
«Physint» gecancelt: Sony wirft Hideo Kojima raus – Xbox sagt Danke
Sony hat Hideo Kojimas Stealth-Spiel «Physint» still und heimlich im Juni gecancelt – die Playstation 6 verliert damit bereits jetzt einen ihrer prominentesten Exklusivtitel.
Falls du dich gefragt hast, wann Sony endlich aufhört, sich selbst in den Fuss zu schiessen: nicht heute. Der Speedrun ins Verderben läuft ungebremst weiter. Wie am 10. September bekannt wurde, hat der Playstation-Hersteller Hideo Kojimas neues Spiel «Physint» bereits im Juni gecancelt. Kojima suchte drei Monate lang einen neuen Partner – und fand ihn ausgerechnet bei Microsoft.

Quelle: Fox Television
Angekündigt wurde «Physint» im Januar 2024, mit maximalem Pomp. In einem zweiminütigen Video verkündete Hermen Hulst – damals Chef der Playstation Studios, kurz darauf Co-CEO – stolz, dass der Kult-Auteur an einem neuen Stealth-Spiel arbeitet. Kojima stand daneben. Hulst tat trotzdem so, als hätte er das Ganze persönlich angeschoben. O-Ton: Es sei ein Abenteuer, zu dessen Neuerfindung er Kojima «seit Jahren ermutigt» habe.
Um ein altes Meme auszugraben: «Cool story, bro.»
Was ist zu «Physint» bekannt?
Kojima bäckt bekanntermassen keine kleinen Brötchen, und so überrascht es auch nicht, dass die Pläne für «Physint» ambitioniert sind. Es soll nicht nur eine Art Best-of der bisherigen Arbeit des Designers werden, sondern auch ein Werk, das über das Medium Videospiel hinausgeht. Konkret will Kojima Film und Gaming noch näher zusammenbringen. Je nachdem, wen man fragt, klingen diese Worte eher nach Drohung als nach Versprechen auf eine gute Zeit. Aber spätestens seit der 71-minütigen Cutscene in «Metal Gear Solid 4: Guns of the Patriots» kann niemand mehr behaupten, man habe nicht gewusst, worauf man sich einlässt.
Kojima ist ein Storyteller. Oftmals ein genialer, manchmal aber auch einer mit der Energie und Kohärenz eines ADHS-Kleinkinds, das an einem mit Speed gezuckerten Espresso genippt hat.

Quelle: Konami
Weitere Infos zu «Physint» gab es nach der Ankündigung kaum, was auch an der frühen Entwicklungsphase liegt, in der sich das Spiel bis heute befindet. Der eigentliche Produktionsstart war kurz nach der Veröffentlichung von «Death Stranding 2» im Sommer 2025. Folglich ist der Release noch in weiter Ferne.
Kojima schätzte, dass das Spiel nicht vor 2030 erscheinen würde, womit als gesichert gilt, dass es für die Playstation 6 geplant war. Entwicklungszeiten dieser Länge sind in der modernen AAA-Landschaft normal. In die Entscheidung, das Projekt zu canceln, dürfte dieser Fakt trotzdem eingeflossen sein.
Warum hat Sony «Physint» gecancelt?
Weil Hermen Hulst erst dann zufrieden ist, wenn der Playstation-Brand die gleiche Relevanz hat wie Furbys, Fidget-Spinner und der Macarena-Tanz – nämlich gar keine. Zumindest ist das der Eindruck, der sich nach seiner zweijährigen «Terrorherrschaft» an der Spitze von Playstation aufdrängt.
Unter der Leitung von Hulst hat Sony das erfolgreiche Remake-Studio Bluepoint geschlossen, den «Destiny»-Entwickler Bungie gestutzt und zuletzt angekündigt, sich ab 2028 von physischen Games zu verabschieden.
Dass wir seit unterdessen vier Jahren auf den Abschluss der «Horizon»-Trilogie warten, geht ebenfalls auf die Kappe des Niederländers: Hulst hielt es nämlich für wichtiger, dass Guerilla Games zuerst ein Online-Ableger der Serie herausbringt, bevor Aloys Geschichte weitergeht. Beta-Tester haben «Horizon Hunter Gatherings» allerdings ein derart vernichtendes Urteil verpasst, dass das Spin-Off komplett überarbeitet wird und nun neu als Co-Op-Spiel erscheinen soll. Wenn es denn erscheint.
Die zahlreichen weiteren Fehlgriffe habe ich in diesem Artikel aufbereitet, wobei fairerweise erwähnt werden muss, dass nicht alles davon allein Hulst zuzuschreiben ist. Die Planlosigkeit scheint im Konzern flächendeckend zu sein.
Nun könnte man argumentieren, dass diese Entscheidungen die Folgen eines schwierigen Marktes sind – und teilweise stimmt das sicher auch. Die Entwicklungskosten von Videospielen sind seit der letzten Konsolengeneration explodiert. «007 First Light» kostete IO Interactive über 200 Millionen Dollar. Das neue «Gears of War» soll unbestätigten Aussagen zufolge sogar mehr als 400 Millionen verschlingen – so viel hat gemäss Insider-Infos auch Sonys Kollateralschaden Concord gekostet.

