
Alte Duschen, Unikat-Möbel, geliehene Lieblingsstücke: Highlights der Zurich Design Weeks 2026
Aus der Serie gebrochen, aus der Zeit geholt, aus dem Abfall gerettet: Das Motto «Out Of…» der Zurich Design Weeks 2026 steckte in jedem meiner Highlights. Drei Orte, sechs Ausstellungen – von den stillgelegten SBB-Duschräumen über das House of Interiors bis in ein Bürogebäude im Kreis 5, das bald saniert wird.
Zum fünften Mal haben die Zurich Design Weeks (ZDW) die Stadt zur Design-Bühne gemacht: 165 Programmpunkte an über 50 Standorten, davon allein 62 Ausstellungen. Das Jahresthema «Out Of…» klang erst mal vage – bis ich merkte, wie viele gute Projekte genau davon lebten. Ein Möbelstück, das aus der Serie ausbricht. Ein Teppich, der den Boden verlässt. Abfall, der zum Wohnobjekt wird. Sechs Ausstellungen an drei Orten sind mir besonders geblieben.
Ort 1: Die alten SBB-Duschräume
Out of Place: Dislocated Utility_Objects out of Place
Kacheln, Rohre, Abflüsse, Gebrauchsspuren: Die historischen Duschräume der ehemaligen SBB-Werkstätten sind kein neutraler White Cube. Genau das war der Punkt. Natascha Madeiski und Paulina Reséndiz versammelten hier Positionen aus Design, Kunst und Handwerk, die sich zwischen Objekt, Skulptur und Installation bewegen. Alle Projekte haben ihren gewohnten Kontext verlassen – so wie der Ort selbst seine ursprüngliche Funktion längst verloren hat.





Die feuchte Kachelwelt tat den Objekten gut: Ein Teppich von Thea Kuta und Grrrr wirkte hier wie ein kostbarer Fund am Strand, eine Leuchte von Hanya Leo wie eine elegant schwebende Qualle. Selten zeigt sich so deutlich, wie stark ein Raum verändert, wie wir ein Objekt sehen.
Ort 2: House of Interiors
Neun Ausstellungen unter einem Dach – vier davon haben es in meine Auswahl geschafft.
Out of Series: Nils Nova x Iria Degen Interiors
Iria Degen Interiors steht für Design, das flüstert statt schreit: einfache Formen, zurückhaltende Farben. Dass daraus zwölf laute Einzelstücke wurden, verdankt das Studio dem Künstler Nils Nova. Für «Form, Farbe, Unikat» produzierte das Studio einen Couchtisch aus der IDI Collection in einer eigens entwickelten Zwischengrösse und überliess ihn dem Künstler. Er legte seine Kunst wie ein Kleid darüber. Zwölf Stück, jedes nummeriert und von beiden signiert.



Jeder MDF-Holz-Korpus wird zuerst grundiert und gespachtelt, dann von Hand geschliffen, bis alle gleich geformt sind. «Es ist beeindruckend, dass er weiss, wie viel weg muss, damit alle gleich werden», sagt Livio Brescancin, Member of the Executive Board bei Iria Degen Interiors. «Lack verzeiht dir nämlich keine Unebenheit.» Erst dann kommt die Farbe – gespritzt in der Kabine wie Autolack, aufgetragen ohne Handschuhe.
Das Resultat spielt mit dem Auge: Was wie ein Schatten aussieht, ist Farbe. Was von Weitem wie ein Messingfuss glänzt, ist lackiertes MDF. Ein Video vor Ort zeigte jeden Schritt von der Werkstatt bis zum fertigen Möbel.
Out of Waste: Enga x Iria Degen Interiors
Der Ausgangspunkt dieser Kooperation ist herrlich unglamourös: ein Abfallkübel. Genauer gesagt der Wunsch nach einem, der schön genug fürs Wohnzimmer ist. «Wir suchen schon länger nach schönen Abfallkübeln für unsere Inneneinrichtungsprojekte», sagt Carla Biasotto, Product und Interior Designerin bei Iria Degen Interiors.
Die Form stammt von botanischen Aufnahmen: Blüten, übersetzt in eine ruhige, filigrane Silhouette. «Wir haben unsere eigenen Blumen ausgewählt und damit die Formensprache entwickelt», so Biasotto. Enga setzte die Idee dann um: 3D-Druck aus recyceltem Polypropylen, kombiniert mit Holz- und Flachsfasern, ebenfalls ein Abfallprodukt aus der Holzproduktion. Daraus entstand ein Faserverbundmaterial, das sich nicht nach Plastik anfühlt.



