
Ted Lasso 4: Fast Food statt Sterneküche
Die ersten drei Staffeln von «Ted Lasso» waren für mich wie eine köstliche Mahlzeit aus vielen überraschenden Zutaten. Staffel 4 wirkt im Vergleich wie ein Fertiggericht. Das Rezept ist ähnlich, aber man nimmt sich zu wenig Zeit.
Achtung: Dieser Beitrag nimmt keine Rücksicht auf Spoiler. Anders als Lucas Vorschau, die du unten verlinkt findest. Willst du die vierte Staffel von «Ted Lasso» unvoreingenommen zu Ende schauen, hör hier auf, zu lesen.
Ich habe wegen «Ted Lasso» mein Abo für Apple TV reaktiviert. Viel Vorfreude, hohe Erwartungen. Und nun, nachdem ich die vierte Staffel zu Ende geschaut habe, bin ich etwas enttäuscht.
Nicht übermässig enttäuscht. Ich habe die Serie zu Ende geguckt und mich gut unterhalten. Dabei hatte ich nie das Gefühl, dass mir mein Geld oder meine Zeit gestohlen wird. Ich fand die vierte Staffel nicht schlecht. Aber nie so gut wie die ersten drei.
Klar, die Ausgangslage war schwierig. Die Serie war auf drei Staffeln ausgelegt und vollständig abgeschlossen. Sie nochmals wiederzubeleben, ohne dass die Qualität nachlässt, ist eine grosse Herausforderung. Trotzdem glaube ich: Das hätte man besser machen können.
Es fehlt die Klammer, die alles zusammenhält
Es ist seit Beginn das Merkmal der Serie, dass es selten direkt um Fussball geht – ich kenne mehrere Fussballmuffel, die nach anfänglicher Skepsis begeistert waren. Aber all die vielen verschiedenen Personen und Geschichten siedelten sich um den Fussball herum an. Er war das Zentrum der Story, die Klammer, die alles zusammenhielt. Dank ihm hatte man trotz der vielen Nebenschauplätze immer das Gefühl, eine konsistente Geschichte erzählt zu bekommen. Das war das Geniale der Serie: Dass sie es schaffte, so viele Figuren und Begebenheiten unter einen Hut zu bekommen, ohne dass man das Gefühl bekommt, es sei ein beliebiger Haufen von zusammengewürfelten Einzelgeschichten.
In Staffel 4 ist das nicht mehr so. Was das Frauenteam des AFC Richmond zusammenkickt, ist nicht das Zentrum der Geschichte. Es scheint die Drehbuchschreiber gar nicht gross zu interessieren. Viel wichtiger finden sie die Beziehungen zwischen Roy und Keeley oder zwischen Rebecca und Matthijs – Personen, die nicht direkt etwas mit dem Team zu tun haben. Das Frauenteam wirkt wie ein Vorwand, damit die Serie weitergehen kann.

Quelle: Apple TV
Es fehlt aber nicht nur ein Handlungszentrum, es fehlt auch die Handlung an sich. Eine übergeordnete Story, die das Publikum über eine ganze Staffel trägt. Ted kommt zurück, übernimmt das Frauenteam, dann passiert ein bisschen dies und ein bisschen das, und am Schluss sind alle happy. Das ist zu beliebig, das ist keine Handlung, die eine Staffel zu einem stimmigen Ganzen zusammenfügt.
Ganz anders in Staffel 1: Ein US-amerikanischer Football-Trainer ohne Ahnung von Fussball übernimmt ein Team der englischen Premier League. Weil die Besitzerin Rebecca auf einem Rachefeldzug ist und den Club an die Wand fahren will. Rebecca hasst nicht nur ihren eigenen Club, sondern alle, die für ihn arbeiten, und kämpft gegen sie. Sie verachtet Leslie, mit dem sie selbstverständlich noch nicht per Du ist, und sie sieht Teds einnehmende Art anfänglich als grosses Problem. Da ist Zunder drin. Anfänglich gibt es fast nur Probleme und jede Menge peinliche Szenen. So kann sich die Serie allmählich entwickeln. Ted ist der Riss in der Wand, durch den das Licht herein scheint. In der zweiten Staffel erhält die vermeintliche Lichtgestalt Ted dann selbst Risse.
