Deine Daten. Deine Wahl.

Wenn du nur das Nötigste wählst, erfassen wir mit Cookies und ähnlichen Technologien Informationen zu deinem Gerät und deinem Nutzungsverhalten auf unserer Website. Diese brauchen wir, um dir bspw. ein sicheres Login und Basisfunktionen wie den Warenkorb zu ermöglichen.

Wenn du allem zustimmst, können wir diese Daten darüber hinaus nutzen, um dir personalisierte Angebote zu zeigen, unsere Webseite zu verbessern und gezielte Werbung auf unseren und anderen Webseiten oder Apps anzuzeigen. Dazu können bestimmte Daten auch an Dritte und Werbepartner weitergegeben werden.

Meinung

Trotz KI: Lern etwas von Grund auf!

David Lee
13-9-2026
Bilder: David Lee

Etwas von Grund auf lernen und verstehen, macht mehr Spass, ist erfüllender und bringt dich weiter. Ein Plädoyer für solides Handwerk und gegen faule Abkürzungen.

Generative Künstliche Intelligenz macht vieles möglich. Du kannst Musik machen, ohne zu wissen, wie man ein Instrument spielt. Ein Video produzieren ohne Kenntnisse in Videoschnitt, Beleuchtung, Inszenierung, Ton- und Sprechtechnik. Grafiken erstellen ohne die leiseste Ahnung von Layout oder Gestaltungskonzepten. Kunstwerke kreieren, ohne je einen Pinsel in die Hand genommen zu haben. Computerspiele entwickeln, ohne eine Zeile Code zu schreiben.

Die Verlockung ist gross, diese Abkürzungen zu nehmen. Ich rate dir aber: Lern etwas, das dich interessiert, weiterhin von Grund auf. Langfristig gesehen hat es nur Vorteile.

Vorteil 1: Es macht Spass

Geht es um eine reine Freizeitaktivität, steht die Freude an der Sache im Vordergrund. Hobbys sind ein Zeitvertreib. Das bedeutet: Es geht in erster Linie um die Tätigkeit an sich, nicht um das Ergebnis.

Wenn ich an meine eigenen Hobbys denke: In einer Band spielen macht grossen Spass, selbst wenn man nicht auf hohem Niveau spielt. Wenn wir das, was wir hören, live in diesem Moment selbst erzeugen, stellt sich ein unschlagbares Gefühl ein. Auf einen Berg zu steigen, den Sonnenuntergang zu geniessen und dabei ein schönes Foto zu machen – ein unvergessliches Erlebnis, auf eine ganz andere Art.

Das Klicken auf einen Generieren-Button ist dagegen etwa so aufregend wie das Akzeptieren einer Cookie-Meldung oder einer Software-Lizenzvereinbarung.

Ich finde es absurd, dass ich meine liebsten Tätigkeiten aufgeben soll, bloss weil irgendeine KI Musik oder Bilder auf Knopfdruck generieren kann. Was mache ich dann mit der «gesparten» Zeit? Doomscrollen?

So stelle ich mir Menschen vor, die dank KI mega viel Freizeit gespart haben.
So stelle ich mir Menschen vor, die dank KI mega viel Freizeit gespart haben.
Quelle: Shutterstock

Im beruflichen Umfeld liegen die Prioritäten anders: Hier zählt vor allem das Ergebnis. Ob du Spass dabei hast, interessiert deinen Arbeitgeber wahrscheinlich nur am Rande. Allerdings gibt es auch bei der Arbeit genug Gründe, auf den flächendeckenden Einsatz von KI-Tools zu verzichten. Dazu später mehr. Und eigentlich ist es auch in der Arbeitswelt falsch, den Spassfaktor zu ignorieren. Denn wer Spass an seinem Job hat, arbeitet besser.

Vorteil 2: Du erlebst etwas

Klar: Auch Hobbys sind nicht immer lustig. Es gibt Leerläufe, die nicht sein müssten. Manche Menschen können sehr anstrengend sein. Hin und wieder kommt es zu Streit. Auch alleine bist du nicht vor Frust gefeit: Etwa, wenn du etwas zum hundertsten Mal versuchst und es einfach nicht richtig hinbekommst.