Genau darin lag die Challenge. «Wir wollten vom cheapen Plastik-Look wegkommen», erklärt Biasotto. Oft wird Recyceltes nämlich mit günstig gleichgesetzt. Weil sich dieses Material nicht auswaschen lässt, entwarf das Team den Kübel doppelwandig. Zu sehen war in der Ausstellung ein Zwischenstand, weitergehen soll es unter anderem Richtung Zerlegbarkeit. Das machte den Besuch spannend: jeder Schritt von der ersten Skizze bis zum Objekt, offen ausgelegt.
Out of Tradition: Where the Hand Remembers
Die Myriem Himmich Gallery aus Casablanca war erstmals an den ZDW dabei und zeigte eine Ausstellung zu Laila Fadaouis Teppichlabel Mrirt. Ihre Arbeiten aus Wolle, Leder und Papier hängen an der Wand statt auf dem Boden: Der marokkanische Teppich verlässt sein Terrain und wird zur textilen Skulptur.



Die Knüpftechnik ist die eines klassischen marokkanischen Teppichs – nur bleibt das Ergebnis nicht am Boden liegen, es hängt an der Wand. Handwerkerinnen aus M'rirt im Mittleren Atlas geben dieses Wissen seit Generationen weiter: ein Können, das nicht in Handbüchern steht, sondern in Rhythmus und Handgriffen lebt. Am liebsten berührst du hier alles zuerst, bevor es an die Wand kommt.
Out of Time: Objects of Desire von Nilufar
Nina Yashar hat mit der Mailänder Galerie Nilufar eine der wichtigsten Adressen für Collectible Design aufgebaut. Für Zürich kuratierte sie persönlich eine Auswahl, in der historische Designikonen direkt neben zeitgenössischen Arbeiten stehen: skulpturale Steinformen, glänzendes Metall, zarte Glasarbeiten. Das ist die hochpreisige Ecke des Festivals, aber auch ein gutes Argument dafür, dass gutes Material über Jahrzehnte trägt.





Ort 3: Die Quellenstrasse 27 im Kreis 5
Out of Context: Raw Senses zeigt Selling Sunset
Ein Haus, das über Jahrzehnte Kreative beherbergte und bald saniert wird: Das Zürcher Kuratorenkollektiv Raw Senses nutzte diesen Zwischenzustand für ein Experiment. Hinter der Plattform für zeitgenössisches Design stehen Fabio Hendry, Giovanna Lisignoli, Sarah Quan und Sebastian Vargas.
Kulturschaffende aus Design, Kunst, Journalismus und Kuratorik wurden zu «Temporary Residents». Sie zeigten nicht, was sie geschaffen haben, sondern liehen ein Designobjekt aus ihrem eigenen Zuhause aus: etwas, das sie ausgewählt, behalten und benutzt haben. Genau hier wurde Design nahbar – keine Neuheiten, sondern gelebte und geliehene Objekte.





Auch das Publikum durfte ran, allerdings zu einem Preis. Wer als Guest mitmachen wollte, füllte vorab online einen Fragebogen aus und zahlte eine Gebühr von 199 Franken, unabhängig davon, wie viele Quadratmeter er beanspruchte. Der Ausstellungsbesuch selbst war gratis. Insgesamt standen 325 Quadratmeter zur Verfügung, aufgeteilt in Einheiten von je einem Quadratmeter. Was darauf passierte, entschied jede Person selbst: zeigen, machen, verkaufen, auftreten, sich treffen – die Bandbreite war bewusst offen.
Auf zwei dieser Flächen liess sich das gut beobachten. Kim Pham nahm nur drei Quadratmeter und zeigte eine Baumwolldecke: eine ihrer Fotografien, per Jacquard-Technik in Textil übersetzt. Die blauen Farbverläufe wirkten wie eingefangenes Licht. Auf einer anderen Fläche schimmerten die Gefässe von Yael Anders, als hätte sie jemand aus einem Gletscherbach gefischt: 3D-gedrucktes Aluminium in der Form von Gletschertöpfen. Was Wasser über Jahrtausende ausgewaschen hat, erfasst Anders digital und giesst es in Metall.
Ob stillgelegte Dusche, Galerienluft im House of Interiors oder ein Quadratmeter im Rohbau: Die Zurich Design Weeks 2026 haben gezeigt, dass «Out Of…» kein Konzept-Gag ist, sondern ziemlich genau beschreibt, wo gutes Design gerade entsteht: nämlich dort, wo etwas seinen angestammten Platz verlässt.
Die nächste Ausgabe findet im September 2027 statt. Alle Projekte der diesjährigen Ausgabe lassen sich rückblickend auf designweeks.ch einsehen.
Mit der Begeisterung eines Cheerleaders feiere ich gutes Design und bringe dir alles näher, was mit Möbeln und Inneneinrichtung zu tun hat. Regelmässig kuratiere ich einfache, aber raffinierte Interior-Entdeckungen, spüre Trends auf und interviewe kreative Köpfe zu ihrer Arbeit.
Interessantes aus der Welt der Produkte, Blicke hinter die Kulissen von Herstellern und Portraits von interessanten Menschen.
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