
«Ted Lasso» ist zurück – und verdammt, ich habe das gebraucht
Ein neues Team, alte Freunde und derselbe unerschütterliche Glaube an das Gute im Menschen: «Ted Lasso» erfindet sich zum Start der vierten Staffel nicht neu. Zum Glück.
Vorsicht: Diese Kritik zur vierten Staffel von «Ted Lasso» bespricht Details aus den ersten beiden Folgen sowie Ereignisse aus den vorherigen drei Staffeln. «Ted Lasso» läuft seit dem 5. August wöchentlich auf Apple TV+.
Die Geschichte, wie «Ted Lasso» entstanden ist, klingt selbst schon wie eine ihrer Folgen. Jason Sudeikis spielte die Figur erstmals 2013 in einem Werbespot für NBC Sports, als Gag darüber, wie wenig Ahnung ein amerikanischer College-Football-Coach vom englischen Fussball hat. Ein Marketing-Sketch. Mehr nicht.
Sieben Jahre später wurde aus diesem Sketch eine Serie, die im August 2020 auf Apple TV+ startete – mitten in einer Pandemie, als sich gerade alle gegenseitig anschrien, ob Masken und Impfungen nun etwas nützen oder ob man mit ihrer Verweigerung fahrlässig handelt. Kaum ein zweites Ereignis der jüngeren Geschichte hat die Welt so sehr gespalten, und diese Spaltung trägt sie bis heute mit sich herum.
Und dann kam dieser Mann mit Schnauzer und Keksdose, der jeden Raum betrat, als wäre er der glücklichste Mensch der Welt, einfach weil er da sein durfte. Das Timing war Zufall. Die Wirkung war es nicht.
«Be curious, not judgmental»
Es gibt eine Szene, die für mich bis heute die ganze Serie in sich trägt. Ted spielt in der ersten Staffel gegen Rupert, den Ex-Mann seiner Chefin Rebecca, eine Partie Darts. Rupert ist arrogant, herablassend und überzeugt, diesen naiven Amerikaner locker abzuräumen. Und Ted lässt ihn genau das glauben. Bis er, kurz vor der letzten Runde, ein Zitat von Walt Whitman zum Besten gibt, das er als Jugendlicher in einer Bar an der Wand hängen sah: «Sei neugierig, nicht wertend.»
Dann trifft er, Wurf für Wurf, mitten ins Ziel.
Was diese Szene so klug macht, ist nicht der Twist. Es ist die Beobachtung dahinter: Rupert hatte Ted von der ersten Sekunde an unterschätzt, weil er ihn nur gewertet, aber sich nie wirklich mit ihm auseinandergesetzt hatte. Genau darauf ruht die ganze Serie. Wer urteilt, bevor er fragt, verpasst fast immer das Wichtigste an einem Menschen.
Das ist die eigentliche Superkraft von Ted, der Figur: Er gewinnt nicht, weil er der beste Trainer ist – taktisch ist er anfangs eine Katastrophe, das gibt die Serie selbst offen zu. Er gewinnt, weil er der einzige Mensch im Raum ist, der wirklich noch zuhört, wenn andere längst mit ihrem Urteil fertig sind.

Quelle: Apple TV
Dieselbe Lektion, nur mit anderen Mitteln, gibt der grummelige Roy Kent in der zweiten Staffel weiter. Als der junge Isaac sich in seinem eigenen Kopf verliert, nimmt Roy ihn mit an seinen alten Spielplatz, dorthin, wo abends die Nachbarschaftskids kicken. Kein Coaching, keine Taktiktafel – nur ein Erwachsener, der einem Jungen wieder zeigt, wie sich Freude anfühlt. Fussball, erinnert Roy ihn, ist im Kern ein Kinderspiel. Sobald man das vergisst, hört man auf, gut zu sein. Und doch schwingt unter dieser Freude immer auch etwas anderes mit: die Angst vor dem Scheitern, der Wunsch, gesehen zu werden und das Bedürfnis, dazuzugehören.
