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Meinung

Game Over für die Disc: Sonys Digital-Zwang betrifft uns alle

Ab Januar 2028 erscheinen neue Playstation-Games nur noch digital. Was nach einer Fussnote für Nostalgiker klingt, macht Gaming für alle teurer, unsicherer und eintöniger. Eine Einordnung.

Die Würfel sind gefallen: Ab Januar 2028 presst Sony keine Discs mehr für neue Playstation-Games. Dass dieser Tag kommt, war absehbar. Dass er so früh kommt, nicht. Sowohl die Industrie, als auch die Community rechneten fest damit, dass zumindest die nächste Konsolengeneration nochmals zweigleisig fährt.

Diese Hoffnung hat Sony am 1. Juli mit einer mageren PR-Mitteilung beerdigt.

Sony begründet den Schritt mit dem Wachstum digitaler Käufe. Gerade mal 15 Prozent aller Gamer holen sich ihre Playstation-Games noch physisch. Dass Sony als börsennotiertes Unternehmen so wirtschaftlich wie möglich handelt, ist verständlich. Aber die Konsequenz, mit der der Konzern diesen Kurs verfolgt, ist frustrierend.

Nach Rockstars Entscheid, «GTA 6» ohne Disc in die Läden zu stellen, ist das nun das zweite deutliche Signal für eine Gaming-Zukunft ohne physische Datenträger.

Warum das eine schlechte Nachricht ist und was sie alles mit sich bringt.

Eine Tradition verschwindet

Meine Familie hatte nie besonders viel Geld. Wir waren weder arm noch hatte ich eine unglückliche Kindheit, aber finanziell mussten meine Eltern einige Kompromisse eingehen. Auch bei meinen Hobbys. Ich hatte zwar eine eigene Konsole, bis zum Teenager-Alter aber nur ganz wenige eigene Spiele. Viele meiner frühen Erinnerungen basieren auf ausgeliehenen Games und den damit verbundenen Herausforderungen.

Marco wollte «Secret of Mana» zurück, bevor ich den Manadrachen besiegen konnte, der Sack. Meiner Liebe zum Action-RPG hat das allerdings keinen Kratzer zugefügt. Ich war happy, überhaupt spielen zu können.

119 Franken für «Secret of Mana». Für mich damals unerschwinglich.
119 Franken für «Secret of Mana». Für mich damals unerschwinglich.
Quelle: Rainer Etzweiler

Mit dem Ende physischer Spiele für die Playstation nimmt Sony dem Medium eine seiner ältesten sozialen Komponenten weg – das Ausleihen und Tauschen von Games. Geringverdienende verlieren zugleich die Option, Spiele überhaupt zu erleben.

Was aber passiert, wenn dir ein Spiel nicht von einem Freund, sondern von Sony selbst geliehen wird? Klingt komisch, läuft de facto aber genau darauf hinaus, sobald du im Online-Store auf den «Kaufen»-Button klickst.

Digitaler Besitz gehört mir nicht

Niemand liest die Software-Nutzungsbedingungen, weshalb sich das hartnäckige Gerücht hält, die Spiele aus dem Online-Store würden dir gehören. Tun sie nicht.

Der Vertrag, dem du beim Kauf zustimmst, macht unmissverständlich klar: Du bekommst das befristete Recht, einen Titel zu nutzen: kein Eigentum, nur Zugriff. That's it. Das Muster ist branchenweit identisch: Ob Steam, Xbox, Nintendo oder Playstation – praktisch alle grossen Plattformen arbeiten mit Lizenzmodellen, bei denen du zwar spielen darfst, rechtlich aber nichts im klassischen Sinn besitzt.

Die Ironie will es, dass Sony kaum eine Woche zuvor höchstpersönlich ein starkes Argument dafür geliefert hat, warum das problematisch ist. In Grossbritannien verschwanden sämtliche gekauften Studiocanal-Filme aus den Mediatheken der PS5-User – aus «lizenzrechtlichen Gründen». Kollege Kim hat sich dem Fall ausführlich angenommen.

