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Hintergrund

Hund im Gefängnis: «Er urteilt nicht über mich»

Darina Schweizer
9-10-2026
Bilder: Christian Walker

Gefängnishund Henry besucht eingewiesene Frauen im Gefängnis Dielsdorf. Ich habe den Grossen Schweizer Sennenhund begleitet und erlebt, wie er etwas Normalität hinter Gitter bringt.

Ich zucke zusammen, als die schwere Stahltür hinter mir ins Schloss fällt. Im Eingangsbereich des Frauengefängnisses Dielsdorf ist es still, kühl und geruchlos. Die Standortleiterin des Medizinischen Dienstes, Ulrike Klotzbücher, holt mich ab. Ich versuche mir vorzustellen, wie es sein muss, wenn sich die Tür zum Haftraum nicht mehr öffnet. Wenn das Leben draussen nicht mehr existiert und die Welt hinter Gittern die neue Realität ist.

19 Frauen verbüssen hier Haftstrafen von bis zu sechs Monaten. 38 weitere sitzen in Untersuchungshaft. Viele erleben in der Anfangszeit einen sogenannten Haftschock. Während sie eine schwere Tür nach der anderen aufschliesst, erklärt Ulrike Klotzbücher:

«Sie realisieren schlagartig, dass alles weg ist: Job, Partner oder Partnerin, Kinder. Sie verlieren die Kontrolle über ihr Leben. Manche erleiden Panikattacken, Angststörungen oder wollen sich sogar das Leben nehmen.»
Eine andere Realität hinter Gittern: 57 eingewiesene Frauen leben im Gefängnis Dielsdorf.
Eine andere Realität hinter Gittern: 57 eingewiesene Frauen leben im Gefängnis Dielsdorf.

Ihre Worte hängen schwer in der Luft, während wir durch die Gänge gehen. Der Haftschock ist eine Belastung, die sich nicht wegreden lässt. Hinter den Zellentüren sitzen Frauen, die Angst, Verzweiflung und Unsicherheit erleben. Und davon betroffen sind nicht nur Verurteilte. Hier sitzen auch Frauen, gegen die lediglich ein Verdacht besteht.

Zwar erhalten sie Strategien im Umgang mit dem Haftschock. Doch manchmal reichen Gespräche allein nicht aus. Dann braucht es jemanden, der zuhört, ohne Fragen zu stellen und Trost spendet, ohne Worte zu brauchen.

Henry tritt zum Dienst an

Im Büro der Gefängnismitarbeitenden galoppiert ein riesiger Grosser Schweizer Sennenhund auf uns zu: Henry. Er gehört Ulrike Klotzbücher, ist sechs Jahre alt und hat vor zwei Jahren seine Ausbildung als zertifizierter Therapiehund abgeschlossen. Die Leiterin des Gesundheitsdienstes zeigt auf ein Diplom an der Wand. Vor Henry waren bereits andere Hunde in der sogenannten tiergestützten Intervention im Gefängnis Dielsdorf tätig.

Stürmisch reibt Henry seinen Kopf an Ulrike Klotzbüchers Beinen und holt sich bei einigen Mitarbeitenden Leckerlis ab. Zwei Frauen lachen. «Henry macht einfach überall gute Stimmung», sagt die Standortleiterin des Medizinischen Dienstes. Doch als sie sein Gestell hervornimmt und ihm über den Kopf stülpt, wird er augenblicklich ruhig. Er weiss: Es steht ein Einsatz bevor.

Ulrike Klotzbücher und Therapiehund Henry sind auf dem Weg zu einer eingewiesenen Frau.
Ulrike Klotzbücher und Therapiehund Henry sind auf dem Weg zu einer eingewiesenen Frau.

Zusammen mit Henry gehen wir erneut durch die Gefängnisgänge, diesmal in Richtung Innenhof. Nun sind ein paar dumpfe Stimmen zu hören. In der Küche klappert Geschirr. Als wir auf den Hof treten, spähen hinter den vergitterten Fenstern einige neugierige Augen nach draussen. Doch Henry ist wegen einer ganz bestimmten Frau hier: Diana*.

Diana hat einen Hausbrief an den Medizinischen Dienst geschrieben. Darin hat sie um einen Besuch von Henry gebeten. Das ist keine Seltenheit. «Wir erhalten häufig Anfragen», sagt Ulrike Klotzbücher. Während wir auf Diana warten, nimmt sie ein paar Briefe aus der Tasche und zeigt sie mir. Ich lese von eingewiesenen Frauen, die davon schwärmen, wie gut ihnen der letzte Besuch von Henry getan hat, wie sehr sie ihn vermissen und auf einen erneuten Besuch hoffen. Eine Frau überlässt dem Tier den Entscheid: «Bitte Henry mal fragen, ob er kommen möchte», schreibt sie. Smileys und Herzchen umrahmen die Worte.

Mit solchen Hausbriefen bitten eingewiesene Frauen um einen Besuch von Henry.
Mit solchen Hausbriefen bitten eingewiesene Frauen um einen Besuch von Henry.

Ein freudiges Wiedersehen im Innenhof

«Henry!», schallt eine erfreute Stimme in den Innenhof. Diana ist gekommen und hat den Grossen Schweizer Sennenhund erblickt. Ausser sich vor Freude begrüssen sich beide. Sie scheinen alles um sich herum vergessen zu haben. Es gibt nur den Moment. Gemächlich nähert sich Ulrike Klotzbücher den beiden mit einer Tasche. Sie ist voller Spielsachen für Henry – und natürlich Leckerli. Diana begrüsst uns kurz und versteckt schnell einige Snacks in einem Schnüffelteppich. Ein Besuch dauert schliesslich nur 30 bis 45 Minuten.

