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Pia Seidel
Hintergrund

Diese Keramikerin arbeitet nur mit dem, was sie hat. Ihr Ofen prägt ihre Stücke

Pia Seidel
21-9-2026
Bilder: Pia Seidel

Warum sollte jemand noch mehr Objekte in eine Welt stellen, die schon voller Dinge ist? Diese Frage hat sich Maria Koubourli selbst gestellt – eine Keramikerin, die ich auf der griechischen Insel Patmos besucht habe. Wie sie damit umgeht, und die Umstände, unter denen sie arbeitet, haben mich seit diesem Nachmittag nicht mehr losgelassen.

Im Restaurant Ela auf der griechischen Insel Patmos hängen Lampen, an denen mein Blick haften bleibt. Eigentlich bin ich in den Ferien. Aber die Liebe zu spannenden Dingen macht bei mir nie Urlaub. Also frage ich nach, wer sie gemacht hat. Maria Koubourli von Paloma Negra, sagt die Besitzerin, und erzählt gleich noch mehr: Der Raum war einmal Marias eigenes Studio, einige ihrer Stücke sind genau dort entstanden und durften nach dem Umbau bleiben. Heute arbeitet von zu Hause aus. Die Besitzerin vermittelt den Kontakt, und Maria lädt mich für den nächsten Tag ein.

Ich stehe vor ihrem Haus. Es gibt Kaffee und Tsipouro im Garten, umgeben von Olivenbäumen. Sie hat kein grosses Atelier, keinen grossen Brennofen, keine Strasse, auf der ein Lieferwagen fahren könnte. Und trotzdem – oder deswegen – die schönsten Objekte, die ich dieses Jahr gesehen habe.

Maria in ihrem Element, ein Werk in der Hand.
Maria in ihrem Element, ein Werk in der Hand.
Quelle: Géraldine Meier
Kein Stück wiederholt sich. Bei Handarbeit geht das auch nicht.
Kein Stück wiederholt sich. Bei Handarbeit geht das auch nicht.
Quelle: Pia Seidel
ine Vase, mal auf den Kopf gedreht.
ine Vase, mal auf den Kopf gedreht.
Quelle: Pia Seidel
Eine einzelne Vase, die genug Bühne für sich allein bekommt.
Eine einzelne Vase, die genug Bühne für sich allein bekommt.
Quelle: Pia Seidel
Krüge mit eigens dafür geformten Verschlüssen – nichts bleibt Zufall.
Krüge mit eigens dafür geformten Verschlüssen – nichts bleibt Zufall.
Quelle: Pia Seidel
Ihr Zuhause, in dem gebrannt, gefärbt und geformt wird – Studio und Wohnhaus in einem.
Ihr Zuhause, in dem gebrannt, gefärbt und geformt wird – Studio und Wohnhaus in einem.
Quelle: Pia Seidel

Vieles bei ihr ist skulptural. Aber ins Auge sticht mir etwas sehr Praktisches: ihr Tisch. Er besteht aus einzelnen Holzlatten, die versetzt zueinander liegen, mit Lücken dazwischen. Und in diese Lücken hat Maria Keramik gesetzt. Eine Tasse, eine Schale, eine Vase, jede genau für ihren Platz geformt.

Kein Objekt steht einfach so herum, jedes sitzt in seiner eigenen Aussparung.
Kein Objekt steht einfach so herum, jedes sitzt in seiner eigenen Aussparung.

Ein Tisch, der mehr kann als nötig

Der Tisch selbst ist schon eine kleine Geschichte. Das Holz stammt vom alten Fussboden, es sollte eigentlich weggeworfen werden. Marias Lebensgefährte, ein Architekt, hat daraus einen Tisch gebaut.

Fertig war er damit noch nicht. Etwas fehlte, fand Maria. Also probierte sie aus, was passiert, wenn Ton auf Holz trifft. Statt eine Vase auf den Tisch zu stellen, hat sie eine gemacht, die zum Möbelstück gehört.

Kein Aufsatz, sondern ein Teil des Ganzen.
Kein Aufsatz, sondern ein Teil des Ganzen.

Limits als Chancen

Dass ihre Objekte so aussehen, wie sie aussehen, hat mit Marias Sicht auf die Dinge zu tun. Sie mag keine Objekte, die zu makellos wirken. Ton bleibt für sie ein lebendiges Material, das sich nie exakt wiederholen lässt, und das macht für sie den Reiz aus.

«In der Vergangenheit habe ich einmal ein Objekt mit einem gelben Pigment eingefärbt, das ich in den Ton gemischt habe. Ich habe es bei hoher Temperatur gebrannt und das Gelb verschwand. Es verwandelte sich in Sand. Ich wollte das Ergebnis wiederholen, weil es unerwartet schön war. Ein Fehler, der glücklich macht, verwandelt sich in ‹kein Fehler›. Aber es ging nicht und das war gut so.»

