Deine Daten. Deine Wahl.

Wenn du nur das Nötigste wählst, erfassen wir mit Cookies und ähnlichen Technologien Informationen zu deinem Gerät und deinem Nutzungsverhalten auf unserer Website. Diese brauchen wir, um dir bspw. ein sicheres Login und Basisfunktionen wie den Warenkorb zu ermöglichen.

Wenn du allem zustimmst, können wir diese Daten darüber hinaus nutzen, um dir personalisierte Angebote zu zeigen, unsere Webseite zu verbessern und gezielte Werbung auf unseren und anderen Webseiten oder Apps anzuzeigen. Dazu können bestimmte Daten auch an Dritte und Werbepartner weitergegeben werden.

Shutterstock/Smile19
Hintergrund

Warum Kinder ihre Eltern erschrecken – und was sie dabei lernen

Kinder lieben es, ihre Eltern zu erschrecken. Dafür gibt es gute entwicklungspsychologische Gründe. Ich kenne inzwischen alle Stadien – und nur eine Situation, in der es mir wirklich eiskalt den Rücken runterläuft.

Irgendwas stimmt nicht mit mir, meint mein Sohn. Kann schon sein. Auf seine Versuche, mich zu erschrecken, falle ich jedenfalls selten bis nie mehr rein. Unerwarteter Sprung in den Rücken? Quittiere ich mit einem müden Lächeln und werfe ihn aufs Sofa. Plötzliches Gebrüll aus dem Versteck hinter der halb geöffneten Tür? Meine Mimik verändert sich so wenig wie die von Sylvester Stallone. Wurfgeschoss im Anflug? Ich zucke zwar kurz zusammen, aber mein Puls bleibt stabil.

Meistens weiss ich sowieso, was kommt.

Nach über einem Jahrzehnt als Papa versagt mein sechster Sinn selten. Wir kennen gegenseitig sämtliche Tricks und sind auf der Zielgeraden eines seltsamen Spiels, das zum Aufwachsen dazu gehört: das gegenseitige Verstecken, Erschrecken und Erschrecktwerden. Doch was steckt dahinter? Es sind einige Entwicklungsschritte, die ein Kind durchlebt, bevor es so gewieft wie Erwachsene agiert.

  • Hintergrund

    Von der Rückkehr der Zeit: grössere Kinder, grössere Freiheit

    von Michael Restin

Aus den Augen, aus der Welt?

Aller Anfang ist harmlos. Mit Kindern lernst du dich selbst neu kennen und spielst auf einmal Spiele, bei denen du ein paar Jahre zuvor noch genervt die Augen verdreht hättest: Beim Kicher-Klassiker «Gugus? Dada!» lernen Kleinkinder zunächst einmal, dass Menschen und Gegenstände auch dann noch existieren, wenn sie nicht mehr zu sehen sind. Diese Objektpermanenz entwickelt sich ab einem Alter von acht Monaten. Das «Auftauchen» und «Verschwinden» von Gesichtern oder Gegenständen im Blickfeld des Kindes ist deshalb nicht nur ein lustiges Spiel, sondern auch ein wichtiges Training. Der Wechsel zwischen Spannung und Entspannung stärkt ausserdem die emotionale Belastbarkeit und die soziale Bindung. Das Kind lernt: Am Ende sind Mama und Papa doch da, auch wenn ich sie gerade nicht sehe.

Ich weiss was, was du nicht weisst

Ein paar Jahre später ist dein Kind schon viel weiter. Mit drei oder vier kauert es häufiger mal kichernd hinter dem Sofa, wenn du den Raum betrittst. Doch in der Regel kann es kaum an sich halten, bevor es «Buh!» schreiend aus seinem Versteck springt. Woraufhin du natürlich angemessen «erschrickst». Und lachst, als hättest du von nichts gewusst. Ein bisschen natürlich auch vor Freude, weil das gemeinsam aufgeführte Schauspiel nicht lächerlich ist, sondern ein Entwicklungsschritt.

Das Kleinkind versteht jetzt, dass andere Menschen eine andere Wahrnehmung haben. Die Erkenntnis: «Ich weiss, dass ich hinter dem Sofa sitze, aber die anderen wissen es nicht», kommt ab einem Alter von etwa vier Jahren ins Leben. Davor gehen Kinder oft davon aus, dass alle wissen, was sie selbst wissen. Schön zu beobachten bei jedem Kasperlitheater, wenn Kinder unterschiedlichen Alters im Publikum sitzen.

