lassen sie sich in den Augen von Zwanzigjährigen einfacher ignorieren als jedes Schockbild. Wären die harten Motive da nicht deutlich wirkmächtiger?

Wenn Papa vom Gas gehen oder Mama das Handy weglegen soll, gehen vermutlich nicht mal die Macher solcher Kampagnen davon aus, mit neuen Plakaten Unbelehrbare zu bekehren. Das würde auch mit dem Bild eines Leichensacks nicht funktionieren.

Meist kennt die Bevölkerung solche Kampagnen gut – und die messbare Wirkung in Form von Verhaltensänderung bleibt gering. Ihre wahre Kraft liegt in der öffentlichen Wahrnehmung, die wiederum das gesellschaftliche Klima beeinflusst. Sie zeigen, was einer breiten Mehrheit wichtig ist.

Kinder statt KI

Sehr gut funktioniert, was schnell im Gedächtnis bleibt – und da könnten die Kinderzeichnungen punkten. Wer sie sieht, wird sich vielleicht nicht an konkrete Motive erinnern, aber die Kampagne und ihr Ziel zuverlässig abspeichern. Sie heben sich von den gewohnten Plakatserien ab. Gefragt ist, was echt wirkt.

Ganz viel Girl Power und ein lächelnder Minister bei der Präsentation der Plakatmotive in Berlin.
Ganz viel Girl Power und ein lächelnder Minister bei der Präsentation der Plakatmotive in Berlin.
Quelle: © Runter vom Gas

Apropos echt wirken: Die Kinderzeichnungen, anhand derer die Teilnehmenden der Umfrage sich für die Kampagne entschieden haben, hat eine künstliche Intelligenz erstellt. Für die öffentliche Abstimmung wurden so beispielhafte Entwürfe erzeugt. Erst danach haben zahlreiche Kinder im Rahmen eines Wettbewerbs zu den Stiften gegriffen.

Die ausgewählten Motive stammen alle von Mädchen: Die Bilder von Ella, Lotta, Maria, Talia, Martha, Sara und Zoe werden künftig an den Autobahnen hängen – und hoffentlich den einen oder die andere zum Nachdenken bringen.

Titelbild: © Runter vom Gas

7 Personen gefällt dieser Artikel


User Avatar
User Avatar

Einfacher Schreiber, zweifacher Papi. Ist gerne in Bewegung, hangelt sich durch den Familienalltag, jongliert mit mehreren Bällen und lässt ab und zu etwas fallen. Einen Ball. Oder eine Bemerkung. Oder beides.


Hintergrund

Interessantes aus der Welt der Produkte, Blicke hinter die Kulissen von Herstellern und Portraits von interessanten Menschen.

Alle anzeigen

Weitere Beiträge aus dem Magazin

Alle anzeigen

Weitere Beiträge aus dem Magazin

4 Kommentare

Avatar
later