Das ist eine so gewagte Story, dass man damit fast nur scheitern kann. Aber genau wie die Figur Ted Lasso schafft auch die Serie das Unmögliche: Wir akzeptieren die absurde Handlung, fangen an, sie zu mögen, sind begeistert. Und fragen uns: Wie zum Teufel haben die Macher das geschafft?
Keine Zeit für die neuen Figuren
In den ersten drei Staffeln nahm sich die Serie viel Zeit, um einzelne Spieler zu charakterisieren. Sie erwiesen sich als komplexe Persönlichkeiten, mit ihren Hintergründen, ihren Abgründen, ihrer Maske und ihrem wahren Kern. Das war spannend und packend.
Die Frauen im Team der vierten Staffel sind dagegen recht oberflächlich skizziert. Stereotypen ohne Tiefgang. Der Grund ist vermutlich, dass schlicht keine Zeit für mehr Komplexität vorhanden ist.
Offenbar war es das Ziel der neuen Staffel, dass möglichst viele der bisherigen Figuren weiter vorkommen müssen. Journalist Trent Crimm, Psychologin Sharon Fieldstone, Superstar Jamie Tartt, CFO Barbara und Nathan the Wonder Kid, alle tauchen für einen kurzen Moment auf und verschwinden wieder, ohne dass sie für die Geschichte eine Rolle spielen. Die vierte Staffel besteht zur Hälfte aus Reminiszenzen, aus Anspielungen auf frühere Ereignisse.
Dabei nehmen besonders Keeley, Roy, Rebecca, Leslie und Coach Beard viel Raum ein. Dieser Raum fehlt den neuen Figuren, den Spielerinnen. Es bleibt keine Zeit, einzelne Spielerinnen als komplexe Persönlichkeiten darzustellen, ihren Hintergrund und ihre Entwicklung realistisch nachzuzeichnen. Es gibt zwar Ansätze dazu: Vor allem bei Gemma, die ein kompliziertes Verhältnis zur Assistenztrainerin Alice hat, und bei Lizzie, der alleinerziehenden Mutter mit starken Führungsfähigkeiten. Aber gerade von Lizzie hätte ich gerne mehr erfahren.

Quelle: Apple TV
Das ist besonders schade, weil bei den altbekannten Figuren nicht mehr die persönlichen Entwicklungen stattfinden, die sie in den ersten drei Staffeln so interessant gemacht haben. Coach Beard macht zwar eine seltsame Midlife-Crisis durch, bleibt allerdings weiterhin eine rätselhafte und unnahbare Figur. Die übrigen Hauptfiguren offenbaren nichts Neues von sich, im Gegenteil: Sie benehmen sich wie Karikaturen von sich selbst. Keeley ist immer überdreht, Roy brummelt und grummelt herum, Rebecca droht ständig die Fassung zu verlieren, um die sie so bemüht ist. Sobald Leslie den Raum betritt, ist ihm irgendetwas peinlich, und damit auch allen anderen. Es ist, als ob die Macher einen ständig daran erinnern würden, wie die Figuren sind, als ob wir das alle zehn Sekunden vergessen würden. So war das nicht gemeint mit «Be a goldfish».
Probleme gelöst per Fingerschnipp
In den ersten drei Staffeln waren Probleme fast so hartnäckig wie im richtigen Leben. Alle Figuren, die an sich arbeiten wollten oder mussten, hatten einen langen Weg mit vielen Rückschlägen vor sich. Etwa der arrogante Jamie Tartt oder der anfänglich viel zu bescheidene Nathan Shelley. Es ist unglaublich schwierig und langwierig, schlechte Gewohnheiten oder gar Charakterdefizite abzulegen, aber es ist möglich – das zeigte die Serie sehr schön. Der Optimismus, den die Serie verströmte, wirkte bei aller Kitsch-Gefahr doch immer glaubwürdig.
