
Castellis «Unlimited Speedsuit» hat Schwächen
Anfang Jahr hat der traditionsreiche italienische Hersteller von Velobekleidung Castelli den «Unlimited Speedsuit» auf den Markt gebracht. Ich habe den für Gravel-Rennen optimierten Aero-Einteiler getestet und bin irritiert.
Ich verzichte hier und jetzt auf mein übliches Wortspiel. Von wegen Bardelli und Castelli und so. Grundsätzlich bin ich ein Fan der Produkte mit dem unverwechselbaren Skorpion-Logo. Zuletzt hatten mich zwei Jacken bezüglich Atmungsaktivität und Kälteschutz überzeugt.
Dasselbe kann ich vom neuen «Unlimited Speedsuit» der Italiener leider nicht sagen. Im Gegenteil. Speziell das Handling der Trinkblase lässt mich einigermassen ratlos zurück. Aber der Reihe nach.
Der Suit
Unter dem Premium-Label Rosso Corsa bündelt Castelli seine Produkte gemäss eigener Aussage für maximale Aerodynamik, Performance und Rennsporttauglichkeit auf World-Tour-Niveau. Bei diesen Top-Produkten soll «jedes kleinste Detail perfektioniert» sein. Und damit liegt die Messlatte dann halt schon recht hoch.

Der Hersteller arbeitet bei diesem Einteiler mit der sogenannten CFD-basierten Material- und Nahtanordnung. CFD steht für Computational Fluid Dynamics und bezeichnet die computergestützte Strömungsoptimierung von Sportbekleidung. Will heissen: weniger Luftverwirbelungen, mehr Aerodynamik bei hohen Geschwindigkeiten. Auch die Schulterpartie ist speziell auf die Reduktion des Luftwiderstands ausgelegt und das von Castelli entwickelte Material am Rumpf soll für Atmungsaktivität, Komfort und Performance sorgen.
Zusammengefasst: Der «Unlimited Speedsuit» ist, der Name sagt es, auf Tempo ausgelegt. Logisch, ist er doch für Gravel-Rennen konzipiert. Soweit, so gut.
Weitere Produktmerkmale
- versiegelte Ärmelabschlüsse für Komfort
- Anti-Rutsch-Einsätze aus Silikon am Bein für den korrekten Sitz der Beinabschlüsse
- Drei Rückentaschen plus Sicherheitstasche mit Reissverschluss
- Trinktasche für 1,5 l-Trinkblase und Schlauchlöcher (Trinksystem nicht inklusive)
Das Sitzpolster
Meine Probleme mit dem Anzug beginnen beim Sitzpolster. Castelli verarbeitet darin das Modell «Progetto X2 Air Seamless». Es handelt sich dabei um eines der Top-Sitzpolster, das auf lange Strecken und professionellen Einsatz ausgelegt ist. Zugegeben: Seit ich mit dem minimalistischen Ansatz des deutschen Brands SQlab in Sachen Velohosen und den dünnen Einlagen vertraut bin, haben es klassische Sitzpolster bei mir schwer.
Es sind zwar «nur» einige Millimeter Unterschied. Das dickere «Progetto X2 Air Seamless» fühlt sich im Vergleich trotzdem wie eine Windel an. Schwierig.

Die Verarbeitung
Qualität hat ihren Preis. Alles klar und fein für mich. Aktuell geistern unterschiedliche Zahlen durchs Netz. Bei uns kostet der «Unlimited Speedsuit» je nach Farbe und Grösse irgendwas zwischen 250 und 350 Franken. Auf der Webseite von Castelli ist er gerade von 369 auf 233 Franken heruntergeschrieben. Aktion, Sommerausverkauf oder bereits End-of-Season-Sale? Keine Ahnung. Auf jeden Fall eine hübsche Summe.
Da erwarte ich auch eine hübsche Qualität. Und hier zeigt sich für mich dann das nächste Problem. Nach gerade mal drei Waschgängen (bei 30 Grad, auf links gedreht, mit speziellem Sportwaschmittel, nicht im Trockner, nicht gebügelt etc.) beginnt bereits die erste Naht an den Beinen auszufransen. Das mag nur ein optisches Detail sein, aber mich stört es. Besonders, weil Castelli den Einteiler unter seinem Premium-Label vermarktet. Wie sieht diese Naht dann wohl nach 50 Waschgängen aus? Oder bin ich jetzt zu pingelig?
Fragen, die ich mir bei dem Preis und der kurzen Nutzungsdauer dieses Einteilers bisher eigentlich gar nicht stellen möchte.

Das Trinkblasen-Problem
Zum Schluss zum grössten Problem des «Unlimited Speedsuit»: die Trinkblase. Und das macht das Ganze aus meiner Sicht fast ein wenig absurd, denn eben diese ist für mich das Hauptargument für einen solchen Anzug. Mindestens 1,5 Liter frisches Wasser in der Trinkblase statt ein halber Liter abgestandenes Nass aus der Plastikflasche. Auf vielen Produktbildern im Netz und auch bei Galaxus ist der Suit mit zwei Laschen abgebildet. Tatsächlich kommt er dann jedoch mit nur einer an der rechten Schulter.
Auf Nachfrage teilt der Hersteller mit, dass der Anzug ursprünglich mit zwei Laschen geplant war, «man bei Tests jedoch feststellte, dass die untere Lasche unkomfortabel ist. Daher wurde diese bei der finalen Produktion weggelassen.» Sämtliche Produktbilder sollen nun schnellstmöglich angepasst werden. Okay, Verwirrung geklärt. Es gibt nur eine Lasche.
Die zweite wäre aus meiner Sicht aber zwingend notwendig, um das Mundstück am Schlauch der Trinkblase während der Fahrt vernünftig verstauen zu können. Auf einem der älteren Bilder hat das nämlich so ausgesehen:

Quelle: Castelli
Ohne diese untere Lasche stellt sich jedoch die Frage, wohin mit dem Schlauchende?

Auf sämtlichen Bildern in diesem Beitrag sieht man das Problem auf den ersten Blick: Ohne untere Lasche bin ich gezwungen, den Schlauch der Trinkblase in der rechten Rückentasche zu «versorgen». Sonst baumelt mir das Ding während der Fahrt permanent vor dem Bauch herum. Allerdings läuft so immer ein wenig Wasser aus und das Trikot ist nach kurzer Zeit nass.
Ausserdem hat das Wasser in der Trinkblase bei den aktuellen Temperaturen schon bald die Qualität eines Thermalbades. Somit ist dann auch der Vorteil, mehr Wasser als in einem oder zwei Bidons dabeizuhaben, zunichtegemacht. Denn trinken will davon wirklich niemand. Zumindest ich nicht. Dann würde ich lieber, wie bei MTB-Touren, einen Rucksack mit einer Trinkblase mitnehmen. Da bleibt das Wasser auch bei heissem Wetter stundenlang angenehm frisch.

Fazit
«Unlimited Speedsuit»: Dieser Castelli passt nicht zu Bardelli
Pro
- cooles Design
- an sich gutes Konzept
Contra
- Handling der Trinkblase
- teilweise mangelhafte Verarbeitung
- Sitzpolster passt für mich nicht
- ein eigentlich gutes Konzept mangelhaft umgesetzt
- kein eigenes Trinkblasenkonzept – muss separat dazugekauft werden
Vom Radiojournalisten zum Produkttester und Geschichtenerzähler. Vom Jogger zum Gravelbike-Novizen und Fitness-Enthusiasten mit Lang- und Kurzhantel. Bin gespannt, wohin die Reise noch führt.
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