«Football is life», sagt der vor Energie sprühende Dani Rojas passend.
Genau deshalb funktioniert «Ted Lasso» auch für Leute, die keinen Eckball von einem Elfmeter unterscheiden können. Die eigentliche Handlung findet nie auf dem Rasen statt. Sie findet in der Kabine statt, am Küchentisch, im Büro von Dr. Sharon, der Team-Psychologin, wenn Ted zum ersten Mal zugibt, dass hinter seinem Dauerlächeln ein tiefsitzendes Trauma steckt.
Das ist die vielleicht mutigste Entscheidung der Serie: Sie lässt ihren eigenen Helden zusammenbrechen. Ted, der netteste Mann der Welt, der allen anderen predigt, offen und verletzlich zu sein, kann das selbst am wenigsten. Seine Scheidung, sein Vater, der sich das Leben nahm und wegen dessen Tod Ted sein Leben lang eine rasende Wut in sich trug, und seine Angst, genau dieses Muster an seinen Sohn weiterzugeben – all das bricht irgendwann durch die Fassade aus Keksebacken und Sprücheklopfen.
«Ted Lasso» heilt also nicht, indem sie so tut, als gäbe es keinen Schmerz. Die Serie heilt, weil sie zeigt, dass man Schmerz mit Freundlichkeit begegnen kann, ohne ihn kleinzureden. Genau das ist es, was die Menschen meinen, wenn sie sagen, diese Serie fühle sich an wie Therapie: Man sieht plötzlich, wie es ist, wenn einem jemand vorurteilsfrei begegnet, mit Respekt zuhört, selbst wenn er ganz anderer Meinung ist – und versucht, die Sache aus einer anderen Perspektive zu betrachten, statt sie sofort zu werten. Etwas, das die meisten von uns im echten Leben kaum noch erleben, geschweige denn selbst praktizieren.
Zurück in Kansas, zurück nach London
Genau mit diesem Ted holt uns Staffel 4 wieder ab – nur eben an einem gänzlich neuen Ort. Drei Jahre sind vergangen, seit Ted England verlassen hat. Er arbeitet mittlerweile als Assistant Manager in einem Supermarkt in Kansas City, das Trainerdasein längst an den Nagel gehängt. Dann stehen eines Tages Rebecca, Keeley und Higgins vor seiner Tür. Sie wollen ihn zurück nach Richmond holen – diesmal nicht für die Herren, sondern als Trainer der neu gegründeten Frauenmannschaft.
Ted zögert. Sein Sohn Henry und die Annäherung zu seiner geschiedenen Frau Michelle waren der Grund, warum er überhaupt zurückgekehrt ist, und genau diesen Grund will er nicht wieder aufs Spiel setzen. Es ist ausgerechnet seine Mutter, die ihn dann sanft daran erinnert, dass nur ein erfüllter Vater am Ende auch der bessere Vater ist. Ted trifft diesmal also eine andere Entscheidung als beim letzten Mal: Er lässt seine Familie nicht zurück, als er vor seinen Problemen davonlief. Michelle und Henry ziehen diesmal mit ihm nach London.
So beginnt ein neues Kapitel: der AFC Richmond, zweite Liga, kein nennenswertes Budget und nicht einmal eine eigene Kabine. Ein Team, das noch zusammenwachsen muss. Roy Kent trainiert inzwischen die Herren, Coach Beard bleibt zunächst an seiner Seite und muss erst verarbeiten, dass Ted überhaupt wieder da ist. Vertraute Gesichter also, aber eben nicht mehr alle am selben Ort – ein cleverer Soft Reboot, der genügend Ankerpunkte für wiederkehrende Zuschauende bietet, ohne einfach den alten Erfolg zu kopieren.