Logan ist zurecht hässig.
Logan ist zurecht hässig.
Quelle: Insomniac Games

Was bedeutet das für Games wie «Spider-Man» und das im Herbst erscheinende «Wolverine», wenn irgendwann Sonys Marvel-Lizenz ausläuft – werden die Games auch aus meiner Bibliothek verschwinden? Die Videospiel-Branche hat ohnehin schon ein Archivproblem: 87 Prozent der vor 2010 erschienen Games sind heute nicht mehr legal erhältlich.

Ohne physische Datenträger verschärft sich diese Situation zusätzlich.

Gaming wird teurer

Niemand kann Sony beim Preis reinreden, wenn Games exklusiv über den hauseigenen Marktplatz laufen. Du brauchst keine Glaskugel, um herauszufinden, warum das eine schlechte Entwicklung ist: «Spider-Man 2» kostet im PSN aktuell 79.90 Franken. Auf Digitec gibt es das Spiel für 47.90 und auf Ricardo habe ich ein Exemplar für unter 30 Stutz gefunden. Das sieht zwar aus, als hätte sich ein tollwütiger Marder daran vergangen, aber genau das unterstreicht mein Argument: Wenn mein Budget gerade nicht mehr hergibt, kann ich die Marderbiss-Version von «Spider-Man 2» kaufen..

Diese Option gibt es ab 2028 nicht mehr. Wenn Sony findet, ein vier Jahre altes Game sei nach wie vor 70 Stutz wert, bezahlst du entweder 70 Stutz oder du spielst es nicht. Fuck you.

Mittelfristig dürfte zudem Dynamic Pricing zum Problem werden. Der Begriff klingt technisch, meint aber etwas Simples. Ein Preis steht nicht mehr fest. Er richtet sich nach Nachfrage, Tageszeit oder, besonders unangenehm, nach deinem eigenen Kaufverhalten. Sony hat bereits erste Testläufe im Playstation Store gestartet.

Ein drei Jahre altes Playstation-Game zum Vollpreis könnte ab 2028 die Norm sein
Ein drei Jahre altes Playstation-Game zum Vollpreis könnte ab 2028 die Norm sein
Quelle: Rainer Etzweiler

Es geht nicht nur um Sony-Games

Sämtliche Playstation-Discs, auch die von Dritt- und Indie-Publishern, laufen über Sonys Fertigung und Zertifizierung. Dreht der Konzern die Presse ab, trifft das jeden neuen Titel im Ökosystem – vom First-Party-Blockbuster bis zum limitierten Indie-Banger. Und Sonys Mitteilung lässt keinen Interpretationsspielraum: Sie gilt für alle neuen Games. Ab Januar 2028 ist die Playstation-Disc als Vertriebsweg Geschichte.

Der Kollateralschaden weitet sich damit auf Micro- und Boutique-Publisher wie Limited Run Games oder Super Rare Games aus, deren Geschäftsmodell komplett auf physischen Releases steht. Einige davon dürften sich dieser Tage fragen, ob dieses Modell überhaupt eine Zukunft hat.

Die Entscheidung wird zweifelsohne zu weniger Games führen, gehört der Erlös aus physischen Versionen doch zum Budgetplan vieler Indie-Entwickler.

«Animal Well»-Entwickler Billy Basso hat eine klare Meinung zu Sonys Entscheidung.
«Animal Well»-Entwickler Billy Basso hat eine klare Meinung zu Sonys Entscheidung.
Quelle: x.com/Billy_Basso

Gameshops verschwinden

Zugegeben, hier bin ich etwas heuchlerisch. Ich bewege meinen fetten Arsch selbst kaum noch in Ladenlokale und lasse mir meine Ware fast immer nach Hause schicken. Meine Scheinheiligkeit ändert aber nichts daran, wie schade ich finde, dass mit diesem Schritt ein weiterer Sargnagel für Gameshops gesetzt wird.

Haben Gameshops noch eine Zukunft?
Haben Gameshops noch eine Zukunft?
Quelle: Softridge

Die Läden sind mehr als Absatzkanäle. Sie sind Community-Hubs, Erlebniswelten (Stichwort: Mitternachtsverkauf) und Tastemaker. Verschwinden sie, dann verschwindet auch ein Teil der Gaming-Kultur.

Sind Konsolenspieler einfach nur Babys?