Aber rückblickend empfinde ich auch die mühsamen Aspekte als Bereicherung und habe nie etwas davon bereut. Es ist sehr wichtig, einmal die Erfahrung gemacht zu haben, dass Schwierigkeiten überwindbar sind. Ansonsten verhält man sich wie ein kleines Würstchen, das bei jedem Mini-Problem in Panik verfällt und sich unter der Bettdecke verkriecht. Und das Gefühl, wenn man etwas scheinbar Unerreichbares irgendwann eben doch schafft, ist unbeschreiblich. Gemeinsam überstandene Krisen können sogar Freundschaften vertiefen und bestärken.

Und jetzt vergleich das mal mit dem uninspirierten Herumklicken in einer KI-Software.

Vorteil 3: Dein Schaffen erfüllt dich mit Stolz

Das Foto auf dem Berg hat viel Anstrengung gekostet – aber genau darum hat es auch einen besonderen Wert. Die Musikstücke, die ich aufgenommen habe, sind wahrscheinlich nicht besonders gut – aber ich hatte nicht nur Spass beim Aufnehmen, ich habe auch später noch Freude an ihnen. Ich bin stolz auf sie.

Für andere ist es ein gewöhnliches Foto von einem gewöhnlichen Sonnenaufgang. Für mich nicht. Die Geschichte hinter diesem Bild werde ich nie vergessen.
Für andere ist es ein gewöhnliches Foto von einem gewöhnlichen Sonnenaufgang. Für mich nicht. Die Geschichte hinter diesem Bild werde ich nie vergessen.

Ähnlich verhält es sich bei meinen amateurhaften Programmierversuchen. Zum Beispiel mit dem ziemlich popeligen Spiel, das ich für den Commodore 64 programmiert habe. Obwohl selbst für diesen Uralt-PC laufend neue Games erscheinen, die viel besser sind als meines, bin ich stolz darauf. Ich hätte dieses Spiel mit KI vermutlich viel schneller hinbekommen. Aber der Stolz darauf wäre drastisch gesunken.

Warum bin ich stolz auf meine mittelmässigen Leistungen? Das weiss ich selber nicht so genau, vermute aber, dass es vielen Menschen so geht. Ein möglicher Grund: Ich messe mich an meinem eigenen Fortschritt und meinen eigenen Möglichkeiten. Nicht daran, was irgendwo auf der Welt irgendein Supergenie macht. Ein anderer Grund: Ich habe eine persönliche Beziehung zu den Dingen, die ich geschaffen habe. Das bringt mich gleich zum nächsten Punkt.

Vorteil 4: Alles trägt deine persönliche Handschrift

Jeder Mensch hat seine eigene Art, zu sprechen, zu schreiben, aber auch Bilder zu malen oder zu singen. Ich finde das schön.

KI-generiertes Zeug wirkt dagegen generisch – genau das ist es ja auch. Zwar kann eine KI auch verschiedene Stile imitieren, aber das ist nicht dasselbe. Erstens kann damit jede Person jeden Stil produzieren, somit sagt das Ergebnis nichts über seinen Urheber aus. Zweitens sind die Imitationen oft schlecht. Der wichtigste Unterschied ist aber, dass mit dem Imitat eines persönlichen Stils nichts auf der Beziehungsebene passiert.

Würdest du die Kinderzeichnung einer KI an den Kühlschrank hängen? Vermutlich nicht. Aber warum tust du es dann bei einem Kind?

Einerseits sicher dem Kind zuliebe, damit es sich wertgeschätzt fühlt. Aber ich glaube, es ist mehr als das. Das Bild gibt einen Einblick, wie das Kind die Welt sieht. Vielleicht bist du selbst auf dem Bild zu sehen. Auf jeden Fall ist die Zeichnung ein Ausdruck einer persönlichen Beziehung.