Fehler sind gut, solange du sie nicht versuchst zu wiederholen.
Maria Koubourli
Zerbrochene Stücke, die sie aufbewahrt statt wegzuwerfen.
Zerbrochene Stücke, die sie aufbewahrt statt wegzuwerfen.

Für Maria ist Ton mehr als Arbeitsmaterial: «Ton ist ein Lehrer für mich. Er bringt mir Geduld bei, auf das Unerwartete zu warten und die zerbrochenen Stücke und Risse als normalen Prozess zu akzeptieren, so wie in Beziehungen. Und zu spüren, dass alle Menschen diese Zerbrechlichkeit haben.»

Neben dieser Haltung gibt's auch einen ganz nüchternen Grund. Ihr Brennofen ist klein, die Innenhöhe misst rund 42 Zentimeter. Einen grösseren hätte sie gerne. Aber die Strasse zu ihrem Haus ist zu schmal und zu steil; ein Ofen in Wunschgrösse käme hier gar nicht hin.

Wir müssen mit den Werkzeugen arbeiten, die wir haben.
Maria Koubourli

Also baut sie ihre Objekte aus mehreren Teilen. Sie brennt sie einzeln und setzt sie zusammen. Sie nennt das Anbauten, kleine Geschichten. Dass sie ihre Stücke stapelt und zusammensetzt, ist also keine Stilentscheidung. Es ist die Antwort auf eine zu schmale Strasse.

Werkstatt und Wohnraum gehen bei ihr ineinander über.
Werkstatt und Wohnraum gehen bei ihr ineinander über.
Der kleine Ofen – der Grund für fast alles hier
Der kleine Ofen – der Grund für fast alles hier
Ihr Arbeitsplatz: Keine Werkbank im klassischen Sinn, aber alles, was sie braucht.
Ihr Arbeitsplatz: Keine Werkbank im klassischen Sinn, aber alles, was sie braucht.
Auch draussen hört sie nicht auf zu gestalten.
Auch draussen hört sie nicht auf zu gestalten.
Was anderen als Holz genügt, wird bei ihr zum Sockel für mehr.
Was anderen als Holz genügt, wird bei ihr zum Sockel für mehr.
Quelle: Pia Seidel

Dasselbe gilt für ihre Farben, allerdings aus einem anderen Grund. In ihrem früheren Atelier, dort, wo heute Ela Patmos ist, konnte sie bei sehr viel höheren Temperaturen brennen. In ihrem heutigen Haus schafft der Ofen 1060 Grad. Das ist der klassische Bereich für Terracotta, für Steinzeug oder Porzellan bräuchte es 1200 Grad und mehr. Damit erreicht sie bestimmte Farben und Effekte nicht mehr und arbeitet heute vor allem mit Terracotta. Statt aussen zu glasieren, färbt sie den Ton jetzt ein, solange er noch feucht ist, mit Erde und keramischen Pigmenten. Glasur kommt bei ihr meist nach innen, dorthin, wo sie gebraucht wird.

Aus welchem Ton bin ich gemacht?
Maria Koubourli

Diese Frage hat Maria sich selbst gestellt. «Wir sind alle aus Ton gemacht. Um zu erschaffen, brauche ich seine Formbarkeit, Erde und Wasser, Stabilität und Weichheit. Ton war und ist für mich der kindliche Lehrer, der mir hilft, meine Seele zu treffen, mit ihr zu sprechen und das mit anderen zu teilen.»

Für Maria zählen dabei zwei Dinge. Ihre Werke sollen gebraucht werden: Töpfe, Pfannen, Gefässe, in denen gekocht wird. Und sie sollen bei jemand anderem etwas auslösen. «Jede und jeder von uns hat etwas Gutes zu geben. Egal, wo du gerade bist.»

Bei mir gelingt ihr das, noch bevor ich ihren Namen kenne. Selbst die Deckenrosetten ihrer Lampen sind liebevoll gearbeitet. In einer Welt, in der so viel achtlos entsteht, ist das eine kleine Form von Widerstand.

Die Deckenrosette allein hätte niemand vermisst.
Die Deckenrosette allein hätte niemand vermisst.

Warum noch mehr Objekte in eine Welt stellen, die schon voller Dinge ist? Marias Antwort ist so poetisch wie praktisch: Sie tut es, um mit ihrer eigenen Seele zu sprechen. Und sie tut es mit dem, was da ist: Holz, das weggeworfen werden sollte, und einem Ofen, der so klein ist, dass sie ihre ganze Formensprache daraus gebaut hat. Der Tisch hätte auch einfach ein Tisch sein können. Aber wo wäre da die Freude?

Titelbild: Pia Seidel

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Mit der Begeisterung eines Cheerleaders feiere ich gutes Design und bringe dir alles näher, was mit Möbeln und Inneneinrichtung zu tun hat. Regelmässig kuratiere ich einfache, aber raffinierte Interior-Entdeckungen, spüre Trends auf und interviewe kreative Köpfe zu ihrer Arbeit. 


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Interessantes aus der Welt der Produkte, Blicke hinter die Kulissen von Herstellern und Portraits von interessanten Menschen.

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