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Luca Fontana
Hintergrund

Netflix, KI und die Stimme: ein Berufsstand am Abgrund

Luca Fontana
5-2-2026

Sie verleihen Hollywood-Stars ihre Stimme – und kämpfen nun gegen ihren KI-Ersatz. Deutsche Synchronprofis stellen sich Netflix in den Weg. Aber haben sie überhaupt eine Chance?

Seit Januar brodelt es in der deutschen Synchronbranche: Zahlreiche Sprecherinnen und Sprecher boykottieren Netflix – aus Protest gegen eine neue KI-Klausel, die es dem Streaminganbieter erlaubt, ihre Stimmen kostenlos für das Training künstlicher Intelligenz zu verwenden.

Die Betroffenen sehen nicht nur ihre Rechte in Gefahr, sondern auch ihre Einkommen und die Zukunft ihres Berufs. Um die neue Regelung zu verhindern, erhöhen sie den Druck und verweigern die Zusammenarbeit: Ohne Einigung könnten bald erste Netflix-Originale ohne deutsche Tonspur erscheinen.

Und doch: Es ist ein stiller Arbeitskampf, der aussichtslos erscheint.

Die KI-Klausel: Was bedeutet sie – und was nicht?

Dank der Klausel sollen die in Synchronaufnahmen gespeicherten Stimmen künftig für das Training von KI-Systemen verwendet werden, und das sogar ohne zusätzliche Vergütung. Patrick Winczewski, die deutsche Stimme von Tom Cruise und Hugh Grant, ist fassungslos: «Gut möglich, dass wir für das, was mit unseren Stimmen dereinst verdient wird, nie eine Entlohnung erhalten werden.»

Dass Winczewski schwarzmalt, ist unwahrscheinlich, wenn man sich den Vertrag genauer ansieht. Im Moment bezieht sich die neue Klausel zwar nur auf das Training, nicht auf den konkreten Einsatz ihrer künstlich erzeugten Stimmen. Aber die langfristigen Folgen könnten fürs Synchron-Business verheerend sein.

In den amerikanischen Synchronstudios von Netflix herrscht Freude. Aber ihre deutschen Pendants könnten in Zukunft durch deutschsprechende KI-Versionen der Originale ersetzt werden.
In den amerikanischen Synchronstudios von Netflix herrscht Freude. Aber ihre deutschen Pendants könnten in Zukunft durch deutschsprechende KI-Versionen der Originale ersetzt werden.
Quelle: Netflix

Dazu wird kritisiert, wie die Zustimmung fürs kostenlose KI-Training eingefordert wird: Wer die Klausel nicht akzeptiert, wird nicht mehr besetzt. Punkt. Praktisch wird sie also bereits heute zur Vertragsbedingung gemacht – von echter Freiwilligkeit kann keine Rede sein. Genau deshalb sprechen viele in der Branche von einer «Friss-oder-stirb»-Klausel. Und: Nach aktuellem Stand ist Netflix das einzige grosse Studio, das Synchronsprecher vor diese Entscheidung stellt.

Das grösste Risiko sehen viele dabei nicht einmal im kurzfristigen Verlust einzelner Aufträge, sondern in der langfristigen Aushöhlung ihrer Rechte. Denn sobald ein KI-Modell mit echten Stimmen trainiert wird, lässt sich daraus eine synthetische Version erzeugen – mit oder ohne Ähnlichkeit mit echten Stimmen.

Gerade das macht es so heikel: Auch ohne bewusst zu imitieren, kann KI auf Basis vieler guter Vorlagen selbst zur «perfekten» Stimme werden, ohne dass je ein Persönlichkeitsrecht verletzt wird. Und trotzdem wären alle betroffen.

Genau das ist der Kern des Konflikts.

Was sagt die Rechtslage dazu?

Immerhin: Rechtlich ist der Einsatz künstlich erzeugter Stimmen nicht völlig ungeregelt. In Deutschland gilt die Stimme als Teil des Persönlichkeitsrechts. Sie darf also nicht ohne Zustimmung nachgeahmt, imitiert oder verwertet werden, egal zu welchem Zweck.

Ein wegweisendes Urteil dazu fällte im August 2025 das Landgericht Berlin: Ein YouTuber hatte für eine satirische Werbekampagne eine KI-Stimme eingesetzt, die der von Manfred Lehmann – der deutschen Stimme von Bruce Willis – zum Verwechseln ähnlich klang. Weil beim Publikum der Eindruck entstand, Lehmann selbst habe gesprochen oder der Nutzung zugestimmt, sah das Gericht darin einen klaren Eingriff in Lehmanns Persönlichkeitsrecht.