Dieses KI-Bild würde ich mir auch dann nicht an den Kühlschrank hängen, wenn es realistischer wäre. Denn es hat für niemanden irgendeine persönliche Bedeutung.
Dieses KI-Bild würde ich mir auch dann nicht an den Kühlschrank hängen, wenn es realistischer wäre. Denn es hat für niemanden irgendeine persönliche Bedeutung.
Quelle: Google Gemini

Selbst wenn eine Kreation nichts mit Personen aus deinem Umfeld zu tun hat, ist sie etwas Persönliches: Sie ist das, was du wolltest. Meine Musikstücke haben für mich den Vorteil, dass sie meinen Musikgeschmack richtig gut treffen. So ein Zufall aber auch.

Es ist der Grund schlechthin, etwas selber zu machen: Du bekommst etwas auf dich Zugeschnittenes. Mit KI ist das teilweise schwierig. Bei den meisten KI-Tools hast du keine präzise Kontrolle über das Ergebnis. Der gleiche Prompt erzeugt jedes Mal eine andere Ausgabe.

Am ehesten kann ich mir das Massgeschneiderte noch beim Vibe-Coding vorstellen. Hier kannst du genau sagen, was du willst, und so eine Idee verwirklichen, die du sonst wohl nicht geschafft hättest.

Vorteil 5: Du lernst viel mehr

Nimmst du den mühsamen Weg, lernst du viel mehr, als es auf den ersten Blick scheint. Gitarrenspielen lernen beinhaltete für mich: Spieltechnik, Noten lesen, Harmonielehre, Hörtraining, aber auch: Disziplin und Konzentration, Improvisieren, während dem Spielen auf andere hören, Kritik anbringen und annehmen – und nicht zuletzt lernte ich, wie ich am besten lerne. Eigentlich wäre man im Vorteil, wenn man jung ist, aber ich mache heute schneller Fortschritte beim Gitarrespielen, weil ich besser weiss, wie ich üben muss.

Gut möglich, dass durch die Künstliche Intelligenz gewisse Fähigkeiten in Zukunft weniger gefragt sind. Doch unabhängig davon fühlt es sich für mich einfach gut an, etwas zu wissen oder zu können. Und ich bin optimistisch, dass das Gelernte auch in Zukunft gefragt ist. Gerade auch im beruflichen Umfeld.

Natürlich kannst du im Job deinen Output erhöhen, wenn du für alles Mögliche KI nutzt. Viele Angestellte werden hauptsächlich an der Quantität statt an der Qualität gemessen, weil das einfacher ist. Daher bist du möglicherweise eine Zeit lang anderen gegenüber im Vorteil. Aber langfristig nicht, denn du lernst wenig bei dem, was du tust. Eigentlich vor allem, wie man eine KI promptet. Wenn das dein einziger Skill ist, gehört die Zukunft nicht dir.

Für ein Unternehmen ist es katastrophal, wenn seine Angestellten massenhaft Dinge produzieren, die sie selber nicht verstehen. Es braucht Leute, die wirklich durchblicken. Die keine Kartenhäuser und Luftschlösser produzieren. Leute, die Bullshit schon von weitem riechen. Leute, auf die man sich verlassen kann. Leute, für die AI «Actual Intelligence» bedeutet.

17 Personen gefällt dieser Artikel


User Avatar
User Avatar

Durch Interesse an IT und Schreiben bin ich schon früh (2000) im Tech-Journalismus gelandet. Mich interessiert, wie man Technik benutzen kann, ohne selbst benutzt zu werden. Meine Freizeit ver(sch)wende ich am liebsten fürs Musikmachen, wo ich mässiges Talent mit übermässiger Begeisterung kompensiere. 


Meinung

Hier liest du eine subjektive Meinung der Redaktion. Sie entspricht nicht zwingend der Haltung des Unternehmens.

Alle anzeigen

Weitere Beiträge aus dem Magazin

Alle anzeigen

Weitere Beiträge aus dem Magazin

4 Kommentare

Avatar
later