
Hintergrund
Was sind Boomer Shooter und warum sind sie plötzlich so populär?
von Philipp Rüegg

«Mouse P.I.» ist eine Liebeserklärung an den Film Noir, 30er-Jahre Cartoons und Retro-Shooter. Die wilde Mischung geht besser auf als Maizena im Fondue. Man muss die schwarz-weisse Cartoon-Optik allerdings mögen.
Wir schreiben die 30er-Jahre. Jack Pepper ist Privatdetektiv, er trinkt zu viel und seine Erfolge sind bescheiden. Da kommt ihm der Fall eines vermissten Zauberers gelegen. Während der Bühnenshow hat sich Magier Steve Bandel in Luft aufgelöst, seither fehlt von ihm jede Spur. Oh und wichtig zu erwähnen: Bandel, Pepper und alle anderen Charaktere in «Mouse P.I.» sind Mäuse in einer schwarz-weissen Cartoonwelt. Aus der Ego-Perspektive ermittle ich in einem Fall, der sich zunehmend verstrickt.
Korrupte Polizisten, Kultisten und Faschisten der GMP (Grand Mouse Party) sind involviert, letzteres eine offensichtliche Anspielung auf die GOP (Grand Old Party), wie die US-Republikaner auch genannt werden. Die Polizei verfolgt Spitzmäuse scheinbar ohne Grund, sperrt sie weg und entführt sie. Themen, die höchst aktuell sind. Dabei ist das Spiel schon 2024 vorgestellt worden, vor der zweiten Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten und den Aktionen seiner militanten Einwanderungsbehörde ICE.

Sofort ist klar: Was auf den ersten Blick wie ein Abklatsch der ersten Mickey-Filmen daherkommt, ist in Wahrheit eine bissige Film-Noire-Satire mit Charme, Humor und politischer Message.
Das Maus-Thema und vor allem das Mäuse-mögen-Käse-Thema zieht sich durch die Geschichte wie ein Faden von der Fonduegabel. Das beginnt beim Namen des Protagonisten: Pepper Jack ist ein Käse aus den USA. Statt Alkohol ist Fondue das Suchtmittel der Wahl. Das sorgt teilweise für Schmunzler, wirkt oft aber fad wie ein Luzerner Rahmkäse. Viel erfrischender sind die popkulturellen Referenzen, die sich sonst im Game verteilen. Die Tommy Gun genannte Thompson-Maschinenpistole im Spiel heisst etwa James Gun, eine Anspielung auf Regisseur James Gunn. Jack kommentiert sein Handeln immer wieder mit Texten bekannter Songs. Sein spontaner Ausruf «Runaway Train, never come back» findet er selbst so schlecht, dass er sich sicher ist, dass niemand diese Zeilen je kopieren wird. Tja…
Und dann wären da die schier endlosen Referenzen auf Cartoons von Disney, Looney Toons und Konsorten. Klaviere und Ambosse zerquetschen Gegner, ein Besen weist uns den Weg, als wäre er dem Zauberlehrling aus Fantasia entwischt. Und in einer Szene isst Jack eine Dose Spinat, um dann mit Muskeln wie Popeye blaue Augen zu verteilen.


Spielerisch ist «Mouse P.I.» grösstenteils ein Boomer-Shooter, wie er im Buche steht. Schnelle Action mit Waffen wie Pump-Action, Pistole, Maschinengewehr oder Raketenwerfer steht im Vordergrund. «Doom» lässt grüssen. Verschlossene Türen, zu denen ich den Schlüssel suchen muss oder Fässer, die bei einem Treffer explodieren, sind direkt vom Urvater des Genres geklaut.
Auch die Charaktere in der 3D-Welt sind zweidimensionale Sprites, was sowohl Cartoon- als auch «Doom»-Feeling verstärkt. Hier spielt «Mouse P.I.» seine Stärken aus. Es ist immer wieder toll, einer Faschisten-Maus mit der Pinselreiniger-Pistole das Fleisch von den Rippen zu ätzen, bis nur noch das klappernde Skelett übrig ist.
Richtig abgefahren sind die Boss-Kämpfe, die meist am Ende der Levels warten. Oft erfordern sie eher Geschicklichkeit und Strategie statt dumpfem Ballern. Der Cartoon-Stil kommt dort voll zur Geltung, die Bosse sind wunderschön animiert, die Kämpfe toll choreografiert. Untermalt ist alles von einem epochengemässen Swing-Soundtrack, den ich noch Stunden nach dem Zocken vor mich hin summe.

Einen Hauch Moderne gibt es dann schon: Die Waffen lassen sich upgraden, es gibt ein lustiges Mini-Game mit Baseball-Karten, weil das seit Gwent in «The Witcher 3» zum ABC des modernen Gamedesigns gehört, und es lassen sich Sidequests erfüllen. Ganz so linear wie «Doom» ist «Mouse P.I.» auch nicht. Auf einer Pinnwand verknüpfe ich Hinweise. Habe ich genügend davon gesammelt, schalte ich neue Schauplätze frei, die ich dann nach Belieben mit meinem Auto abklappern kann. Das suggeriert zumindest etwas Freiheit, spielt aber keine Rolle, da die Wahl der Schauplätze keine Auswirkung auf die weitere Story hat.

Das macht «Mouse P.I.» für mich zum fast perfekten Boomer Shooter jenseits der bekannten Pixel-Optik anderer Genrevertreter. Ich mag das Film-Noire-Setting, ich mag die Cartoon-Grafik und ich mag den Erzählstil. Daher ist mir «Mouse P.I.» wie ein Fondue Moitié Moitié an einem kalten Winterabend, von dem ich so lange reinschaufle, bis der letzte Rest Käse aufgeputzt ist.
Pro
Contra
Als ich vor über 15 Jahren das Hotel Mama verlassen habe, musste ich plötzlich selber für mich kochen. Aus der Not wurde eine Tugend und seither kann ich nicht mehr leben, ohne den Kochlöffel zu schwingen. Ich bin ein regelrechter Food-Junkie, der von Junk-Food bis Sterneküche alles einsaugt. Wortwörtlich: Ich esse nämlich viel zu schnell.
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