Doch genau hier liegt das Problem der Netflix-Klausel: Eine einmal erteilte, pauschale Einwilligung kann diesen Schutz faktisch aushebeln. Die Gegner warnen: Wer unterschreibt, verliert im Zweifel die Kontrolle über seine eigene Stimme.

Wie reagieren die Synchronstimmen darauf?

Die Reaktion auf Netflix’ Vorstoss kam prompt – und deutlich. Seit Anfang Januar verweigern zahlreiche deutsche Synchronprofis die Arbeit für den Streamingdienst. Laufende Produktionen liegen auf Eis, viele prominente Stimmen haben sich von aktuellen Projekten zurückgezogen, wie Magdalena Montasser, deutsche Stimme von Jenna Ortega in «Wednesday», berichtet.

Sprich: Es drohen bald schon Netflix-Originale ohne deutsche Synchronfassung. Das – oder man tauscht bekannte Stimmen einfach mit nicht gewerkschaftlich organisierten Sprecherinnen und Sprechern aus. So geschehen in der neuen Animationsserie «Stranger Things: Tales from ‘85». Neu wird Hopper, gespielt von David Harbour, nicht mehr von Peter Flechtner synchronisiert.

Der Verband Deutscher Synchronstimmen (VDS), eben eine solche Gewerkschaft, unterstützt den Boykott und warnt davor, dass mit der neuen KI-Klausel ein gefährlicher Präzedenzfall geschaffen würde: «Wir sind Kunstschaffende, keine Datenquellen», stellt der Verband klar.

Konkret soll niemand gezwungen werden dürfen, mit der eigenen Stimme eine Technologie zu fördern, die den Beruf langfristig infrage stellt. Die Forderung: Wer der Nutzung für KI-Training nicht zustimmt, darf daraus keine beruflichen Nachteile erfahren. Parallel zu den Boykottmassnahmen läuft im Netz bereits seit Monaten eine Petition unter dem Motto: «Kunst vor KI». Darin fordern Synchronsprecherinnen und -sprecher das Bundeskanzleramt und das Kulturstaatsministerium auf, kreative Rechte bei KI-Anwendungen besser zu schützen.

Wie reagiert Netflix auf den Boykott?

Netflix zeigt sich überrascht von der heftigen Gegenreaktion. In einem Schreiben an den Bayerischen Rundfunk erklärt das Unternehmen, man plane keine automatisierten Stimmen ohne ausdrückliche Einwilligung. Sollte eine solche Nutzung überhaupt in Frage kommen, werde man vorher Rücksprache halten. Schliesslich habe man ja mit der deutschen Schauspiel-Gewerkschaft (BFFS) einen entsprechenden Rahmenvertrag inklusive besonderer Schutzregeln für Synchronsprechende ausgehandelt.

Comedian und Schauspieler Rick Kavanian ist nebenberuflich auch Synchronsprecher – noch.
Comedian und Schauspieler Rick Kavanian ist nebenberuflich auch Synchronsprecher – noch.
Quelle: Disney

Das bestätigt auch Till Völger, Vorstandsmitglied der BFFS. Völger äussert sich entsprechend nüchtern: «Wir können das Rad nicht anhalten.» Entscheidend sei, dass die Kontrolle über die Stimme beim Menschen bleibe und Netflix zugesichert habe, auf vollautomatische Synchronfassungen zu verzichten. Tatsächlich hat sich auch die Gewerkschaft der Synchronregie (BDS) auf Netflix’ Seite geschlagen: Für sie gelte die Lage offenbar als ausreichend gesichert.

Vorerst.

Denn: Die Frage, warum Netflix eine generelle Zustimmung fürs Gratis-KI-Training erzwingen will, obwohl der Streamingriese gelobt hat, auf vollautomatische Synchros zu verzichten, bleibt unbeantwortet.

Wie geht es jetzt weiter?

Während sich das BFFS selbst auf die Schultern klopft, gehen die besagten Schutzregeln dem VDS nicht weit genug. Sie befürchten, die neue Klausel säge trotzdem am Ast, auf dem die Stimmen hocken. Die Fronten sind verhärtet, doch in den nächsten Wochen soll es laut Medienberichten neue Verhandlungsrunden geben. Die Ziele der Sprechendenvertretung bleiben klar: Die Klausel soll entschärft, die Einwilligung freiwillig und jede KI-Nutzung fair vergütet werden.