Eichhorn Kasperletheater
Puppe

Eichhorn Kasperletheater

Erst legt Kasperli seine Goldmünze in eine Truhe und ruft ins Publikum: «Ich geh kurz weg, passt gut drauf auf!» Dann kommt der Räuber und versteckt die Münze hinter dem Baum. Wenn Kasperli schliesslich fieberhaft seine Münze sucht, verstehen die meisten Dreijährigen nicht, warum er nicht weiss, dass die Münze nun hinter dem Baum ist. Für sie ist das Spektakel eher verwirrend.

Die etwas älteren Kinder verstehen den Spass. Sie können die Perspektive wechseln und wissen deshalb, was Kasperli noch nicht weiss. Entsprechend können sie mitfühlen. Und auch vorhersehen, dass Kasperli gleich vom Krokodil erschreckt werden wird, das sich da gerade anschleicht, während er abgelenkt ist. Er sieht es ja nicht.

Sie haben das, was man als «Theory of Mind» bezeichnet. Kinder mit älteren Geschwistern erreichen diesen Punkt übrigens oft etwas früher. Von nun an sind sie theoretisch selbst in der Lage, andere bewusst zu überlisten oder zu erschrecken. Sie müssen nur noch ihre verräterische Vorfreude in den Griff bekommen.

Emotionen kontrollieren und Bindung demonstrieren

Auch wenn die Kinder die Situation verstehen, klappt das mit dem Erschrecken noch nicht wirklich. Weil sie vor Spannung, Aufregung und Emotionen nur so überlaufen, zappelt und giggelt es hinter dem Vorhang, bevor die geplante Überraschung gelingen kann. Die Bremse im Kopf, auch Emotionsregulation genannt, greift noch nicht. Ihre Vorfreude bricht sich Bahn und das Belohnungssystem feuert bereits dermassen aus allen Synapsen, dass es im Prinzip egal ist, wie die Geschichte weitergeht. Ob jemand erschrickt oder nicht: Am Ende steht sowieso ein Lachanfall.

  • Meinung

    25 gute Gründe für Kinder

    von Katja Fischer

Was für ein goldiges Alter. Die Kinder erreichen den Lach-Peak des Lebens – und jedes versuchte Spiel mit dem kleinen Thrill ist ein Kompliment an die Eltern. Denn jeder neue Anlauf, sie zu erschrecken, gleicht einem kleinen Vertrauensbeweis: Das Kind hat keine Angst vor der Reaktion, sondern fühlt sich sicher und geborgen. Gönn ihm diese kleinen Momente der Machtumkehr, solange du deine Reaktion noch spielen kannst. Denn im frühen Schulalter werden die Methoden der Kinder gewiefter – und du erschrickst vielleicht das erste Mal richtig.

Hurra, das Pokerface ist da

Mit sechs bis acht Jahren entwickeln Kinder die Fähigkeit, ihre Emotionen so zu kontrollieren, dass du im «erschreckenden» Beispiel von eben ihre Absichten nicht gleich erkennst. Es herrscht Ruhe hinter dem Sofa, der Vorhang wackelt nicht mehr. Die Kinder lernen, still auf dich, ihr Opfer, zu warten. Ihre Impulskontrolle verbessert sich deutlich. Das ist ein weiterer wichtiger Entwicklungsschritt.

Wer sich im Griff hat, warten und strategisch handeln kann, profitiert in vielen Lebensbereichen davon. Das hat unter anderem das berühmte Marshmallow-Experiment gezeigt. Jener verlockende Versuch, bei dem Kinder die Wahl haben, einen Marshmallow sofort zu essen – oder 15 Minuten geduldig davor sitzen zu bleiben und zur Belohnung gleich zwei zu bekommen.

Das Marshmallow-Experiment wurde in den 1960ern erstmals durchgeführt und unzählige Male wiederholt. Es ist gut belegt, wie positiv es sich auch langfristig auswirkt, wenn ein Kind Strategien zum Belohnungsaufschub beherrscht. Die gute Nachricht ist, dass man diese Fähigkeit lernen und trainieren kann. Genau das tut ein Kind auch dann, wenn es jemanden erschrecken will: Es widersteht dem Impuls, sofort vorzupreschen, um die grössere Belohnung in Form eines perfekten Schreckmoments abzuwarten.

