
Der Auto-Adventskalender: manchmal praktisch, meistens Wühltisch
Wer auch in der Weihnachtszeit bei Zündkerzen glänzende Augen bekommt, wird vielleicht mit dem Auto-Adventskalender liebäugeln. Ich habe ihn ausgepackt und trete auf die Euphoriebremse.
Testfrage vorab: Wie viele Sachen kaufst du im Schnitt vom Wühltisch vor der Kasse im Discounter? Eine? Fünf? Vielleicht zehn? Falls du dort gar nicht zuschlägst, schon einen Wackeldackel hast oder Wackeldackel hasst – ja, dann ist der Autozubehör-Adventskalender nichts für dich.
Er tut, was er tun muss, und füllt 24 Fenster mit Dingen, die ins Budget passen. Auf den Verkaufspreis gerechnet sind das ungefähr 2.50 Franken pro Tag. Deshalb kannst du nicht allzu viel erwarten – obwohl der Kalender nicht billig aussieht.
Das ist magisch
Der Karton hat auf beiden Seiten Fenster und spielt munter mit den erwartbaren Stilmitteln: Da blinzelt ein Auto, dessen Scheinwerfer an BMW erinnern, verführerisch aus dem Halbdunkel. Felgen, Eisblumen und Reifenspuren berieseln die restliche, zwischen Schwarz und Blau changierende Fläche. Hier und dort lugt ein Auspuffrohr oder eine Kolbenstange hervor. Feinste Photoshop-Kunst – oder eine KI versprüht ihre Magie.

Dazu noch «Merry Christmas», «wir wünschen frohe Weihnachten» und ein vielversprechendes «NEU» aufgedruckt, schon ist der Kalender laut Beschreibung «ein stilvolles Accessoire für jede Garage oder jeden Parkplatz». Er wirkt jedenfalls hochwertiger als die meisten Sachen, die ich aus dem Kalender ziehe. Glänzen kann er immer dann, wenn er das erste Gebot für Geschenke an Erwachsene beherzigt: Gut ist, was sich verbrauchen lässt.
Das ist praktisch
30 Cockpit-Reinigungstücher sind nie verkehrt. Das gilt auch für Scheibenreinigungs- oder Hygienetücher und meinetwegen noch für die Packung Tempo-Taschentücher. Sie schmeicheln deiner Nase mehr als das ebenfalls enthaltene Mikrofaser-Putztuch deiner Brille.
Dieser Inhalt ist der vielleicht beste Deal:
Über das «Wundertuch» aus Mikrofaser wundere ich mich ebenso wie über die Duftrichtung «Rose Thorn» des Wunder-Baums, das No-Name-Duftdöschen und den rechteckigen superleichten Schwamm – so einen habe ich seit meiner Schulzeit nicht mehr gesehen. Das alles lasse ich als praktisch durchgehen. Komm, was soll’s: Ich packe auch noch die Gelmaske für die Augen, eine Taschenlampe ohne Batterie und zwei Spanngummis obendrauf.
Das ist Wühltisch
Dieses Niveau kann der Auto-Adventskalender nicht halten. Irgendwann hat es sich ausgeputzt und ausgeduftet, Bühne frei für den Ramsch: Vorneweg marschieren ein paar Kabelbinder. Sie sind praktisch, schreien aber – per Moosgummi zu einem traurigen kleinen Strauss gebunden – auch ganz laut «Wühltisch!». Bei ihrem Anblick schüttelt sogar der verbeulte Wackeldackel seinen Kopf und das alte USB-auf-USB-C-Kabel kringelt sich.

Keine grosse Zukunft im Auto prophezeie ich ausserdem der kleinen Leseleuchte, dem Reisespiel, dem Schutzengel-Schlüsselanhänger mit integriertem Einkaufswagenchip oder der sogenannten Smartphone-Halterung aus billigstem Kunststoff, die sich widerwillig quietschend auf die Breite meines alten iPhone X auseinanderziehen lässt. Du siehst sie auf dem Bild, es ist das winzige schwarze Ding in der Mitte. Den Vogel schiesst für mich der grosse Plastiksack links unten ab, der seiner kleinkarierten Optik nach irgendwann in den 1980ern vom Fliessband gepurzelt sein könnte.
Das ist tragisch
Der Kalender hat kaum eine Chance. Wer sein Fahrzeug liebt oder nur einigermassen schätzt, wird so gut wie alles schon in besserer Qualität haben. Sogar die gute Parkscheibe mit integriertem Eiskratzer sorgt für Kopfkratzen, weil mehr als eine nun mal nicht nötig ist. Beim Anblick von No-Name-Schokolade in Verkehrszeichenform läuft auch nicht direkt das Wasser im Mund zusammen. Und die Vorstellung, am 24. Dezember mit einer nagelneuen Warnweste vor dem Weihnachtsbaum zu stehen, ist komisch, ja, fast schon tragisch. Deshalb warne ich davor, von diesem Kalender zu viel zu erwarten.
Fazit
Ein bisschen Glanz und zu viel Ramsch
Dieser Adventskalender hat ein grundsätzliches Problem: Er soll Auto-Enthusiasten beglücken. Also Menschen, denen ihr Fahrzeug lieb und fast nichts zu teuer ist. Das ist kaum zu schaffen, wenn das tägliche Budget bei 2 bis 3 Franken liegt.
Am ehesten taugt das Verbrauchsmaterial, zum Beispiel Reinigungstücher oder Duftanhänger fürs Fahrzeug. Alles andere wird die beschenkte Person schon in besserer Qualität haben oder schlicht nicht im Auto haben wollen, weil es einfach nur billig wirkt.
Pro
- ansprechend gestaltet
- enthält Nützliches, z.B. Reinigungstücher
Contra
- Zubehör von bescheidener Qualität
- manche Sachen wirken ziemlich alt
- wird Auto-Enthusiasten nicht glücklich machen
Einfacher Schreiber, zweifacher Papi. Ist gerne in Bewegung, hangelt sich durch den Familienalltag, jongliert mit mehreren Bällen und lässt ab und zu etwas fallen. Einen Ball. Oder eine Bemerkung. Oder beides.
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