Der Druck wächst auf beiden Seiten. Eine dauerhafte Synchronlücke im deutschsprachigen Raum könnte auch für Netflix teuer werden. Wahrscheinlicher als gar keine Lösung scheint darum ein Kompromiss.

Kunst vor KI: Lohnt sich dieser Kampf überhaupt?

So oder so, innerhalb der Branche herrscht seit langem Unsicherheit. Denn Netflix könnte unabhängig von der Frage, ob man überhaupt noch mit klassischen Synchronsprechenden arbeiten kann, entscheiden, dass man es gar nicht mehr will. Denn um zu erahnen, worauf das KI-Training hinausläuft, muss niemand hellsehen können.

Technisch wäre die komplette Absetzung des Berufsstandes heute schon möglich, wenn auch noch nicht perfekt (zum Glück) und beim Publikum äusserst unbeliebt. Doch KI-Systeme wie «DeepSpeak» stehen bei Netflix schon seit Mai 2025 in den Startlöchern. Sie analysieren Tonfall, Tempo und Artikulation des originalen Schauspielers oder der Schauspielerin, übersetzen in Echtzeit und erzeugen lippensynchrone, synthetische Stimmen, die dem Original zum Verwechseln ähneln.

Es ist wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis Michael Caine, Matthew McConaughey und Friends auf Knopfdruck schauspielern – in jeder Sprache der Welt. Wer braucht da noch Synchronsprechende?

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    McConaughey und Caine treten ihre Stimme an KI ab

    von Luca Fontana

Damit nicht genug. Während Synchronbeteiligte um ihre Stimme kämpfen, ist anderswo längst die nächste Stufe gezündet: KI-Schauspielerinnen, KI-Youtuber, KI-Influencer – und ein Publikum, das immer seltener erkennen kann, was überhaupt noch echt ist.

Die Menschheit simuliert sich selbst

Da wäre etwa Tilly Norwood, die erste vollständig KI-generierte Schauspielerin mit Agenturvertrag. Sie existiert nur als Algorithmus und soll dennoch bereits Rollenangebote haben. Zusätzlich tauchen täglich neue Gesichter auf, die aussehen wie echte Menschen, sprechen wie echte Menschen – und eben genau das nicht sind. In den Kommentarspalten heisst es immer öfter: «Ist das KI oder real?»

Die Unsicherheit ist längst zum Standard geworden. Kein Wunder: Sogenannter AI Slop – massenhaft KI-generierte Videos aus der Hölle – fluten längst Plattformen wie Instagram, Youtube oder Tiktok.

Selbst Regie-Legende Darren Aronofsky («Requiem of a Dream») produziert mittlerweile pseudo-dokumentarische History-Videos, die wirken, als hätte ein Algorithmus eine Vorabend-Doku geträumt. Immerhin: Aronofsky verwendet zwar KI für die Bilder, die Stimmen sollen aber von echten Synchronsprechern und -sprecherinnen stammen.

Die Kritik in den Kommentarspalten ist heftig. Geklickt werden die Kurzvideos trotzdem. Und während Bilder, Videos und Stimmen immer häufiger maschinell entstehen, geraten auch Texte unter Druck: KI-generierte Artikel, Kommentare, Bücher und News-Meldungen bevölkern die Feeds und Online-Shops, sind oft billig produziert und selten sauber gekennzeichnet. Auch hier weiss niemand mehr so genau, ob das Gelesene von einem Menschen geschrieben wurde oder nicht.

Was als Arbeitskampf begann, könnte sich als technologische Zeitenwende entpuppen. Keine Frage: KI wird bleiben. Die eigentliche Frage ist daher viel eher, ob ihr Einsatz wirklich noch geregelt werden kann – oder ob sie uns längst entglitten ist.

Titelbild: Luca Fontana

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Ich schreibe über Technik, als wäre sie Kino, und über Filme, als wären sie Realität. Zwischen Bits und Blockbustern suche ich die Geschichten, die Emotionen wecken, nicht nur Klicks. Und ja – manchmal höre ich Filmmusik lauter, als mir guttut.


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Interessantes aus der Welt der Produkte, Blicke hinter die Kulissen von Herstellern und Portraits von interessanten Menschen.

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