Der Marshmallow-Effekt (Deutsch, Walter Mischel, 2016)
Sachbücher

Der Marshmallow-Effekt

Deutsch, Walter Mischel, 2016

So gesehen ist es eine gute Sache, wenn deine Kinder solche Streiche aushecken. Weil sie sich aus Spass und freien Stücken darin üben, sich besser zu kontrollieren und so nach und nach bessere Ergebnisse zu erzielen. Ich gebe zu, dass ich ab diesem Alter nicht mehr ganz so überlegen lächelnd jeden Hinterhalt vorhergesehen habe und mich daran gewöhnen musste, ab und zu ausgetrickst zu werden. Mit älteren Kindern kennst du dieses Gefühl wahrscheinlich.

Der perfekte Elternschreck

Ungefähr ab dem Alter von zehn Jahren können die Kinder nicht nur deine und ihre Absichten miteinander abgleichen, ein Pokerface aufsetzen und dir mit unschuldigem Augenaufschlag ins Gesicht lügen, um ihre wahren Pläne zu kaschieren. Sie können auch die Macht der List gezielt einsetzen und dich auf eine falsche Fährte locken. Niemand wartet mehr kichernd hinter dem Sofa. Aber im Kinderzimmer brennt vielleicht noch das Licht, hinter das du geführt werden sollst.

Weil du vermutlich zuerst zum Kleiderschrank schleichen wirst, wenn dieser einen Spalt breit offen steht. Das war doch immer ihr Lieblingsversteck. Jetzt ist es eine Falle, die zum Glück nur sprichwörtlich zuschnappt, wenn dein Kopf in der Schranktür verschwindet. Die Überraschung kommt aus dem Hinterhalt. Sie überrumpeln dich in Situationen, in denen du dich wirklich ertappt fühlst. Sie spielen auf der ganzen Klaviatur der komplexen sozialen Dynamik. Herzlichen Glückwunsch, deine Kinder sind fast bereit für die Welt da draussen.

Schluss mit lustig

Bis es so weit ist, werden sie uns Eltern ordentlich abgehärtet haben. Der ganz normale Wahnsinn endet in der Regel dann, wenn die Kinder sich und ihre Streiche mehr und mehr im Freundeskreis ausleben. Es sei denn, da wächst ein komischer Vogel wie Youtuber maexx heran. Der hat einfach nie damit aufgehört, seine Eltern zu erschrecken – und füttert seine Social-Kanäle damit.

So etwas zu sehen, macht mir mehr Angst als der Gedanke, dass meine Kinder es nicht mal mehr für wert befinden, mich zu erschrecken. Denn – das weiss ich jetzt schon – ich werde diese spielerischen, lustigen, «erschreckenden» Momente auch irgendwie vermissen. Alle bis auf einen.

Mein grösster Schreckmoment

So richtig kalt den Rücken runter läuft es mir nur dann, wenn das Leben selbst Regie führt und gar keine Absicht dahintersteckt. Die Situation, die mich zu Tode erschreckt, erwischt mich alle ein bis zwei Jahre. Im guten Glauben, dass alles schläft, während ich tiefenentspannt durch die dunkle Wohnung schlurfe.

Wenn du dich jemals in dieser Stimmung, in der deine Aufmerksamkeit längst runtergefahren ist, nichtsahnend umgedreht hast und ein schlaftrunkenes Kind einen Meter hinter dir stand, als hätte es sich aus irgendeinem Horrorfilm materialisiert, dann weisst du, wovon ich rede.

  • Kritik

    «Resident Evil Requiem» ist das erhoffte Horror-Meisterwerk

    von Domagoj Belancic

Titelbild: Shutterstock/Smile19

6 Personen gefällt dieser Artikel


User Avatar
User Avatar

Einfacher Schreiber, zweifacher Papi. Ist gerne in Bewegung, hangelt sich durch den Familienalltag, jongliert mit mehreren Bällen und lässt ab und zu etwas fallen. Einen Ball. Oder eine Bemerkung. Oder beides.


Hintergrund

Interessantes aus der Welt der Produkte, Blicke hinter die Kulissen von Herstellern und Portraits von interessanten Menschen.

Alle anzeigen

Diese Beiträge könnten dich auch interessieren

  • Hintergrund

    First world problems: Wenn Kinder keine Wünsche mehr haben

    von Michael Restin

  • Hintergrund

    «Weihnachten ist das perfekte Setting, in dem versteckte Konflikte zur Trennung führen können»

    von Martin Jungfer

  • Hintergrund

    Besuch im einzigen Schweizer Kindermuseum

    von Martin Rupf

1 Kommentar

Avatar
later