PC-Gaming ist zu 99,9% digital-only. Eine Reflexhaltung der Digital-Befürworter ist daher oft der Hinweis darauf, wie etabliert und akzeptiert die Praxis dort ist. Fair point.

Aber: CD-Keys und Einmal-Aktivierungen gehörten damals schon so selbstverständlich zu PC-Games wie die WASD-Steuerung. Der Wechsel lief zudem schleichend ab. Der PC-Spieler war der Frosch im Topf, der nicht merkte, wie das Wasser langsam zu kochen begann, während Konsolenspieler plötzlich kopfüber in den brodelnden Kessel getaucht werden. Niemand hat beim PC je einen Stichtag ausgerufen, ab dem physische Datenträger vom Tisch sind, weshalb die Ausgangslage nicht die gleiche ist.

PC-Spieler haben zudem die Auswahl: Mit Steam, Epic und GoG gibt es gleich zwei starke Mitbewerber. Steam ist der klare Leader, die Konkurrenz von Epic tut dem Markt allerdings gut und dass GoG sich für DRM-freie Optionen stark macht, ist ein Silberstreifen am sonst dunklen Horizont der Digital-only-Zukunft.

Als «Half-Life 2» 2004 plötzlich einen Steam-Account verlangte, kochten die Emotionen ebenfalls hoch.
Als «Half-Life 2» 2004 plötzlich einen Steam-Account verlangte, kochten die Emotionen ebenfalls hoch.
Quelle: Valve

Ausserdem haben Konsolenspieler aufgepasst und sind zurecht skeptisch gegenüber der digitalen Konsolenzukunft. Die letzten zehn Jahre waren eine Shitshow: Games verschwinden für immer aus den Online-Shops, sind plötzlich unspielbar oder werden zur Gewinn-Maximierung nur noch in teuren Bundles angeboten.

Die Industrie hat wieder und wieder bewiesen, dass man ihr etwa so sehr trauen kann, wie einer Pop-Up-Ad mit «Singles in meiner Nähe».

Gibt es bald gar keine physischen Games mehr?

Erste Hinweise deuten darauf hin, dass auch Microsoft künftig auf die Disc verzichten wird. Der Switch-2-Nachfolger liegt zu weit in der Zukunft für seriöse Prognosen, wobei hier etwas Optimismus angebracht ist, weil der Verteilschlüssel (noch) nicht ganz so düster aussieht. Physische Versionen machen hier noch gut 40% der Verkäufe aus.

Hoffnung gibt auch der Blick auf andere Medien: Bücher wurden bis heute nicht von E-Books abgelöst, vor rund drei Jahren habe ich auf einer anderen Plattform über das Vinyl-Comeback geschrieben und zuletzt zogen sogar die Kassetten-Verkäufe wieder an.

Das Bedürfnis nach Taktilem bleibt.
Das Bedürfnis nach Taktilem bleibt.
Quelle: Unsplash/Mick Haupt

Man kann das als Nischenmarkt für ein paar Romantiker abtun. Es zeigt aber auch: Das Bedürfnis nach physischem Besitz lässt sich nicht wegdiktieren. Und wo ein Bedürfnis ist, entsteht früher oder später ein Markt.

Grand Theft Game

Das soll kein Plädoyer sein, um an der Vergangenheit festzuhalten. Irgendwann mussten die Kutschenfahrer akzeptieren, dass sie vom Auto abgelöst werden. Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit.

In Anbetracht dessen, wie amateurhaft und kundenfeindlich die Gaming-Branche mit Digital Ownership bisher umgegangen ist, täte uns allen aber eine grosse Portion Skepsis gut. Das gilt nicht nur für ewiggestrige Fans physischer Medien wie mich, sondern für alle Gamer.

Denn wenn Konsumentenrechte fortlaufend ausgehöhlt werden, bleibt irgendwann nur noch eine leere Hülle übrig.

Ein bisschen wie bei der Retail-Version von «GTA 6».

Titelbild: Shutterstock

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In den frühen 90er-Jahren vererbte mir mein älterer Bruder sein NES mit «The Legend of Zelda» und startete damit eine Obsession, die bis heute anhält.


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