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Guillermo Berlin via Pexels
Hintergrund

Das Ende von Oversize? Die Skinny Jeans schlägt zurück

Kaum ein Kleidungsstück wurde in den vergangenen Jahren so konsequent verschmäht wie die Skinny Jeans. Nun ist sie auf bestem Weg zurück. Was ihr Comeback über die Mode unserer Zeit verrät.

Bis vor Kurzem hiess es noch: Wer Skinny Jeans trägt, offenbart sich als Millennial, der modisch irgendwo in den 2010er-Jahren stecken geblieben ist. Denn das aktuelle Jahrzehnt stand bisher ganz im Zeichen der Übergrösse. Weite, extra lange Hosen und voluminöse, skulpturale Passformen gaben ausladende Silhouetten vor – mehr Stoff, weniger Body. Doch so langsam scheint diese Ästhetik zu kippen.

Fast 500 Prozent mehr Skinny Pants

Schon seit einigen Saisons munkelt man über ein Comeback der Skinny Jeans. Ende 2023 zum Beispiel zeigte sich Trendsetterin Bella Hadid in einem schmalen Jeansmodell und regte damit den Diskurs an. Miu Miu schickte für seine Winterkollektion 2024 Models in hautengem Denim über den Laufsteg. Einzelfälle, hatte man damals noch sagen können.

Miu Miu Herbst/Winter 24
Miu Miu Herbst/Winter 24
Quelle: Launchmetrics/Spotlight
Celine Menswear Frühling/Sommer 27
Celine Menswear Frühling/Sommer 27
Quelle: Launchmetrics/Spotlight

Mittlerweile muss man die Augen allerdings ziemlich doll zukneifen, um die Entwicklung zu übersehen. Celine, Gucci, Valentino, Isabel Marant, 7 For All Mankind und Prada zeigten zuletzt auf ihren Laufstegen zahlreiche Hosen, die mindestens als Slim, teilweise eindeutig als Skinny durchgehen. Besonders deutlich wird die Verschiebung in der Männermode: Laut einer Analyse der Laufsteg-Suchmaschine Tagwalk nahm die Präsenz von Skinny Pants – also Jeans und Stoffhosen – in den Kollektionen für Frühling/Sommer 2027 gegenüber der vergangenen Saison um 497 Prozent zu.

Warum ausgerechnet jetzt?

Das klingt nach einem ziemlich eindeutigen Comeback. Zumindest auf dem Laufsteg. Denn ob wir auch im Alltag schon wieder bereit für hautenge Hosen sind, ist eine andere Frage. So lässt sich das Phänomen derzeit eher als symbolisches denn als kommerzielles Comeback einordnen. Die Mode tastet sich bereits wieder an die Skinny Jeans heran, der Massenmarkt ist zurückhaltender. 2023 erst meldete das Marktforschungsunternehmen Circana in den USA einen Rückgang der Skinny-Jeans-Verkäufe um 22 Prozent.

Und doch ist ein Wandel erkennbar. Dass Skinny Pants schon jetzt wieder interessant wirken, passt zur allgemeinen Beschleunigung von Modezyklen. Lange hielt sich die Faustregel, dass ein grosser Trend ungefähr 20 Jahre braucht, um zurückzukehren: Genug Zeit, damit eine neue Generation das einst Altmodische nicht mehr als peinlich, sondern als retro und cool wahrnimmt.

7 For All Mankind Herbst/Winter 26
7 For All Mankind Herbst/Winter 26
Quelle: Launchmetrics/Spotlight
Prada Menswear Frühling/Sommer 27
Prada Menswear Frühling/Sommer 27
Quelle: Launchmetrics/Spotlight

Heute kann dieser Prozess deutlich schneller ablaufen. Trends erreichen uns nicht mehr nur über saisonale Kollektionen, Laufstege und Magazine, sondern prasseln permanent über Fast-Fashion-Ketten und soziale Medien auf uns ein. Was überall und ständig zu sehen ist, wird auch entsprechend schnell langweilig. Die Suche nach dem Unvertrauten beginnt – und fündig wird man nicht selten in der Vergangenheit. Ein in Verruf geratener Trend wirkt, gerade weil er polarisiert, wieder aufregend. Wer ihn trägt, kann sich von der Masse abheben, sich als Trendsetterin oder Trendsetter positionieren.