In der neuen Staffel dagegen tauchen Probleme kurz auf, und mit einem Fingerschnipp sind sie gelöst. Teds Dilemma, sich zwischen Familie und Beruf entscheiden zu müssen? Ganz einfach: Schnell eine Text-Message an seine Ex schicken, dass sie doch alle drei nach London könnten – erledigt. Die Cliquenbildung wird durch einen gemeinsamen Team-Abend aufgehoben und ist von da an kein Thema mehr. Noch banaler wirken die Probleme auf dem Spielfeld. Alice sagt der Stürmerin Shannon, sie solle nicht so viel denken – und schon spielt diese wie verwandelt. Und die Torhüterin muss nur endlich mal diese verdammten Handschuhe anziehen und ihren Eigensinn ablegen. Die Lösungen sind viel zu einfach – ich finde das langweilig und unrealistisch.

Quelle: Apple TV
Das Highlight: Alice Chilton
Trotz all dieser Schwächen habe ich auch die vierte Staffel gern gesehen. Denn die Zutaten sind alle da: Die Figuren, die uns ans Herz gewachsen sind. Der Humor, der immer zuschlägt, wenn es zu ernst oder zu kitschig zu werden droht. Und es gibt auch etwas Neues, was richtig gut ist: Alice.
Alice ist die perfekte Figur für eine Serie wie «Ted Lasso». Der Umgang mit ihr ist alles andere als reibungslos – damit ist sie wie geschaffen für Ted, den Meister im Verstehen von schwierigen Persönlichkeiten. Gleichzeitig ist Alice sehr ehrlich und will ihre Sache unbedingt gut machen. Ihre Fassade ist von Anfang an brüchig, es zeigt sich eine verletzliche, im Grunde sensible Person, die voller Überraschungen steckt. Alice ist die mit Abstand interessanteste Figur in Staffel 4 – und sie bekommt den nötigen Raum.
Dabei hilft, dass die Story rund um Alice weniger flach ist als bei den anderen Figuren. Sie startet mit einer schwierigen Ausgangslage, will eigentlich Cheftrainerin werden, dann wird ihr Ted vor die Nase gesetzt – ein Mann, der noch nie mit einem Frauenteam gearbeitet hat und von Fussball hundertmal weniger versteht als sie, die ehemalige Profispielerin. Man versteht ihren Frust. Man versteht auch ihren Ärger über Rebecca, die sich selbst als tolle Feministin sieht, aber nie in Erwägung gezogen hat, eine Frau zur Cheftrainerin zu machen.

Quelle: Apple TV
Für Alice gibt es, untypisch für die vierte Staffel, auch keine Abkürzungen in ihrer persönlichen Entwicklung. Auch wenn es zeitweise danach aussieht. Als Neujahrsvorsatz folgt sie dem Rat eines Short-Videos und sagt öfters «ja». Sie setzt dies zwar ungeschickt um, es bleibt aber nicht ohne Wirkung. Nach einem weiteren Ratschlag von Ted baut sie es aus zu «Ja, und». Das funktioniert dann gut, ein bisschen zu gut. Zum Glück folgt die Serie hier den früheren Staffeln: Man wird nicht vom einen Tag auf den anderen zu einem anderen Menschen. Zwei Schritte vor, einer zurück. Alice verfällt zwischendurch wieder in alte Verhaltensmuster, aber sie lernt auch neue.
Ein Hoffnungsschimmer
Alice macht mir auch Hoffnung, dass «Ted Lasso» immer noch mehr sein kann als eine x-beliebige Feelgood-Serie. Vielleicht kommt ja in Staffel 5 noch, was ich mir für Staffel 4 gewünscht hätte. Vielleicht geht es dann endlich um das Team. Um die Spielerinnen. Vielleicht entsteht Raum für gute Storys. Solche, die einen berühren und nicht bloss für ein paar Lacher sorgen.
Ich werde die nächste Staffel auf jeden Fall schauen. Manchmal schmecken ja auch Fertiggerichte ganz gut.
Durch Interesse an IT und Schreiben bin ich schon früh (2000) im Tech-Journalismus gelandet. Mich interessiert, wie man Technik benutzen kann, ohne selbst benutzt zu werden. Meine Freizeit ver(sch)wende ich am liebsten fürs Musikmachen, wo ich mässiges Talent mit übermässiger Begeisterung kompensiere.
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