Da ist doch was: Henry erschnüffelt sich ein Leckerli.
Da ist doch was: Henry erschnüffelt sich ein Leckerli.

Jetzt greift Diana nach einem Ball und wirft ihn quer durch den Innenhof. Henry springt ihm ungelenk wie ein Fohlen nach. Wir lachen alle. «Henry, hierher!», ruft Diana. Der Rüde kehrt mit dem Ball zurück und kriegt eine Belohnung. «Ich habe ihn so vermisst», sagt Diana und tätschelt Henrys Kopf. Ulrike Klotzbücher fragt, wie es ihr geht. Sie sagt nicht viel und scheint kurz in Gedanken zu versinken.

Henry lässt viele Frauen den Gefängnisalltag für einen Moment vergessen.
Henry lässt viele Frauen den Gefängnisalltag für einen Moment vergessen.

Henry hingegen ist die Lebensfreude selbst. Als Diana ihm ein Leckerchen in die Höhe hält, stellt er sich auf die Hinterbeine und macht ein Männchen. Wieder und wieder apportiert der Rüde den Ball. Irgendwann lässt er sich erschöpft auf den Boden fallen. Diana setzt sich zu ihm hin und krault ihm den Bauch. «Haben Sie selbst Hunde?», fragt Ulrike Klotzbücher. Diana nickt. «Sogar drei», sagt sie lächelnd. Dann verrät sie nach und nach, wie sie sich zurzeit fühlt. Als sie etwas länger schweigt, frage ich: «Was mögen Sie an Henry?» Sie sagt nachdenklich:

«Er ist immer so fröhlich. Er gibt mir so viel Liebe. Er urteilt nicht über mich.»
Henrys Anwesenheit hat schon manches Gespräch überhaupt erst möglich gemacht.
Henrys Anwesenheit hat schon manches Gespräch überhaupt erst möglich gemacht.

Auch Henry hat Rechte

Die 45 Minuten sind um – wie im Flug. Wir verabschieden uns von Diana. Sie kann den nächsten Besuch kaum erwarten. «Ich schreibe wieder einen Brief», ruft sie, als sie den Innenhof verlässt. Dann geht der normale Alltag hinter den dicken Gefängnismauern für sie weiter. Ein weiterer Besuch von Henry ist heute nicht geplant. Der Grosse Schweizer Sennenhund wirkt auch sichtlich erschöpft. «Er saugt alle Emotionen wie ein Schwamm auf», sagt Ulrike Klotzbücher. «Deshalb braucht er jetzt Ruhe.»

Wir passieren mehrere Hafträume. In den nächsten Tagen wird Henry dort wieder zu Besuch sein. Ich frage Ulrike Klotzbücher, ob auch schon Grenzen überschritten wurden. Sie nickt. Eine Frau habe ihm schon ein Ei aus ihrem Mund verfüttern wollen. «Da musste ich eingreifen», sagt sie. Meist macht Henry jedoch selbst seine Grenzen deutlich. Wenn ihn jemand auf die Nase küssen will, macht er ein paar Schritte rückwärts und geht auf Abstand.

Da ist jemand «uf de Schnurre». Henry gönnt sich eine Pause.
Da ist jemand «uf de Schnurre». Henry gönnt sich eine Pause.

Ein Türöffner auf vier Pfoten

Viel häufiger sind laut Ulrike Klotzbücher jedoch die schönen Momente. Die, in welchen die eingewiesenen Frauen Henry mit Tränen in den Augen begrüssen. Die, in denen sich verschlossene Frauen, die etwa gegenüber Psychologinnen und Psychologen des Gesundheitsdienstes wochenlang geschwiegen haben, plötzlich öffnen. Ulrike Klotzbücher sagt:

«Henry ist nicht zum Spass da, sondern weil es ihn braucht. Wir sind darauf angewiesen, dass uns die Frauen sagen, wie es ihnen geht. Wenn das auch noch die Stimmung im Gefängnis verbessert, kommt das allen zugute.»

Die Standortleiterin des Medizinischen Dienstes entlässt mich wieder aus dem Gefängnis Dielsdorf. Erneut fällt die schwere Stahltür hinter mir ins Schloss. Ich zucke nochmals zusammen. Und zwar, weil mir schlagartig bewusst wird, für wie selbstverständlich wir die Normalität, die Freiheit, eigentlich nehmen. Und wie wichtig es ist, dass Henry einen Teil davon ins Gefängnis bringt.

Er ist wortwörtlich ein Türöffner.

Henry sei im Gefängnis Dielsdorf nicht mehr wegzudenken, erzählt mir Ulrike Klotzbücher.
Henry sei im Gefängnis Dielsdorf nicht mehr wegzudenken, erzählt mir Ulrike Klotzbücher.

*Der Name wurde geändert. Einzelne persönliche Angaben wurden zum Schutz der Persönlichkeit anonymisiert oder weggelassen.

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Ich liebe alles, was vier Beine oder Wurzeln hat – besonders meine Tierheimkatzen Jasper und Joy sowie meine Sukkulenten-Sammlung. Am liebsten pirsche ich auf Reportagen mit Polizeihunden und Katzencoiffeurinnen umher oder lasse in Gartenbrockis und Japangärten einfühlsame Geschichten gedeihen. 


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