Schrumpfende Körper, schrumpfende Hosen

Auch der aktuelle Nostalgiezyklus hilft der Skinny Jeans wieder auf die Beine. Nachdem die Mode das letzte halbe Jahrzehnt die Ästhetik der Nullerjahre erfolgreich reanimiert hat, geraten nun zunehmend die 2010er ins Blickfeld. Passenderweise sind auch Ballerinas, Zeitgenossinnen der Skinny Jeans, längst rehabilitiert – nachdem sie damals einen ähnlich spektakulären Absturz erlebt hatten. Selbst Sneaker sind filigraner geworden. Die Proportionen rund um die Hose verändern sich also gleich mit.

Mindestens so spannend ist zudem, was sich unter der Kleidung abspielt. Denn es scheint, als wäre selbst die Diätkultur aus jener Zeit zurück. Parallel zur Rückkehr körperbetonter Silhouetten gewinnen auch extrem schlanke Körperideale wieder zunehmend an Sichtbarkeit – nicht zuletzt im Zuge der viel diskutierten «Ozempic-Epidemie».

Valentino Herbst/Winter 26
Valentino Herbst/Winter 26
Quelle: Launchmetrics/Spotlight
Dior Men Frühling/Sommer 26
Dior Men Frühling/Sommer 26
Quelle: Launchmetrics/Spotlight

Skinny ist nicht gleich skinny

Bleibt zu hoffen, dass wir immerhin aus einem Fehler gelernt haben: nämlich dass die Mischung aus Jeans und Leggings – also Jeggings – eine sehr, wirklich sehr schlechte Idee ist. Noch können wir aufatmen. Die Skinny Jeans von heute ist glücklicherweise nicht exakt die gleiche wie damals.

Sie hat mehr Struktur, weniger Stretch. Die Schnitte sind dementsprechend nicht mehr kompromisslos eng. Manche Modelle, die heute als Skinny bezeichnet werden, wären vor 15 Jahren vielleicht noch knapp als Straight Fit durchgegangen. Mit der Cigarette Jeans war zuletzt zudem eine Art Light-Version der Skinny Jeans besonders präsent: körpernah, aber nicht vakuumverpackt.

Und was passiert mit unseren Baggy Jeans?

Vorerst: gar nichts. Dass enge Hosen so langsam zurückkommen, bedeutet nicht automatisch, dass weite verschwinden. Wide Leg, Straight Leg, Barrel Leg und Skinny Jeans existieren gerade erstaunlich friedlich nebeneinander. Wie weit das Spektrum mittlerweile reicht, zeigte zuletzt etwa Celine: In derselben Menswear-Kollektion liefen Models in knappen Leggings neben solchen in voluminösen Ballonhosen über den Laufsteg.

Vielleicht ist genau diese Gleichzeitigkeit das eigentlich Interessante an der Entwicklung. Trendzyklen, die so schnell rotieren, dass sie überlappen. Gegensätze, die ganz selbstverständlich koexistieren. Ob darin ironischerweise sogar die Antwort auf die immer kürzere Lebensdauer von Trends liegt? Womöglich dreht sich das Karussell bald schon so rasant, dass Stillstehen selbst für die grössten Fashion-Victims zur ansprechendsten Option wird.

Titelbild: Guillermo Berlin via Pexels

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Hat grenzenlose Begeisterung für Schulterpolster, Stratocasters und Sashimi, aber nur begrenzt Nerven für schlechte Impressionen ihres Ostschweizer Dialekts.


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