Curiouser and Curiouser
Die grösste Veränderung trägt aber einen Namen: Alice Chilton, gespielt von Tanya Reynolds, bisherige Assistenztrainerin des Frauenteams. Sie hätte den Posten der Cheftrainerin verdient gehabt und wusste das auch. Stattdessen wird ihr Ted vor die Nase gesetzt, ohne dass sie überhaupt für den Job in Betracht gezogen worden wäre. Ihr erster Instinkt ist, hinzuschmeissen.

Quelle: Apple TV
Bezeichnenderweise trägt die zweite Episode den Titel «Curiouser and Curiouser» – eine Anspielung auf «Alice im Wunderland», die zugleich exakt das Prinzip der ganzen Serie zusammenfasst. Denn genau in diesem Konflikt zeigt sich, wie klug «Ted Lasso» seine eigenen Themen weiterträgt: Alice konfrontiert Rebecca mit der unbequemen Frage, ob sie überhaupt je eine Frau für den Chefposten in Erwägung gezogen habe. Rebecca muss zugeben: nein. Und das, obwohl sie selbst ihr Vermögen investiert hat, um dieses Frauenteam überhaupt möglich zu machen.
Ist Rebecca nun eine Feministin – oder macht sie sich etwas vor, wenn sie glaubt, das Frauenteam aus Überzeugung gegründet zu haben, statt nur, um sich Feminismus auf die Fahne schreiben zu können?
Das ist die Stärke dieser Episode. Sie hält nicht nur Rebecca den Spiegel vor, sondern auch uns Zuschauenden, die ebenso wenig eine Sekunde daran gezweifelt haben, dass natürlich Ted den Job bekommt. Warum eigentlich ein Mann an der Spitze einer Frauenmannschaft? Mit welchen Qualifikationen, ausser Freundlichkeit und Keksen? «Ted Lasso» stellt diese Frage, ohne den erhobenen Zeigefinger zu heben. Niemand bekommt hier vorgeschrieben, was die richtige Position ist. Rebecca reflektiert, ich reflektiere mit ihr – und am Ende bleibt nicht ein moralisches Urteil stehen, sondern eine Frage, die man selbst weiterdenken muss.
Genau so hat diese Serie polarisierende Themen immer schon behandelt: neugierig, nicht wertend.
Ein Anlauf, der sich Zeit lässt
Ganz ohne Reibung kommt die neue Staffel dabei nicht in Gang. Die ersten Minuten widmen sich ausführlich Teds Leben in Kansas, seiner Zufriedenheit auf der einen und seiner Unerfülltheit auf der anderen Seite, bevor das eigentliche Abenteuer überhaupt losgeht. Das Tempo ist gedämpfter, fast zurückhaltend, verglichen mit dem Schwung, mit dem frühere Staffeln eingestiegen sind.
Und ich ertappe mich in diesen ersten Minuten dabei, wie ich mich wehre. Ist das jetzt nicht ein bisschen zu kitschig? Ein bisschen zu overdressed in seinem eigenen Optimismus? Der eigene Zynismus meldet sich zuverlässig zu Wort, kaum dass die alten Vertrauten wieder auf dem Bildschirm auftauchen.

Quelle: Apple TV
Aber dann trifft «Ted Lasso» in seinen besten Momenten trotzdem wieder direkt ins Emotionszentrum, gräbt sich durch genau diesen Zynismus hindurch und schiebt ihn beiseite. Die Gags zünden nach wie vor. Die Wärme fühlt sich nicht aufgesetzt an, sondern verdient. Und spätestens ab der zweiten Episode ist klar: Diese Serie hat ihre Fähigkeit, uns zu heilen, nicht verloren. Sie hat sich nur ein wenig mehr Zeit genommen, um sie wieder aufzubauen.
Bezeichnend, dass mir die Serie auch nach all dieser Zeit immer noch Neues beibringt:
«Football is life? No. Life is so much more than football!»
Ich schreibe über Technik, als wäre sie Kino, und über Filme, als wären sie Realität. Zwischen Bits und Blockbustern suche ich die Geschichten, die Emotionen wecken, nicht nur Klicks. Und ja – manchmal höre ich Filmmusik lauter, als mir guttut.
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