

Fiktion schlägt Sachbuch: Was Romane mit Hirn, Empathie und Lebenszeit machen
Lesen tut gut. Das wissen wir. Doch in welcher Art und Weise eigentlich? Und spielt es eine Rolle, was wir lesen? Ja, sagen Forschende in einem neuen Review. Hier kommen sechs Erkenntnisse.
«Lesen ist gut für dich» – der Satz ist so oft gesagt worden, dass er kaum noch etwas bedeutet. Ein neues Review wird jetzt konkret: Forschende haben Dutzende Studien ausgewertet, mit Schulklassen, mit Lesegruppen, mit Menschen, die über ein halbes Jahrhundert hinweg begleitet wurden. Es geht um Empathie, um Vorurteile, um Lebenszeit. Und beginnt mit einer unbequemen Nachricht.
1. Du liest das Falsche – vermutlich
Wer sich weiterbilden will, greift zum Sachbuch. Klingt logisch, dort stehen schliesslich die Fakten. Die Forschung zeigt aber ziemlich konsequent das Gegenteil: Die Menge an Fiktion, die jemand liest, sagt sprachliche Fähigkeiten besser voraus als die Menge an Sachtexten. Und auch das Genre macht einen Unterschied. Am konstantesten wirkt literarische Fiktion – Geschichten, die unvorhersehbar verlaufen und dich mit mehr Fragen zurücklassen, als sie beantworten. Du musst deinen Wohlfühlkrimi also nicht wegwerfen. Aber wenn du etwas von deinem Buch haben willst, darf es ruhig auch mal wehtun.
Unsere Top 3 der literarischen Fiktion:
2. Warum Bücher dich zum besseren Menschen machen
Beim Lesen stellst du dir ständig vor, wie es sich anfühlt, jemand anderes zu sein. Genau das ist der Punkt: Geschichten funktionieren wie soziales Training. Oberstufenschüler, die mehr eigene Bücher besitzen, sind empathischer und verhalten sich prosozialer – auch dann noch, wenn man Herkunft, Sprachhintergrund und Geschlecht herausrechnet. In Spanien haben Lehrpersonen bei knapp 400 Jugendlichen Zeit fürs stille Lesen reserviert und die Lust darauf gezielt gefördert. Nach zwei Jahren war die emotionale Intelligenz stärker gestiegen als in der Kontrollgruppe. Der Haken: Ein einzelnes Buch reicht nicht, der Effekt entsteht durch Gewohnheit.
Drei Romane mit Perspektivenwechsel:
3. Wie Bücher Vorurteile abbauen – und wann sie es nicht tun
Echter Kontakt zwischen Gruppen baut Vorurteile ab. Meistens jedenfalls, manchmal verstärkt er sie sogar. Fiktion bietet eine Alternative: Sie lädt dich in die Gedanken von Menschen ein, ohne die Reibung einer echten Begegnung. Das erklärt vermutlich, warum Lesen mit positiveren Einstellungen gegenüber stigmatisierten Gruppen zusammenhängt. Aber: Blosses Konsumieren genügt nicht. Ich-Erzählungen lassen Figuren realer wirken und stärken die Perspektivübernahme. Und emotionale Beteiligung wirkt nur dann, wenn daraus echte kulturelle Empathie entsteht.

Drei Bücher aus der Ich-Perspektive:
4. Was du mit 13 gelesen hast, wirkt noch mit 63
Jetzt wird es langfristig. In einer repräsentativen deutschen Studie mit über 5000 Kindern führte das Lesen literarischer Fiktion in der 5. bis 8. Klasse zu mehr prosozialem Verhalten und weniger Problemen mit Gleichaltrigen in der 9. Klasse. Bei Populärfiktion und Comics zeigte sich das nicht. Noch eindrücklicher ist eine Untersuchung, die über 2000 Jugendliche ein halbes Jahrhundert lang begleitet hat: Wer als Teenager mehr las, pflegte 50 Jahre später mehr Kontakt zu Familie und Freunden – unabhängig von Bildung, Einkommen und sozialem Status.
5. 23 Monate Vorsprung – der Longevity-Effekt von Büchern
Kommen wir zum Punkt, der am meisten überrascht. In einer repräsentativen US-Studie mit über 3500 älteren Erwachsenen lebten Buchleser schlicht länger: 23 Monate Überlebensvorteil. Bei Zeitungen und Magazinen war der Effekt deutlich schwächer. Warum? Die Forschenden fanden, dass die kognitive Fähigkeit den Vorteil vermittelt. Dazu passt: Längsschnittstudien zeigen bei häufig Lesenden einen langsameren kognitiven Abbau im Alter, unabhängig von Bildung, Krankengeschichte und Persönlichkeit. Lange Romane fordern das Hirn eben anders als kurze Infotexte.

Mit 960 bis 1216 Seiten sind das hier drei der längsten Romane in unserem Sortiment:
6. Lesen macht glücklich – und das ist keine Floskel
Zum Schluss das Naheliegendste, und trotzdem ist die Evidenz stark. Eine sechsjährige Studie mit fast 20 000 älteren Erwachsenen zeigt: Wer fast täglich las, berichtete von weniger Depression, weniger Einsamkeit, besserer Alltagsfunktion und mehr Wohlbefinden als seltene Leserinnen und Leser. Und wer lieber in Gesellschaft liest, ist ebenfalls gut bedient. Lesegruppen hängen mit höherer Lebensqualität und positiven Emotionen zusammen. Teilnehmende erzählen, dass sie dort Teile ihres Selbst besser verstehen lernen, mit denen sie sich sonst kaum beschäftigen.
Ein Haken bleibt
Ganz wasserdicht wird die Datenlage nie. Fast alle Effekte entstehen erst durch langes, wiederholtes Lesen – im Labor lässt sich das nicht nachbilden.
Diese Erkenntnisse stammen aus diesem Review Article von Current Opinion in Psychology. Darin haben Forschende zahlreiche Studien zum Lesen zusammengefasst.
Leidenschaftliche Leserin und laute Lacherin. Ein Buch darf in meiner Tasche nie fehlen, und ja, immer ein physisches. Von Taylor Jenkins Reid über Kristin Hannah, von Biografien bis hin zu Sci-Fi und Fantasy: Wenn dich die Welt der Bücher interessiert, dann bist du hier richtig.
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