Quelle: IO Interactive
Die langen Entwicklungszeiten sind ein zusätzlicher Unsicherheitsfaktor. Wer ein Spiel im Windschatten eines aktuellen Trends entwickelt, muss damit rechnen, dass der Hype beim Release vorbei ist.
Die zahlreichen gescheiterten Live-Service-Games sind ein gutes Beispiel dafür. Viele davon wurden durchgewunken, weil Epic mit «Fortnite» den Unendlich-Geld-Cheat aktiviert hatte – und zahlreiche Entwickler darin endloses Potential sahen. Als ihre Spiele dann fünf, sechs Jahre später endlich erschienen, war das Potenzial längst weitergezogen. Oder es hat sich gar nicht erst von «Fortnite» wegbewegt.
Rechnet man noch die RAM-Krise und die unsichere Wirtschaftslage hinzu, ergibt das einen ziemlich ungesunden Business-Cocktail, der zumindest ansatzweise als Rechtfertigung durchgeht.
Und warum jetzt wirklich?
Diesen legitimen Argumenten steht die Tatsache gegenüber, dass Sony gerade das finanziell erfolgreichste Jahr aller Zeiten hinter sich hat. Der Elektronikkonzern hat das Geschäftsjahr 2025/26 mit einem operativen Gewinn in der Gaming-Sparte von 463,3 Milliarden Yen abgeschlossen – ein Plus von 12 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Stand heute hätte Sony die Finanzierung des Projekts also locker stemmen können. Dass Kojima und sein Spiel nun trotzdem abgeschossen wurden, liegt mutmasslich am überschaubaren Erfolg von «Death Stranding 2: On the Beach». Bislang hat sich der dystopische Postboten-Simulator erst rund zwei Millionen Mal verkauft. Es ist anzunehmen, dass die Produktionskosten damit bisher nicht eingespielt wurden.

Quelle: Kojima Productions
Bezeichnend ist auch der Vergleich zum Erstling, der laut Kojima über 20 Millionen Spielerinnen und Spieler erreichte – Abo-Dienste wie der Game Pass mitgezählt. Klar, das geschah über einen längeren Zeitraum, aber es wäre utopisch zu glauben, dass der Nachfolger in den nächsten Jahren auch nur annähernd aufholen kann.
«Death Stranding» war ein faszinierendes Spiel. Es war aber auch maximal Kojima. So gern ich seine albernen Charaktere und seine verkopften Storys auch mag, so muss ich doch anerkennen, dass viele seiner Ideen nur bedingt mehrheitsfähig sind. Für manchen Fan hat sich der Designer mit seinem ersten Spiel nach der Trennung von Konami ein Stück weit entzaubert.
Naheliegend also, dass sich Sony irgendwann gefragt hat, wie lukrativ es ist, noch ein weiteres Herzensprojekt eines Entwicklers zu finanzieren, der Gameplay gerne mal mit einem Avantgarde-Experiment verwechselt.
Landet diese Frage dann noch auf dem Schreibtisch von Hermen Hulst, der seit einer Viertelstunde niemanden entlassen durfte und entsprechend nervös ist – nun, die Antwort kennst du bereits.
Wie geht es weiter?
«Physint» und sein Schöpfer haben bei Microsoft ein neues Zuhause gefunden. Der Plattformwechsel dürfte die Entwicklung allerdings ordentlich zurückwerfen. Ein Release vor 2031 scheint unrealistisch.

Quelle: Kojima Productions
Und Sony? Sony wird weiterwursteln. Ich bezweifle, dass Hulst & Co. überhaupt Handlungsbedarf sehen. Die Zahlen stimmen ja. Und wer braucht schon zufriedene Gamer oder Integrität, wenn man stattdessen ein paar zu reiche Aktionäre haben kann, die einem anerkennend auf die Schulter klopfen?
«Play has no limits». Gier offenbar auch nicht.
In den frühen 90er-Jahren vererbte mir mein älterer Bruder sein NES mit «The Legend of Zelda» und startete damit eine Obsession, die bis heute anhält.
Interessantes aus der Welt der Produkte, Blicke hinter die Kulissen von Herstellern und Portraits von interessanten Menschen.
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